Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- Seite 614 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Juden werden dann eine ganz neue politische Taktik gebrauchen müssen. Inmitten der sich befehdenden Nationalitäten werden sie jetzt noch mehr als bisher in verschiedenen Kronländern das Zünglein an der Wage bilden, und es wird an ihnen liegen, daß sie ihre berechtigten Wünsche mit notwendigen Forderungen durchsetzen, wenn sie darin einig und mit Bestimmtheit auftreten. In Ungarn ist die Lage auch unter dem neuen Ministerium nicht wesentlich verändert. Allerdings hat dort die Partei, welche den Juden wenig wohl will, an Macht und Einfluß gewonnen, und es fehlt nicht an Zeichen, daß auch im Lande der Magyaren wieder die Agitation gegen die Juden, die dort schon einmal, allerdings nur kurze Zeit, einen großen Sturm erregt hat, in absehbarer Zeit wieder an Ausdehnung gewinnen könnte. Für die Juden in Rumänien ist das Jahr Gott sei Dank still vorüber gegangen. Und das ist schon ein großer Vorteil. Die Auswanderung nimmt aber ununterbrochen ihren Fortgang und beraubt das Land seiner besten Kräfte auf materiellem und intellektuellem Gebiete. Aber die Herren Bojaren wollen das nicht einsehen, und von einer Aenderung der bestehenden Verhältnisse ist noch immer keine Rede. Einen wahren Lichtblick gewähren in dem trüben Bilde, das uns das abgelausene Jahr bietet, die Ereignisse in Frankreich. Rascher und glänzender hat niemals ein Volk seine Fehler wieder gut gemacht als das sranzösische. Der Sieg der Wahrheit und der Gerechtigkeit ist dort ein vollständiger. Major Alfred Dreyfus ist wieder in seine Rechte und Ehren eingesetzt, General Piquart ist Kriegsminister, und Emile Zola wird im Pantheon beigesetzt. Das ist ein Erfolg, den sich vor einem Jahre noch niemand hätte träumen lassen. Die Trennung der Kirche vom Staat, die jetzt in Frankreich energisch durchgeführt wird, hat für die Juden nicht die gefürchteten verhängnisvollen Folgen gehabt. Sie haben rasch die Bedeutung des Moments erkannt und überall ihre Kultus- Assoziationen gebildet, die sie zu einer Gesamtorganisation vereinigten, welche das bisherige Zentralkonsistorium ersetzen soll. Es ist zu hoffen, daß mit der Selbstverwaltung auch das religiöse Leben unter den Juden Frankreichs wieder aufflammen und erstarken wird. In England hat das liberale Ministerium die Härten der Einwanderungsbill wesentlich gemildert. Es sind wohl hie und da Klagen aufgetaucht, aber das Auswärtige Amt zeigte sich stets bereit, diesen, soweit es im Bereich der Möglichkeit lag, abzuhelsen. Die Frage der neuen Unterrichtsbill berührte ebenfalls die Interessen der englischen Juden in vitalster Weise. Dieselbe ist nun bis auf weiteres beseitigt. Das Gesetz über die Sonntagsruhe wird aller Wahrscheinlichkeit nach in England die Gestalt erhalten, die es den frommen Juden möglich macht, den Sabbat zu heiligen. Die Jewish Territorial Organisation (Ito) nimmt immer weitere Ausdehnung an und hat viele Anhänger gewonnen. Gelingt es ihr, das Programin auszuführen und irgendwo ein Territorium zu finden, auf dem die unglücklichen Auswanderer aus dem Osten sich ansiedeln können, so wäre das ein großer Segen für die gesamte Judenheit. Man verfolgt deshalb die Entwicklung dieser Gesellschaft überall mit lebhaftem Interesse. ...Auch in Amerika haben sich die Verhältnisse nicht geändert. Die Juden erfreuen sich dort voller Gleichberechtigung, wie dies die Ernennung von Oskar Straus zum Handelssekretär