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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-28 · Heft 52 (28.12.1906) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 52 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
Seite 619 (sequence 7)
Language
German
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61& gattinnen zu haben, brachte sie das Kunststück fertig, für sich allein zwei Ehemänner zu ergattern, wobei sie ihre Maßregeln so vorsichtig traf, daß keiner der beiden Männer von seinem Nebenbuhler wußte. Es kam ihr dabei sehr zustatten, daß die Berufe der beiden Männer ganz verschieden waren. Der eine von ihnen war den ganzen Tag zu Hause und ging erst nachts seinen Geschäften nach, während der andere den Tag über auswärts war und nur des Nachts nach Hause kam. Der erste hieß Haram und betrieb den zu jener Zeit sehr gewinnbringe,lden Beruf eines Straßenräubers; der zweite hieß Akil und war Taschenspieler. Mehrere Monate hindurch lebten sie beide im glücklichen Besitz ein und derselben verschmitzten Frau, die sie trefflich hinters Licht zu führen wußte, bis eines Tages die Katastrophe eintrat. Dies geschah also: Der Gatte Nr. 1, der Räuber Haram, eröffnete seiner Frau, daß er in wichtigen Angelegenheiten verreisen müsse; sie war trostlos über diese Trennung, und nur ihni einen neuen Beweis ihrer Liebe zu geben, besorgte sie geschäftigwas er zu seiner Reise benötigte. Auch an gute Wegzehrung dachte sie, sie teilte eine kalte Hammelkeule und gab ihm die eine Hälfte davon. Der Abschied des Räubers von seiner Ehehälfte war sehr rührend. Sein Weg führte ihn an die Ufer des Nils. Kaum war er einige Stunden fort, als auch der Taschenspieler seiner Frau mitteilte, daß er in dringenden Geschäften Kairo verlassen müsse. Dieselbe rührende Szene spielte sich auch jetzt ab, die Gattin war trostlos; und nur der eine Gedanke beruhigte sie ein wenig, daß die Nebenbuhler nicht zusammen träfen. Dem Gatten Nr. 2 gab sie die zweite Hälfte der Hammelkeule. Der Zufall wollte es, daß er auch seinen Weg nach dem Nil hinnahm. Am Abend kehrte er in einer Karawanserei ein, u»n dort zu übernächtigen. Als er in das weitläufige Gebäude eintrat, fand er nur einen einzigen Gast, mit dem er auch bald Bekanntschaft machte, und zwischen den beiden Reisenden entwickelte sich ein reges Gespräch. „Du scheinst sehr ermüdet zu sein," sagte Haram zu Akil, „woher kommst Du denn?" „Ich bin seit heut Vormittag von Kairo unterwegs." „Das ist merkwürdig, ich komme auch aus dieser Stadt," erwiderte Haram, „und zwar bin ich auch heute früh aufgebrochen. Solltest Du. Freundchen, noch weiter reisen, so können wir ja den Weg zusammen machen; es wäre mir schon deshalb angenehm, damit ich wieder die Vorschrift des Propheten befolge, die da lautet: Begib dich nicht auf den Weg ohne einen guten Gefährten! Wenn du inzwischen ein schlichtes Mahl mit mir teilen willst, so kann ich Dir einige Datteln und ein Stück von einer Hammelkeule anbieten." Gern nahm der Reisegefährte die Einladung an, aber begreiflicherweise wollte er auch ein Scherflein zu dem Mahl liefern, um sich dankbar zu erzeigen, und jeder packte nun feinen mitgebrachten Vorrat aus. Als beide auf den Teppich gelegt, was sie sich gegenseitig anzubieten hatten, bemerkten sie zu ihrer großen Verwunderung, daß die Stücke der Hammelkeule vollkommen genau zu einander paßten. Der Räuber wie der Taschenspieler waren einfach sprachlos. „Freund," fragte Akil seinen Genossen, „kannst Du mir nicht sagen, woher Du dieses Stück Hammelkeule genommen hast?" „Ja, meine liebe Frau hat es mir vor der Reise eiugepackt, aber darf