Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- Seite 618 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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618 sind noch nie auf den Gedanken gekommen, einen Religionslehrer in den Vorstand zu wählen. Würde dieser nicht in einer solchen Vertretung gute Dienste leisten? Man kann ein tüchtiger Geschäftsmann, Rechtsanwalt, Bankier, Arzt oder Fabrikant sein, von dein Wesen des Judentums und seiner Lehrer muß man aber deshalb noch nichts verstehen. Es wundert mich, daß man nicht auf den Gedanken kommt, einen Lehrer, gleichsam als Experten, in den Kultusvorstand zu wählen. Und wie in Wien, so ist es auch anderwärts. Daß aber unsere Führenden nun einznsehen beginnen, daß man die Interessen des Judentums auch auf politischen! Gebiete wahren müsse, begrüßen wir mit Freuden. Dafür haben wir in diesen Briefen seit Jahren plädiert. Die Herren haben es am eigenen Leibe erfahren, daß sie von keiner Partei etwas zu erwarten haben. Und sie sind stutzig geworden. Rur möge man unsere Kultusgenwinden nicht zu Agitationsherden werden lassen, um gewisse mandatslüsterne Herren in die Höhe zu bringen. Nicht jeder, der sich nach einem Mandate, sei es nun für den Reichsrat oder Landtag sehnt, verdient es auch, dies zu erlangen. Wir werden uns bei den nächsten Wahlen die Herren genau anschauen, die uns vertreten sollen. Es müssen dies lautere Charaktere sein, Männer mit Herz, Juden im besten Sinne das Wortes, nicht Leute, die an dem Herde des Judentums ihr Bettelsüppchen wärmen wollen. Der 1. Dezember dieses Jahres wird, so hoffen wir, auch für uns Inden ein Tag werden, den wir mit roten Lettern bezeichnen in den Jahrbüchern unserer Geschichte. Iwri. Das jüdische Llement in den Erzählungen von XOOI Macht. Von Dr. Adolph Ko Hut. III. erzweifelt und den Tod iin Herzen verließ die Frau des Kadi das Haus ihrer bisherigen Wohltäter und ging fort, ohne zu wissen wohin. Als sie so einher wanderte, kam sie nach einem Dorfe, wo sie viele Leute zusammengerottet sah und einen Mann noch lebendig an einem Baum hängend erblickte. Auf ihre Frage, was der Mann begangen habe, wurde ihr zur Antwort, daß er sich eine Missetat zuschulden habe kommen lassen, die er nur durch Tod oder durch so und so viele Almosen sühnen könne. Ohne sich auch nur eine Minute zu bedenken, zog sie die wenigen Drachmen, die sie bei sich hatte, aus der Tasche und bot diese Summe als Lösegeld für ihn an, seine Befreiung erflehend. Infolgedessen wurde der Mann vom Baum losgebunden und in Freiheit gesetzt. Er warf sich vor der Frau des Kadi auf die Knie, pries sie als seine Lebensretterin und gelobte hoch und heilig, bis zu seinem Tode einen gottesfürchtigen Lebenswandel zu führen. In der Einsamkeit baute sie sich eine kleine Hütte, und der voin Tode Errettete brachte ihr Holz und Lebensmittel. Ihr ganzes Leben weihte sie den -Kranken und Unglücklichen, niemand kam zu ihr, den sie nicht tröstete und aufrichtete, so daß jedermann für sie betete und Gottes Segen auf sie herabflehte. Aus den fernsten Gegenden kamen Leute zu ihr, um ihre medizinischen Kenntnisse in Anspruch zu nehmen oder durch ihre Gebete und Fürsprache wieder zu genesen. Durch Gottes Fügung geschah es, daß der Bruder des Kadi, der sie hatte steinigen kaffen, ein Krebsgeschwür im Gesicht bekam und daß die Frau, die sie wegen des erdolchten Knaben mißhandelt hatte, aussätzig und der Verbrecher, der sie verführen wollte und statt ihrer daS Kind