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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-28 · Heft 52 (28.12.1906) · p. Seite 617

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 52 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
Seite 617 (sequence 5)
Language
German
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617 Auch für dich, schöne Leserin aus Berlin, habe ich eine Schmeichelei, bie. meinen heutigen Brief krönen soll. In der Kölner Vereinigung für rechts- und staatswissenschaftliche Fortbildung hielt der Regierungsbaumeister und katholische Stadtverordnete Moritz, bekannt als,rheinischer Theatererbauer, einen Vortrag über „Moderne Baukunst". Er erzählte mit besonderem Nachdruck, daß die ersten, die der nach 1870 einsetzenden widerlichen Kunstprotzerei in unserem Vaterland mit einer künstlerisch durchdachten und feingeistigen Kunstanwendung entgegen getreten seien, die Berliner Jüdinnen gewesen sind. Ubenanus Srirk aus Vekterreich. Im Dezember 1906. er erste Dezember dieses scheidenden Jahres wird in der Geschichte des alten Kaiserstaats immer als ein denkwürdiger Tag bezeichnet werden. Die Wahlreform ist nun Gesetz geworden, und schon im nächsten Jahre werden die Wähler nach dem allgemeinen direkten und gleichen Wahlrecht ihre Vertreter in den Reichsrat entsenden. Dieses Gesetz hat das Licht der Welt erblickt an jenem Tage, an dem, vor nun 58 Jahren, eine Neugestaltung in Oesterreich sich vorbereitete. War es doch am 2. Dezember 1848, daß unser Monarch den Thron seiner Väter bestieg, mit freudigen Hoffnungen von allen Völkern dieses Staates begrüßt, auch von den Juden, die seit Jahrhunderten in diesem Reiche leben. Es wäre müßig, jetzt danach zu forschen, wie dieses neue Wahlrecht auf die Gestaltung der Parteienverhältnisse im Reichsrate wirken werde. Kein Zweifel kann darüber obwalten, daß die freiheitlichen Parteien einer starken Phalanx der reaktionären gegenüber stehen werden. Die Wahlen in den mährischen Landtag haben gezeigt, welche Macht die Klerikalen bei uns besitzen, sie haben aber auch bewiesen, welche Fortschritte der Radikalismus, andere , nennen ihn Antisemitismus, unter den Deutschen, namentlich auf dem Lande, gemacht hat. Dies sehen nun auch, spät aber doch, die Führenden in den jüdischen Gemeinden ein; sie verlangen nach einem Zusammenschluß der Gemeinden in politischer Beziehung.« Während früher jede Mahnung zu einer politischen Betätigung der Kultusgemeinden abgewiesen wurde mit der faulen Ausrede' Kultusgemeinden hätten nur für den Kultus zu sorgen, scheint es jetzt doch, selbst in den finstersten Gemeindestuben, zu tagen, man beginnt einzusehen, daß dieser Standpunkt und das Festhalten an ihm nur imstande ist, die Juden noch mehr an die Wand zu drücken, als es bis jetzt wirklich schon geschehen ist. Ein lehrreiches Beispiel bieten hierfür zwei Kandidaturen in den Städtebezirken Mährens anläßlich der jüngsten Landtagswahlen. Wurden da zwei jüdische Rechtsanwälte als Kandidaten aufgestellt! Und was taten die lieben Freunde, mit denen die Juden bisher durch Dick und Dünn gegangen sind? Man stellte diesen jüdischen Mandatswerbern antisemitische Kandidaten entgegen, zum Lohn dafür, daß die Juden für die deutsche Sache in Mähren sich bisher geopfert hatten. Nun gehen unseren „Maßgebenden" die Augen auf, die wir ihnen vergebens zu öffnen trachteten. In den jüdischen Wählerversarnmlungen in Wien, die jetzt aus Anlaß der Wahlen an den Gemeindevorstand abgehalten wurden, wetterleuchtete es ganz bedenklich. Man hörte hier Worte, die man für ganz unmöglich gehalten hätte in diesen Kreisen. Wie fein säuberlich ging es noch vor wenigen Jahren bei den Wahlen für die jüdischen Gemeindevorstände zu. Da hatte irgendein einflußreicher