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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-28 · Heft 52 (28.12.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 52 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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70. Jahrgang. No. 52. Berlin, 28. Dezember 1906. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsst-llen) b-zogen Vierteljahr!. 3 M. Aedakteurr Gustav, Rarpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philixpfon. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SWV Jerusalemer Straße §b/49, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Rückblick. Berlin, 27. Dezember, ist eine sehr traurige Tatsache, daß jede Rückschau in den letzten Jahren vor allem mit Rußland zu beginnen hat. „Bon Norden glommt das Unheil!" hat der Prophet schon vor drei Jahrtausenden ahnungsvoll verkündet. Und daß uns aus Rußland noch lange nichts Gutes kommen kann, wissen wir alle. Die Ereignisse im Zarenreich üben aber ihre traurige Rückwirkung auf die Juden der ganzen Welt aus. Und deshalb müssen sie notwendigerweise den Mittelpunkt jeder Rückschau in die Vergangenheit bilden. Die Revolution ist, wie es den Anschein hat, in Rußland gegenwärtig unterdrückt, nachdem sie in der ersten Hälfte des Jahres dort fürchterlich getobt hat. Aber der Schein kann trügen; während die einen behaupten, daß die Revolution auf fünf oder zehn Jahre hinaus ihr Spiel verloren, meinen die anderen, daß sie bereits im nächsten Winter ihr Haupt wieder erheben werde. Für uns kann natürlich das nicht gleichgültig sein, da das Schicksal der Juden eng damit zusammenhängt. Nach den entsetzlichen Pogromen in Bialhstock und Siedlce um die Mitte des Jahres schien einigermaßen Ruhe eingetreten zu sein. Die gefürchteten Folgen der Auflösung der Duma sind bisher nicht eingetreten. Das Ministerium Stolypin beschäftigt sich sogar, wenn man seinen Versicherungen glauben darf, mit der sogenannten Jndenfrage. Allerdings will es die vollständige Lösung derselben der nächsten Duma überlassen, allein es fwill doch wenigstens die härtesten Maßregeln der alten Jgnatiewschen Gesetzgebung mildern und den Juden ' einige Erleichterungen gewähren. Allerdings wird es bei diesem — wahrscheinlich durch die Rücksicht auf die nächste Anleihe bedingten — Streben durch die Wutausbrüche der „wahrhaft russischen Leute", das ist das sogenannte „schwarze Hundert", gehemmt, die den Zaren wie den Ministerpräsidenten unaufhörlich bestürmen, die Beschränkungen gegen die Juden um Gottes willen ja nicht aufzuheben. Es hängt nun alles davon ab, wie die nächste Duma sich gestalten wird. Selbst die'.Partei, welche die Aussicht hat, an Stelle der Kadetten zu treten, und mit der die Regierung paktieren will, die Partei der friedlichen Erneuerung, hat sich für Erweiterung der Rechte der Juden und Aufhebung aller beschränkenden Maßnahmen zu wiederholten Malen ausgesprochen. Es wird ihr dies um so leichter, als die Juden erwiesenermaßen sich durchaus nicht so stark an der Revolution beteiligt haben, wie man bisher geglaubt hat, und als auch in weiten Kreisen der russischen Juden die Neigung sich herausstellt, mit dieser Partei auf friedlichem Wege das gewünschte Ziel zu erreichen. Wie wir bereits erwähnt, haben die russischen Wirren ihre Rückwirkung auf die ganze Judenheit üusgeübt. Vor allem ist dabei Preußen in Mitleidenschaft gezogen worden. Infolgedessen sind auch die Ausweisungen im letzten Jahre wieder häufiger erfolgt, indes wurde hierbei doch eine mildere Praxis gehandhabt als früher. Auch sonst sind gerade in unserem engeren Vaterlande in den letzten Jahren manche Zeichen eines Umschwungs zum Besseren hervorgetreten. Auf dem Gebiete der Justizpflege find berechtigte Beschwerden anerkannt und abgestellt worden. Zum erstenmal seit dem Bestehen dieser Behörde wurde ein Jude zum Kammergerichtsrat ernannt; ebenso sind die Ernennungen einiger Oberlandesgerichtsräte, ferner mehrerer ordentlicher Professoren zu verzeichnen. Hoffentlich werden im neuen Reichstag die Parteien an Stärke gewinnen, die für die Rechte der Juden mit Entschiedenheit eintreten. Das Schulunterhaltnngsgesetz ist im Landtag in einer Form angenommen worden, die wohl nicht allen unseren Wünschen entspricht, die aber doch die Verhältnisse des jüdischen Religionsunterrichts, der jüdischen Schulen und Lehrer wenigstens nicht verschlechtert. Wir hätten mehr durchsetzen können, wenn nicht eine verschwindende Minorität, die sich der Protektion des bisher „leitenden Zentrums" zu erfreuen hat, alle Bemühungen des segensreich wirkenden „Verbandes der deutschen Juden" und anderer Institutionen und Privaten erfolgreich durchkreuzt hätte. Die Petition von mehr als zwölfhnndert jüdischen Gemeinden Preußens hatte in der Kommission Erfolg; im Plenum siegte der Widerspruch der zehn oder zwölf hyperorthodoxen Rabbiner, die auch bei dieser Gelegenheit wieder einen klaffenden Widerspruch zwischen Orthodoxie und Reform den maßgebenden Faktoren plausibel zu machen versucht haben. Allerdings, wenn es sich um andere Fragen handelt, dann ist diese kleine, aber einflußreiche Partei mit der Majorität der preußischen Juden plötzlich in vollster Harmonie und Eintracht, dann gibt es für sie keinen Widerspruch und keine Trennung. Ihre Agitation ist besonders stark in Hessen, wo die Regierung einen wahrhaft freisinnigen Gesetzentwurf über Führung und Verwaltung der israelitischen Religionsgemeinden vorgelegt hat, der den berechtigten Wünschen aller Parteien entgegenkommt, der in religiösen Dingen völlig objektiv ist und den Gemeinden fast uneingeschränkte Autononne gewährt. Es steht aber zu hoffen, daß es dieser Partei nicht gelingen wird, ihr Ziel zu erreichen und die gerade in unseren Tagen so notwendige Einigkeit des deutschen Judentums zu zerstören. Große Ereignisse bereiten sich in Oesterreich vor. Die Annahme der projektierten Wahlreform wird wohl auch für die Juden von großer „ Bedeutung sein. Die österreichischen

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