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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-28 · Heft 52 (28.12.1906) · p. Seite 616

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 52 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
Seite 616 (sequence 4)
Language
German
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- 61 Das Komitee der amerikanischen Juden, welches sich in seiner ersten in New Hort am 11. v. M. abgehaltenen Generalversammlung definitiv konstituierte, hat nunmehr in einer am 25. d. M. stattgehabten Sitzung seines Exekutivkomitees die endgültige Verfassung erhalten. Zweck der Institution ist, die politischen und religiösen Rechte der Juden aller Länder zu verteidigen, sowie die Folgen solcher Rechtverletzungen überall, wo sie Vorkommen, nach Kräften zu! mildern. Das Komitee setzt sich mit allen wichtigen jüdischen Korporationen des In- und Auslandes in Verbindung, zeigt ihnen seine Konstituierung an und erklärt seine Bereitwilligkeit, mit ihnen gemeinsam zu arbeiten. Das Komitee besteht aus 60 Mitgliedern (anstatt der ursprünglich geplanten 50), welche von den 47 Staaten nach Maßgabe ihrer jüdischen Bevölkerung alljährlich gewählt werden sollen. So entsendet New Dork 17, Pensylvanien zusammen mit New Jersey 9 und Illinois mit seinem großen Ghetto von Chikago 7 Delegierte in das Komitee. Letzteres tritt mindestens einmal jährlich, und zwar am zweiten Sonntag des Monats November, in New Pork zusammen. Im übrigen werden die Geschäfte von einem aus 16 Mitgliedern bestehenden Exekutivkomitee geleitet, das aus dem Präsidenten und dessen Stellvertreter, dem Schatzmeister, einem Sekretär und nenn Beisitzern besteht. Dem Sekretär wird offenbar die eigentliche Führung der Geschäfte anvertraut werden, da das Statut den Fall vorsieht, daß dieses Amt von einem nicht gewählten Mitglied des Komitees, das heißt von einer bezahlten Kraft, versehen werden könnte. Das Exekutivkomitee muß mindestens einmal in drei Monaten eine Sitzung abhalten und genügt schon die Anwesenheit von fünf Mitgliedern, um dasselbe beschlußfähig zu machen. Statutenänderungen können zu jeder Zeit mit einer Majorität von 20 Stimmen vorgenommen werden. In der erwähnten ersten Sitzung vom 25. v. M., welche unter dem Vorsitz von Mayer Sulzberger im Beratungsraum des Tempel Emanuel stattfand, wurde zunächst die in der Generalversammlung beschlossene Zuwahl von weiteren zehn Mitgliedern vorgenmnmen. Darauf wurde Dr. Herbert- Friedenwald aus Baltimore zum Sekretär gewählt. Endlich wurde beschlossen, zugunsten der durch das Erdbeben in Kalifornien geschädigten jüdischen Anstalten 100 000 Dollar aufzubringen. Khnmlchrr Lriek. Köln, Ende November, ie Kirchtumspolitik regt die Gemüter in der Provinz zehnmal mehr auf, als die hohe und höchste, die auf den Bänken des Reichstages verzapft wurde. So eine Stadtratswahl, wo jeder wackere Bürger seines Jchs voll und ganz bewußt wird, wo er per Droschke und Auto von eleganten Einpeitschern unter Hervorhebung der ungeheuren Wichtigkeit gerade seiner Stimmabgabe zum Wahltöpflein geleitet wird — da isbs halt was anderes; da dreht man mit am Schwungrad der Zeit. Der Bürgerstolz hat bei den momentanen rheinischen Stadtratswahlen wahre Orgien gefeiert. Das Ringen zwischen den „Weltanschauungen" der städtischen Zentrums- und liberalen Fraktionen entbehrt hier nicht eines komischen Beigeschmacks; man muß schon ein vollendeter Parteimensch sein, um den starken demokratischen Einschlag der rheinischen Zentrumsorganisationen zu verkennen. Nimmt man die Judenfrage als Prüsstein, so muß man bekennen, daß die „schwarzen Husaren" unsere berechtigten Wünsche jederzeit in der honorigsten Weise unterstützen. Es ist 16 -- daher ganz