Herr ein gutes Freundchen, dieses wurde von dem „Maßgebenden" als Kandidat empfohlen und natürlich auch gewählt. Die Herren waren dann ganz „unter sich", wie im Kaffeehause beim Kartenspiel. Nun wollen wir es nicht leugnen: auch^heute noch spielen die Steuerkräftigen bei uns in der Gemeindestube die erste Geige; diese Herren sprechen über die wichtigsten Aufgaben des Judentums, ohne besonders viel von diesen zu verstehen. Da geschehen nun allerlei Mißgriffe, die freilich bei dem hier herrschenden Jndifferentismus wenig oder gar nicht beachtet werden. Aber ein wenig ist die breite Volksmaffe doch aus der Lethargie erwacht, und die Leitenden bekommen in den Wählerversammlungen oft Worte zu hören, die ihnen nicht ganz angenehm sind. Wenn wir die Summe aus allen beit Reden in den Wählerversammlungen ziehen, so können wir eins konstatieren: es geht ein starker Zug der Verdrossenheit und Unzufriedenheit mit der bisherigen Leitung unserer großen Kultusgemeinden durch die Massen. Vor allem ist man mit dem Jugendunterricht in der Religion nicht zufrieden. Wir sehen dies ein: Unsere Kinder wissen so wenig von unserer Religion, daß sie nicht einmal an einem Gottesdienste teilnehmen können. Und der Grund dafür? Der ist auf verschiedenen Seiten zu suchen. Man meint, mit schönen Reden sich über die größten Schwierigkeiten hinwegsetzen zu können und vergißt, daß die Zeiten andere geworden sind. Im Hause genießen die wenigsten Kinder eine religiöse Erziehung, die Schule glaubt ihre Pflicht getan zu haben, wenn sie die Jugend mit den elementarsten Begriffen unserer Religion bekannt macht, und sie kann auch bei der karg zubemesfenen Zeit nichts weiter tun; in der Synagoge bleibt alles wie es war, auf die jüngere Generation wird im Gottesdienste gar keine Rücklicht genommen, und so wirken auf die jungen Leute die alten Einrichtungen wie Petrefakte oder vertrocknete Mumien auf ihre Beschauer. Die Kluft, die sich hier zwischen altem und neuem auftut, ist auch allzubreit und schier unüberbrückbar. Daher dieses fortwährende Jammern über die mangelhafte religiöse Erziehung der Jugend. Der Religionsunterricht ist aber daran nicht allein schuld. Es ist vielmehr die geringe Unterstützung, welche die Schule besonders im Hause, in der Familie findet. Man vergegenwärtige sich nur die Situation: Da kommen Väter in Wählerversammlungen, die das ganze Jahr hindurch an die Religion oder religiöse Erziehung ihrer Kinder gar nicht denken; nun wird gegen den Religionsunterricht losgezogen; flugs entdeckt ein Vater sein jüdisches Herz, und der Lehrer seines Kindes wird der Sündenbock, dem alle Unterlassungen des Hauses auf den geduldigen Rücken geladen werden. Die tiefe Unzufriedenheit, die alle jüdischen Kreise erfüllt, hat ihre Wurzeln in den Widersprüchen, in denen wir uns bewegen. Da wird vom Koscherfleisch Erbauliches und Nichterbauliches gesprochen von Leuten, die öffentlich und im Hause sich über alle Speisegesetze hinwegsetzen; über den Gottesdienst wird von Leuten geredet, die nie eine Synagoge besuchen; über die Rabbiner wird debattiert von solchen, denen leeres Gefasel über die gelehrteste Derascha geht; Lehrer, welche die Muttersöhnchen etwas unsanft anfasfen, werden in Bausch und Bogen verurteilt, über alles und jedes, de omnibus et quibusdara aliis, wird in diesen Versammlungen geredet; daß aber die Schuld für alle diese Fehler und Unterlassungen an denen liegt, die nur bei gewissen Gelegenheiten Interesse für das Judentum zeigen, sonst aber sich herzlich wenig um sein Wohl und Wehe kümmern, dies will man noch immer nicht einsehen. Um nur eines zu erwähnen. Die Herren, die über den mangelhaften Religionsunterricht so bittere Klage führen.

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