getötet, lahm wurde. Inzwischen war der Kadi von seiner Wallfahrt zurückgekehrt und hatte zu seinem größten Schmerz von dem Ehebruch und der Strafe seiner Frau erfahren. Er sagte nun zu seinem kranken Bruder: „Du siehst, mein geliebter Bruder, daß die Aerzte Dir nicht helfen können. Ich würde Dir raten, zu der frommen Frau nach der Hütte zu gehen. Vielleicht wird Dich Gott durch sie heilen." Er bat den Kadi, ihn hinzubringen. Das gleiche tat der Gatte der Aussätzigen, und ebenso schlich sich der Lahme zu der Wundertäterin. Sie alle trafen sich vor der Tür der frommen Frau, und sie konnte alle sehen, ohne von ihnen bemerkt zu werden. Sofort erkannte sie ihren Gatten, dessen Bruder, den Mörder und die ungerechte Frau. Nachdem ihnen gestattet worden, bei ihr einzukehren, erkannten sie die verschleierte Frau nicht. Diese erklärte allen mit verstellter Stimme, daß sie ja nicht hoffen sollten, geheilt zu werden, wenn sie nicht ihre Sünden bekennen, denn Gott helfe nur dem, der seine Sünden nicht verhehle. Der fromme Kadi war ganz dieser Ansicht, und er drang in. seinen kranken Bruder, sein Herz vor Gott auszuschütten und alle seine Sünden zu beichten, die er je begangen habe. Denn wehe denen, die den Herrn erzürnen, vor dem Thron Gottes hören alle Täuschungen auf. Dem Sterblichen bliebe nichts anderes übrig, als Ergebung in Gottes Willen. Hierauf bekannte der Bruder des Kadi alle seine Missetaten, die er gegen seine Schwägerin begangen, ebenso bereute die Frau des erdolchten Knaben, daß sie ungerechterweise eine Frau mißhandelt habe, und auch der Lahme gestand die Tötung des Kindes ein, doch sei dies nicht absichtlich geschehen, sondern nur aus Eifersucht und verschmähter Liebe, da er nicht den Kleinen, sondern die Frau habe treffen wollen. Als die wundertätige Frau alle diese Geständnisse hörte, rief sie tief erschüttert aus: „O Gott, Du siehst, alle diese Sünder haben sich vor Dir gedemütigt, vergib ihnen, o Herr und laß ihnen den Lohn ihres Gehorsams und ihrer Bekehrung zuteil werden, Du bist ja der allbarmherzige und allgütige Gott." Und der Himmel erhörte das Gebet der sittenstrengen und edlen Jüdin und heilte die Gebresten der Kranken. Unaussprechlich war die Freude des Kadi, als er seine totgeglaubte Gattin wieder erkannte und von. ihrer Unschuld sich überzeugte. Er. vereinigte sich wieder mit ihr, und sie lebten nun glücklich, sie verzieh in ihrer Großmut allen, die ihr Böses getan. Auch blieben sie seitdem beisammen und lebten in Gottesfurcht, bis der Allzermalmer Tod die Herzen, die für einander schlugen, trennte. In der sehr drolligen und humoristischen Erzählung von den beiden Ehemännern wird in der Gestalt des unschuldig verdächtigten und schließlich bastonierten israelitischen Kaufmanns sogar der Rassenfanatismus an den Pranger gestellt. Allerdings geschieht dies nicht in vordringlich tendenziöser Weise, sondern in Form einer poetischen und anziehenden Erzählung, die vielleicht zu den besten Humoresken der Weltliteratur gehört. Zur Charakteristik der betreffenden Figur, aber zugleich auch zur Erheiterung unserer Leser, sei aus jener Erzählung einiges hier mitgeteilt. Unter der Regierung eines alten Königs von Aegypten lebte in Kairo eine der schlauesten und durchtriebensten Frauen, die es je gegeben. Obschon Mohammedanerin, kümmerte sie sich wenig um die Gesetze des Korans und des heiligen Propheten Mohammed. Während der Islam bekanntlich den wahren Glänbigen gestattet, drei rechtmäßige Ehe-