Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 51. Berlin, 21. Dezember 1906. Drilsse zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". korrklpondm?m und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 16. Dezember. Der heutigen Sitzung der Repräsentantenversammlung lag eine zwar lange, aber mit Ausnahme von vier Legaten und einer Vorlage inhaltslose Tagesordnung vor. Zwar wurde auch heute wieder die berechtigte Anregung gegeben, die Quisquilien, wie Anschaffung eines Haartrockenapparates für das Quellbad, eines Noten- und Bücherschrankes usw., aus etwaigen Dispositionsfonds zu bestreiten, ohne sie auf die Tagesordnung zu setzen. Jedoch der Vorsitzende des Gemeindevorstandes verneinte das Bestehen solcher Fonds und empfahl der Versammlung, ihr Recht, auch über kleinere Ausgaben mitbestimmen zn können, nicht aus der Hand zu geben. Geschäftlich teilte der Vorsitzende der Versammlung, Louis Sachs, mit, daß die eingegangenen Entwürfe für den Bau des Jüdischen Krankenhauses sür alle Interessenten vom 15. bis 29. Dezember von 10-3 Uhr in der Aula der Knabenschule (Große Hamburgerstr. 27) zur Einsicht ausliegen. Angenommen wurden die Zuwendungen des Herrn Arnold Weiß in Höhe von 5000 Mark zur Vergrößerung der von seinem Bruder Max Weiß begründeten und zur Unterstützung der aus der Waisenpflege entlassenen Mädchen bestimmten Emma Weiß geb. Strelitz-Stiftung, ferner das Legat des Rentiers Jsmar Neumann im Betrage von 15000 Mark für das zweite Waisenhaus der jüdischen Gemeinde, die Zuwendungen des Herrn George Wolle im Betrage von 10000 Mark zur Errichtung der ghnaekologischen Abteilung im jüdischen Krankenhause und in Höhe von 15000 Mark für die Mersversorgnngsanstalt in der Exerzierstraße und endlich das Legat (500, Mark) des Herrn Rudolf Janowitz zu Grabeserhaltnngszwecken. Zum Schluß der öffentlichen Sitzung kam noch der von uns bereits erwähnte Antrag des Justizrats Dr. Veit Simon betreffs der Besteuerung der Mischehen zur Verhandlung. Der Antragsteller beweist an der Hand der neuen Kirchensteuergesetze die Notwendigkeit einer Aenderung der Rechtslage. Der jüdische Ehemann einer p«otestantischen oder katholischen Frau ist nämlich mit seinem vollen Einkommen zur jüdischen Gemeinde veranlagt und muß außerdem von der Hälfte seines Einkommens nochmals Kirchensteuer zahlen. Andererseits erhält aber die Shnagogengemeinde bei Ehen, in denen der Ehemann Christ und die Frau Jüdin ist, überhaupt keine Steuern; der Ehemann zahlt in diesem Falle nur von der Hälfte seines Einkommens Kirchensteuer. Der Gemeindevorstand soll auf Grund des Simonschen Antrages ersucht werden, die Steuerordnung mit Rücksicht auf die Kirchensteuern einer Aenderung zu unterziehen und der Repräsentantenversammlung eine geeignete Vorlage zu machen. Kommissar Kommerzienrat Eisner gibt zu, daß gewisse Anomalien bestehen und sagt wohlwollende Erwägung des Antrages seitens des Gemeindevorstandes zu, indem er darauf hinweist, daß der finanzielle Erfolg für die jüdische Gemeinde besonders ins Gewicht falle. Zur Abstellung der Anomalien werde es natürlich einer Aenderung des Gemeindestatuts bedürfen. Justizrat Dr. Lachmann ist überzeugt, daß nach Genehmigung der Statutenänderung die Behörde auch bereit sein werde, für die Besteuerung bei Mischehen auch die erforderlichen Unterlagen für das Einkommen beider Ehegatten zu geben. Der Antrag Simon wurde einstimmig angenommen. 