auch ich wiffen, woher Du cs hast?" „Gleichfalls von ineiner Frau." „Wo wohnst Du denn eigentlich in Kairo?" „Nahe am Siegestor." „Das ist doch merkwürdig, ich wohne auch dort." Ein Wort gab das andere, und bald hatten die Reisenden die Ueberzeugung erlangt, daß sie beide seit Monaten dieselbe Frau zur Gattin hatten. Diese unliebsame Entdeckung entfachte bald einen heftigen Streit zwischen ihnen, aber sie überlegten sich schließlich die Sache und kamen zu der Erkenntnis, daß es besser wäre, wieder umzukehren, ihre Geschäfte wieder aufzunehmen und sich über das dreieckige Verhältnis Aufklärung zu verschaffen. So kehrten denn Harain und Akil zurück und kamen natürlich gleichzeitig in ihrer gemeinschaftlichen Wohnung an. Als die liebe Gattin sie zusammen erblickte, wäre sie beinahe in Ohnmacht gefallen. Sie war sich klar darüber, daß sie als Bigamistin entdeckt war. auch sah sie ein, daß es vergeblich wäre, noch nach einem Vorwände zur Bemäntlung der Wahrheit zu suchen. Sie hielt es daher für das klügste, alles einzugestehen, reumütig um Vergebung zu bitten und beide um Gnade anzuflehen. Da sie von beiden legitimen Gatten so zärtlich geliebt wurde, daß selbst ihre Untreue die leidenschaftlichen Gefühle der Ehemänner nicht abkühlen konnte, nahm keiner von ihnen den Fall zu tragisch. Sie machten ihr nur lebhafte Vorwürfe und erklärten ihr, daß sie nicht gesonnen seien, in dieser Doppelehe fortzuleben und daß sie sich daher entscheiden müsse, eine Wahl zu treffen und entweder den einen oder anderen Mann zu behalten. Aber alles Zureden half nichts, sie konnte sich nicht entscheiden und versicherte immer wieder, beiden mit gleicher Liebe ergeben zu sein. „Wohlan," sagte sie schließlich zu ihnen, „da ich doch endlich wählen muß, ich aber, wie schon gesagt, keinen Grund habe, den einen dem anderen vorzuziehen, so will ich Euch einen Vorschlag zur Güte machen. Ihr lebt beide von Eurer Geschicklichkeit und Gewandtheit in Eureni Gewerbe; Du, Akil, übst die Kunst des Taschenspiels bei Tag und Du, Haram, die der Beutelfchneiderei in der Nacht aus, ich erkläre hiermit, daß ich denjenigen zum Mann behalten will, der von Euch sich als der größte Meister in der Ausübung seines Gewerbes betätigt." Diesen Vorschlag nahmen beide an und rüsteten sich sofort, ihre Geschicklichkeit zu erproben. Akil als Taschenspieler machte den Anfang. Mit Harain begab er sich auf einen der berühmtesten Basare von Kairo und zeigte dort mit dem Finger auf einen alten Juden, der langsam einherging. „Haram, Du siehst dort den Juden, nicht wahr? Merke Dir, bevor er noch den Basar zu Ende gegangen, will ich ihn zwingen, mir seine Geldbörse zu geben/' Als er dies gesprochen, trat er dicht an den Israeliten heran und entwand ihm unbemerkt und mit größter Behendigkeit seinen großen Geldbeutel. Haram beglückwünschte ihn zu dieser Probe seiner Bravour, allein Akil sagte zu ihm: „Damit ist die Sache noch nicht abgetan, auch fällt es mir in diesem Falle gar nicht ein, mir das Geld anzueignen, denn das Gericht könnte mich zwingen, das Geld wieder herauszugebeu und mich obendrein bestrafen. 'Ich will das Kunststück fertig bringen, daß der Kadi selber mir die Börse des Juden aushändigen soll." Bei diesen Worten zog er sich in einen abgelegenen Winkel zurück, öffnete den Beutel, zählte das Geld nach, nahm zehn Zechinen heraus, steckte dieselben zu sich und legte dafür seinen Trauring ein. Als dies geschehen, machte er sich wieder an den Juden und steckte ihm ebenso geschickt die Börse zu, wie er sie entwendet hatte. Aber kaum war der unglückselige

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