Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- Seite 615 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 615 S. Kocherthaler-Berlin, Theodor Lustig-Berlin, Hvfrat Frydrnann-Wien, Adolf Mayer-Berlin, Maurermeister Josef Fränkel- Berlin, Stadtrat A. Kantorowicz- Posen, Alfred Geiger- Frankfurt a. M., Senator Sanguinetti - Bologna. Von Künstlern und Schriftstellern: Oscar Levertin und Ernst Josephson in Stockholm, Max Fleischer-Wien, S. H. Lauterbach- Drohobycz. Von Frauen, die durch ihr Leben und edles Wirken hervorragten: Hermine Rathenau - Berlin, Marta Wolfenstein-Cleveland, Minna Israel, Jda Simon-Berlin, Henriette Mankiewicz, Regina Kuranda-Wien, Helene Chotzner- London. Endlich gedenken wir auch diesmal mit tiefer Wehmut jener zahlreichen anonymen Märtyrer unter unseren Glaubensgenossen in Rußland, die für die Heiligung des göttlichen Namens in den Tod gegangen sind. Ihr Andenken sei ein Segen für alle Ileberlebenden, die des Dichters Wort beherzigen sollen: Der betrauert die Toten, der nach ihrem Wunsche lebt! $ Die V orbereitungen zu den Wahlen haben überall begonnen. Für uns ist es natürlich auch hierbei von großem Interesse, das Treiben der Antisemiten zu verfolgen, die bei der Forderung eines „nationalen Blocks" im Trüben zu fischen und Mandate zu gewinnen hoffen. Der christlich-soziale Wahlaufruf sagt ausdrücklich, daß die sogenannte „Wirtschaftliche Vereinigung" eine ausschlaggebende Partei im neuen Reichstag zu werden hoffe. Demgegenüber heißt es, mit allen Kräften gegen die Wahl von antisemitischen Kandidaten aufzutreten. Die Antisemiten sind es, die den obersten Grundsatz des modernen Staates, die Forderung der Gleichberechtigung aller Staatsbürger, in brutalster Weise mit Füßen treten. Die Antisemiten wollen alle Juden und selbst alle zuni Christentum übergetretenen Juden und deren Nachkommen, die sie Judenstämmlinge nennen, zum Lande hinaustreiben oder wenigstens sie entrechten. Wer aber ist es, dem in diesen Tagen ein großer Teil des deutschen Volkes, wie seit langer Zeit keinenr Manne, zngejubelt hat, dem Antisenüten selbst ihre Anerkennung nicht versagt haben? Nun, dieser Mann ist ein Judenstämmling. Das Treiben der Antisemiten ist um so gefährlicher, als sie in neuerer Zeit es häufig vorziehen, ihre Endziele zu verhüllen und unter falscher Flagge zu segeln, insbesondere im agrarischen Lager Unterschlupf zu suchen. Darum heißt es jetzt: Aufgepaßt und alles aufgeboten, um die Vertreter des Antisemitismus soviel als möglich von der Schwelle des deutschen Parlaments fernznhalten! In den letztvergangenen Kolonialdebatten, die zur Auflösung des Reichstags geführt haben, ist von einem Abgeordneten wieder das alte Märchen aufgewärmt worden, der Führer der aufständischen Bondelzwarts, welche den deutschen Truppen in Südwestafrika soviel zu schaffen gemacht hätten, Morris,sei ein Rabbinerssohn aus Posen. Demgegenüber dürfte wohl des Generalmajors und früheren Gouverneurs von Deutsch-Südwestafircka, Theodor Leutwein, Zeugnis ausreichend sein, um dieser Lüge, falls sie etwa auch im Wahlkampfe Verwendung finden sollte, den Garaus zu machen. Leutwein betitelt einen Abschnitt seines kürzlich erschienenen Buches „Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika" : „Morenga und Morris" und sagt dort: „Hat doch Morenga den deutschen Truppen fast noch mehr Schwierigkeiten verursacht als selbst der alte kriegserfahrene Witbooi. Die beiden anderen Bandenführer sind die Gebrüder Morris, beide meist mit Morenga vereinigt. Alle drei