8. Berlin, 16. Dezember. Im Anschluß an den vorwöchentlichen Bericht über die ordentliche Mitgliederversammlung des Vereins „Mädchenhaus Pankow" möchten wir noch folgende Einzelheiten von allgemeinem Interesse nachtragen. Der Verein besteht nunmehr seit 12 Jahren. Dem neuesten Jahresbericht zufolge kann der Vorstand mit den Ausbildungsergebnissen zufrieden sein. Von den bis zum 1. Oktober 1904 aufgenommenen 158 Mädchen — jährlich durchschnittlich 15 — find 117, im letzten Jahr 11, in Dienst getreten. In der Generalversammlung konnten an 7 Mädchen, die mindestens ein Jahr auf der ersten ihnen verschafften Stelle im Dienst waren, und an ein achtes Mädchen, für mehr als dreijährige Dienstzeit, Belohnungen verteilt werden. Im Hause sind zurzeit 23 Mädchen; weitere Anmeldungen liegen vor. Diese Mädchen, welche gleichfalls zur Belohnungsfeier erschienen waren, machten zum größten Teil einen gesunden und kräftigen Eindruck. Offenbar ist die regelmäßige körperliche Arbeit in gesunder Lust ihnen auch körperlich sehr zuträglich. Der Verein hat bisher, nur schulentlassene Mädchen ausgenommen. Neuerdings war in einem engeren Kreise von Gönnern und Freunden dem Vorstand die Anregung gegeben worden, in Erwägung zu ziehen, ob es angängig sei, neben den zur Ausbildung im Haushalt aufgenönunenen schulentlassenen Mädchen auch jüngere Mädchen, namentlich Waisenkinder, möglichst gegen Zahlung von Beiträgen zu den Unterhaltungskosten, aufznnehmen. Diese Anregung wurde auch von der Mitgliederversammlung günstig ausgenommen und in der an diese sich anschließenden Vorstandssitzung beschlossen, dieser Anregung Folge zu geben uud demgemäß, zunächst versuchsweise, einige jüngere Mädchen aufzunehmen. Auch finanziell ist der Verein in günstiger Entwicklung. Die Mit gliederzahl hat im ketzten^Berichtsjnhr etwas zugenommen. Die Ausführung des neuen Planes würde allerdings die Aufwendung größerer Mittel erforderlich machen. Im letzten Jahresbericht richtet daher der Vorstand an alle, welche sich für die Ziele des Vereins interessieren, die herzliche Bitte, in ihren Kreisen für die Unterstützung des segensreich wirkenden Vereins zu wirken, damit es ihm möglich werde, die ihm gestellten sozialen und kulturellen Aufgaben in noch größerem Umfang als bisher zn erfüllen. o. Königsberg i. Pr., 13. Dezember. Wie alljährlich, so hat auch diesmal der Obersekretär M. Klein über die Wirksamkeit der Wohltätigkeitsvereine der Synagogengemeinde eine übersichtliche Tabelle zusammengestellt. Es gab im letzten Jahre hier 15 derartige Vereine und Institute mit zum Teil recht ansehnlichen Leistungen und einer stattlichen Mitgliederzahl, die sich beim Frauenverein zur Unterstützung israelitischer Witwen und Waisen auf 389, beim weiblichen Verein für israelitische Armenpflege auf 400, beim Frauenverein für Krankenpflege und Beerdigung ans 533 und bei der Chewra Kadischa auf 639 erhebt. Das rege gemeinnützige Wirken der jüdischen Frauen verdient besonders hervorgehoben zu werden. Das Vermögen aller Wohltätigkeitsvereine und-Institute betrug beim Jahresschluß iy3 Millionen Mark. Es konnten zusammen für zirka 56 000 Mark regelmäßige und für 28 000 Mark außerordentliche Unterstützungen gewährt werden, außerdem 27 000 Mark an besonderen Zuwendungen, wie Medikamente, Kurkosten, Nahrungsmittel Stipendien, Schul- und Handwerkerkassenbeiträge. Die Gesamtsumme der Unterstützungen erreichte im vorigen Jahre den Betrag von ungefähr 111000 Mark. Die einzelnen Vereine sind : Wohltätige Gesellschaft, Verein für Krankenpflege und Beerdigung (Chewra Kadischa) Frauenverein zur Unterstützung israelitischer Witwen und Waisen. Frauenverein für Krankenpflege und Beerdigung (Frauen-Chebra), Weiblicher Verein für israelitische Armenpflege, Feuerungsverein, Legatenkommission, Dr. Koschsche Legatenverwaltung, Israelitisches Waisenhaus für Stadt und Provinz, Dr. Kosch'sche Waisenerziehungsanstalt, Israelitisches Stift, Studienbeförderungs-Verein für Ost- und Westpreußen, Bekleidungsverein sür arme Zöglinge der Religionsschule, Hilssverein für kranke russische Israeliten, Pensionskasse für israelitische Religionslehrer und Kultusbeamte in Ostpreußen. W. Stettin, 10. Dezember. Der diesjährige Gemeindetag der Shnagogengemeinden Pommerns, welcher am 21. v. M. hier stattfand, war von besonderer Bedeutung und von reichhaltiger Tagesordnung. Daher war auch die Beteiligung eine recht rege- Außer Stettin, das durch Vorstand, Repräsentanz und viele Gemeinde- Mitglieder vertreten war, hatten Delegierte entsandt die Synagogengemeinden Dramburg, Falkenburg, Gollnow, Greifenhagen, Körlin,