von neuem beweist. Man darf hoffen, daß es diesem ausgezeichneten Manne gelingen wird, die Härten der neuen Ein- - wanderungsbill zu mildern. In den letzten Wochen ist in England und in Amerika wieder das Thema einer großen jüdischen Gesamtorgauisation aufgetaucht und viel besprochen worden. - Aus den Ländern des Orients ist in diesem Jahre nichts Wesentliches zu vermerken. Es sei denn die Kunde, daß nun auch Persien eine Verfassung hat, die den Juden volle Gleichberechtigung gewährt. Freilich steht dieselbe bisher nur auf dem Papier, ungefähr so, wie in Marokko, wo die Juden von den einheimischen Stämmen viel zu leiden haben, während die Konferenz von Algeciras ihnen doch den Schutz der Mächte zugesichert hat. So hat das abgelaufene Jahr, indem wir es noch einmal im Fluge überschauen, keine wesentlichen Aenderungen in der Lage der Juden hervorgebracht. Was allein Wert und Bedeutung hat, . das ist die erhöhte Regsamkeit und das wärmere Interesse, das in jüdischen Kreisen für die Gesamtangelegenheiten fast überall zutage tritt. Das ist eine lvichtige Errungenschaft aus den schweren Tagen, die wir durchlebt haben, ein Gut, dessen wir uns freuen dürfe,: und das uns Hoffnung für die Zukunft gewährt. „Man muß die Zukunft abwarten und die Gegenwart genießen oder ertragen!" sagt ein deutscher Denker. Diese Mahnung wollen wir beherzigen und in vollem Vertrauen auf die gute Sache, der wir dienen, und auf den unausbleiblichen Sieg der Gerechtigkeit und der Wahrheit mutig und ohne Zagen den Ereignissen entgegenschauen, die uns die nächste Zukunst bringen wird. Schicken wir uns nur in die Zeit, daß wir sie recht nützen; das ist die Hauptsache, im Leben des einzelnen wie in dem der Völker. Bit Woche. Berlin, 27. Dezemberir erfüllen eine traurige Pflicht, indem wir in gewohnter Weise am Schluffe des Jahres unserer Toten gedenken. Voran schreiten im Zug des Todes die Führer und Lehrer in Israel: die Rabbiner Dr. S. Richter- Filehne, Dr. M. Fried-Ulm, Dr. A. Diamant - Schaff«, S. Waldberg-Jaroslau, Professor PH. Heidenheim-Sondershausen, A. Roth-Papa, S. Eljaschar, Chacham Baschi von Jerusalem, Reverend S. Singer-London, H. Galandauer- Soborten, Dr. S. Pollack-Trebitsch, Ph. Lederer-Marienbad, S. B. Schreiber-Preßburg; die Kantoren I. Heymann- Amsterdam, A. C. Finkelstein-Posen, M. Tintner-Bunzlau, I. Z. Schönberger-Potsdam, M. Wallerstein-Prag. Es folgen die Männer, die durch ihr Leben und Wirken dem Judentum zur Ehre gereichten. Und zwar von Aerzten: Professor H. Cohn-Breslau, Dr. B. Zielenziger-Potsdam, Dr. A. Finkelstein-Odefsa, Professor Rosenstein-Leyden, Dr. I. Semon- Danzig. Oberstabsarzt Dr. Rosenthal-Magdeburg, Dr. W. Becher-Berlin, Dr. E. Dembo-Petersburg, Professor Dr. I. Zabludowsky-Berlin. Von Juristen: Dr. Emil Byk-Lemberg, Rechtsanwalt M. Kaulla-Stuttgart, Justizrat E. Samuelsohn- Breslau, Amtsgerichtsrat E. Levy-Beuthen, Justizrat I. Feust- München, Justizrat W. Gunzenhäuser-Fürth, Hofrat Professor A. Zucker-Prag, E. Kirschnot-Prawnicki-Warschau, Justizrat Rosenthal-München. Von Männern des öffentlichen Lebens: M. Apelt-Halle, L. Schalit-Riga, G. Levy-Stettin, Saniel Markus - Charlottenburg, Louis Liepmann - Berlin, Rudolf Auspitz-Wien, Oberst Max Einstein-Cincinnati, Oscar Goldschmidt-Berlin, Senator G. Montestore Levi-Brüssel, Profeffor Dr. Meyerhöfer - Berlin, Theodor Marcus-Charlottenburg, Raphael Bischoffsheim - Paris, Leopold Aron-Berlin, Leopold Schloß-London, Dr. B. Fischer-Leipzig, S. Meyerstein-Berlin,