gut zu verstehen, daß eine Anzahl jüdischer Bürger für die Zentrumsliste einzutreten pstegt. Der Durchschnittswähler überblickt den Horizont seiner Stadt nicht und hält sich an handgreifliche Tatsachen, die sein Berufsleben berühren. Hier, in Köln, sollen vor zwei Jahren die jüdischen Metzgermeister die liberale Wahrheit abgeschlachtet haben, indem sie für die katholische Partei eintraten. Warum? Die katholische; „Kölnische Volkszeitung" trat eben immer nicht nur vor Wahlen für ihre Wünsche in der Schächtfrage ein, während die gegnerische „Kölnische Zeitung", die einmal so und das andere Mal so sein kann, in Dieser Frage alles eher als loyal war. Im übrigen wünsche ich allen deutschen Glaubensgenossen eine sölch günstige Konstellation und eine' solche Parität wie sie vor unseren Gemeindewahlen stattfindet. Leider hat man hier noch nicht versucht, eine Probe aufs Exempel zu machen. Vielleicht melde ich mich, wenn gelegentlich eine Bürgermeisterstelle in der Stadt frei wird. Dann müssen Sie aber mein Bild bringen, Herr Redakteur. Im inneren Judentum ist es zurzeit recht friedlich. Demnächst werden wieder Repräsentanten gewählt. Zu einem soliden Wahlkampf fehlen aber die „großen Momente". Die Orgel ist nun einmal da, und es geht auch so ganz gut. Die „Liberalen" erbaut der eine unserer verehrten Seelsorger im schönen Orgelhaus am Königsplatz, und in der alten Synagoge zaubert die Predigt des Herrn Amtsbruders bei den „Konservativen" dieselbe Harmonie ohne Orgel hervor. Wie es mit der Harmonie bei den „Orthodoxen" mit ihren drei Unterarten bestellt ist, weiß ich nicht. Ich wage mich aus Mangel an Beliebtheit gar nicht dahin; außerdem kann ich doch nicht unterscheiden, wer von ihnen den unverfälschten „rechten" Glauben predigt. Der Rosiusche Entwurf hat im Rheinland insofern eine günstige Aufnahme gefunden, als man bei allen Bedenken das Gute gern anerkannte; man hütete sich insbesondere davor, einen um unsere Glaubensgenossenschaft so hochverdienten Mann wie Professor Rostn gleich mit den heftigsten Vorwürfen zu bedenken, nur weil er eine großzügige Regelung suchte, die nicht jedem in den Kram paßte. Und nun zum Schluß! Wenn unsere Nachkommen in dreißig Jahren den letzten Jahrgang dieserZeitung durchblättern werden, um, jahrzehntelanger Sitte folgend, einen schönen Schluß für einen Vortrag, für einen Leitartikel zu Sukkoth oder eine Predigt für Pnrim daraus zu entnehmen — gibt's da wohl „Erwiderungen" darauf, Herr Redakteur? — und finden die vielen Entgegnungen auf meinen letzten rheinischen Brief, da werden sie wohl lächeln über den Kampf, den ich so ahnungslos heraufbeschworen, als ich' von dem kräftig pulsierenden jüdischen Leben erzählte, das nicht gleichmäßig in Westfalen anzutreffen sei. Daß ich den Vorwurf „religiöser" Interesselosigkeit gegen irgendeine westfälische Gemeinde erhoben habe, wüßte ich nicht; das wäre außerordentlich ungerecht und verdiente jede Abwehr, wenn ich es geschrieben hätte. Im übrigen gebe ich meine Unterlassungssünde zu und überlasse die Nachbarprovinz ihrem Schicksal, das sich unter der Leitung solch eifriger Kämpen, wie sie ihr in diesem Blatte erstanden, gewiß recht freudig gestalten wird. Ich betone nur, daß mein Urteil von angesehenen westfälischen Glaubensgenossen hervorgerufen und bestätigt worden ist; mögen auch sie so unrecht haben, wie ich es haben soll! Das hat man davon, wenn man über seine Grenze hinazisgeht. Hoffentlich erfährt man in Westfalen nicht den wahren Namen von „Rhenanus"; denn wenn mir etwa auch die schönen Jüdinnen in Hörde und Witten gram werden sollten, das wäre mir schmerzlich. Denn die werden nicht nur für schön gehalten; sie sind es auch.

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