sind ehemalige Großleute des Bondelzwartsstammes. Morenga ist ein Hereröbastard, d. h. Abkömmling eines Hottentotten und einer Hererosrau. Die Morris sind dagegen Abkömmlinge eines Kapengländers und einer Hottentottenfrau. Der inzwischen gleichfalls gefangene Morenga scheint in seinen kriegerischen Eigenschaften die Vorzüge beider Stämme zu vereinigen, d. h. die Verschlagenheit und Schlauheit des Hottentotten mit der Tapferkeit und dem Fanatismus des Hereros. Alle drei haben das gemeinsam, daß sie sich viel in der Kapkolonie aufgehalten und dort sich eine gewisse höhere Kultur angeeignet haben. Sie können alle drei fertig holländisch lesen und schreiben." Wer also noch einmal mit dem Lügeninärchen von dem zum Hottentottensührer gewordenen Rabbinerssohn Morris (da es zwei Brüder Morris sind, ist schon das Hervorheben eines einzigen auf Mangel an Sachkenntnis zurückzuführen) in den bevorstehenden Wahlkampf zieht, macht sich fast einer unedleren Kriegsführung schuldig, als sie diese Hottentotten üben, denn obwohl der Gouverneur Leutwein betont, daß die Brüder Morris bereits in deni mit den Bondelzwarts am 27. Januar 1904 abgeschlossenen Friedensvertrag von Kalkfontein geächtet worden sind, hebt er hervor, daß sie ihre höhere Kulturstufe auch durch die Art ihrer Kriegführung bewiesen haben, und zum Beweise druckt er eine bei den Akten des Gouvernements in Windhuk befindliche, von Morris Unterzeichnete Requisitionsbescheinigung ab, wobei er bemerkt, daß dieser für sein Land kämpfende Feind sich an der Person des Farmers und seiner Angehörigen nicht im geringsten vergriffen habe. Der Krieg verroht, aber Wahlkämpfe sollten in Kulturländern nicht mit rohen, sondern nur mit anständigen Mitteln geführt werden. Sollten die Herren Antisenüten also immer wieder jetzt mit dem Rabbinerssohn Morris herauskommen, so werden wir uns direkt an den Gouverneur Leutwein wenden, damit das Lügeninärchen dementiert wird. Die Idee einer jüdischen Weltorganisation, die in Brüssel im vorigen Jahre ausgeheckt wurde, spukt wieder in den Köpfen. Zuerst ist sie anfangs des Winters in Budapest wieder aufgetaucht, wo ein Prediger in einer Festrede die Anregung gab, die die Gemeinde bereitwillig ausgenommen hat. Die Antworten der andern Großgemeinden sollen jedoch nicht sehr ermutigend gewesen sein. Von Budapest gelangte die Idee nach Wien, wo der Gemeindevorstand eine Kommission zur Beratung der Frage eingesetzt hat. Dabei wird es auch wohl sein Bewenden haben. Energischer sind jedoch in letzter Zeit die Engländer der Frage zu Leibe gegangen. Die Anglo Jewish Association hat in einer ihrer letzten Sitzungen lang und eifrig über das Thema debattiert. Das Resultat war ein negatives, genau so wie das der andern großen Organisationen in Paris. Petersburg und anderen Orten. Die Ablehnung erfolgte auf Antrag Lousadas, nachdem Claude Montefiore darauf hingewiesen hatte, daß einerseits ein großer Teil der maßgebendsten Organisationen sich bereits ablehnend verhalten habe, andererseits auch ohne förmliche Verbindung eine Korporation unter den großen Vereinigungen bereits int erforderlichen Augenblicke stattfinde. Auch Dr. Gaster wandte sich übrigens gegen die Schaffung einer Gesamtorganisation, da sie notwendigerweise den Keim der Zwietracht in sich selbst trage. Das Projekt ist damit wohl als gescheitert anzusehen, denn selbst wenn jetzt noch eine Zusammenfaffung zustande kommen sollte, so würde das Fehlen der maßgebendsten Organisationen natürlich der Sache den allumfassenden Charakter nehmen.