Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-21 · Heft 51 (21.12.1906) · p. Seite 612

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
Seite 612 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228742--63158-3290369
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Literarische Mitteilungen. — Max Junginann: Dornen. Berlin 1906, Leonhard Simion Nachf. Gibt es eine jüdische Kunst? — Hier stock' ich schon: Ist eine jüdische Kunst wünschenswert? Diese Vorfrage wird man verschieden beantworten, je nachdem man eine historische Kontinuität jüdischer Kultur und Eigenart zugesteht oder leugnet. Man kann in westlicher, in deutscher Kultur ausgewachsen sein, das Bewußtsein der Zugehörigkeit 31t dieser Kultur mit Stolz in sich tragen und doch auf die jüdischen Stimmen in seiner eigenen'.Brust lauschen. Zu dieser von innerer Freiheit getragenen Auffassung beginnt auch die gut deutsche Judenheit allmählich Hinzuneigen, wie eS der seit einer Reihe von Generationen an die englische Kultur assimilierte englische Jude in vollster Unbefangenheit und ohne Konflikt schon längst getan hat. Also eine jüdische Kunst könnte zum mindesten toleriert werden. Aber existiert sie? Kann sie unter den heutigen Verhältnissen existieren? Beide Fragen wird man mit nein beantworten müssen; denn Vorbedingung wäre ein jüdisches Kulturzentrum mit jüdischem Leben. Aber wenn es keine jüdische Kunst gibt, so doch jüdische Künstler, Männer, die bei vollster Zugehörigkeit zur deutschen und europäischen Kulturgemeinschast doch teils bewußt, teils unbewußt oder unterbewußt aus den Tiefen jüdischen Wesens schöpfen. In dem bekannten Werke „Jüdische Künstler" haben Fritz Stahl, Franz Servaes und andere Kunsthistoriker sich an dem interessanten Versuch beteiligt, untereinander so verschiedene Künstler wie Joseph Israels, Lesser Ury, Liebermann, Jehuda Epstein n. a. auf jüdische Eigenart zu prüfen. Gegenüber den Künstlern der Palette und des Meißels sind die jüdischen Dichter im Nachteil. Ihnen steht nicht eine gemeinsame, überall verstandene Sprache zu Verfügung. Von der neuhebräischen Dichtung sind wir Westeuropäer auf das wenige angewiesen, was uns in guten Uebersetzungen bisher geboten ist. Wer z. B. Bialiks Gedicht „Im Felde" gelesen hat, das die erhabene Naturempfindung des 104. Psalms mit den Gefühlsgluten der Propheten in sich vereinigt, der wird jedenfalls begierig sein, mehr aus dieser Literatur kennen zu lernen. Zu dem kleinen Kreise der aus deutschem Kulturmilieu hervorgegangenen jungjüdischen Dichter gehört der Humorist Max Jungmann. Bei dem Begriff „jüdischer Humor" denkt man unwillkürlich in erster Linie an galligen Witz, Ironie und Satire, weniger an den harmlosen, versöhnenden Humor der lachenden und lächelnden Träne. Das hat sich historisch mit Naturnotwendigkeit so entwickelt. Die Ironie ist die Waffe der Schwachen. Der Ghettojude, der von der kulturell tief unter ihm stehenden christlichen Majorität des Mittelalters als minderwertiger Parias behandelt wurde, mußte durch diesen grotesken Kontrast zur Ironie erzogen werden und konnte nur durch sie zur inneren Befreiung gelangen. Das konnte nicht ohne dauernde Einwirkung auf den jüdischen Geist bleiben. Das Paradigma für diese Eigenart bleibt immer Heinrich Heine. Auch Jungmanns Humor ist vielfach Ironie und mehr oder minder bittere Satire. Aber doch tritt uns auch das befreiende und erlösende Lachen, das stille Lächeln des Verstehenden in seinen Gedichten entgegen. Allein schon in seiner unvergleichlichen Beherrschung der Sprache und der poetischen Form, oft schon in einem Reim oder einer überraschenden sprachlichen Wendung, kommt vielfach der leise, diskrete Humor zum Vorschein. In diesen! Punkte erinnert Jungmanus Muse immer wieder an Wilhelm Busch. Seine Sprache fließt so natürlich und leicht, daß man den Eindruck hat, als wäre die poetische und satirische Form seine Muttersprache, als müßte er im wörtlichen Sinne von sich sagen: Difficile est satiram non scribere (Es fällt mir schwer, keine Satiren zu schreiben).-Selbst der schelmische „urgermanische" Eulenspiegelhumor ist ihm nicht fremd, den freilich schon geraume Zeit vor dem Germanen Eulenspiegel der Jude Simson betätigt hat, als er in gewissenhafter Erfüllung des gegebenen Wortes den Philistern die 30 Feierkleider lieferte. Der Scherz hat nachhaltig gewirkt, denn noch heute fürchten alle Philister seinen Urenkel. Jungmann schwingt seine Geißel nach rechts und links und schont auch die Schwächen seiner Freunde nicht. Aber selbst die Getroffenen empfinden ihn als Charakter und Persönlichkeit und sind ihm deswegen nicht gram. Vereinzelt finden sich in dem Buche auch harmlose Blümchen ohne Dornen, z. B. „Hinaus", im ganzen nimmt die mehr oder minder bittere Satire den größten 612 Raum ein. Die Tatsache, die ich bereits in meinen Kinderjahren mindestens einmal jährlich wehmütig beklagt habe, shat sich noch immer nicht geändert: Aus der Szederschüssel des jüdischen Lebens gibt es noch immer viel Moraur und toettiQ Chrausses. Emil Simon son. HyreHsagl. Geehrter Herr Redakteur! 3n betreff des Artikels „Jettchen Gebert" in Nr. 49 mache ich ergebenst darauf aufmerksam, daß im Jahre 1839 wohl ein deutscher Prediger namens Hermann Auerbach an der hiesigen Gemeinde angestellt war, Bruder des bekannten Baruch Auerbach, beide Brüder aus Jnowrazlaw i. P. Der letztere war Direktor der jüdischen Gemeindeschule, während Hermann Auerbach seit 1833 als Prediger, mit Uebernahme einiger Fächer in der Schule, fungierte; die rituelle Aufsicht hatten Rosenstein und Oettinger zur gleichen Zeit. Berlin, 7. Dezember. Hochachtungsvoll Simon Besas. « Sehr geehrter Herr Redakteur! 7^u dem Aufsatze über „Stiftungsbestimmungen" von Herrn Dr. W. Feilchenfeld erlaube ich mir die folgenden Bemerkungen.' Die Ausführungen über Stiftungen verdienen auch in den kleinen Gemeinden beherzigt zu werden und zwar um so mehr, als diese zahlreich sich in rückläufiger Bewegung befinden und infolgedessen häufig die Stiftungen ihre Aufgabe nicht erfüllen können. Altersstifte und Waisenhäuser dürfen zahlreich nur Gemeinde- Angehörige aufnehmen; geeignete Personen aber find in den arg zusammengeschrumpften Gemeinden kaum noch zu finden. Gelegentlich hilft sich ein Kuratorium damit, daß es einen Petenten, der sonst allen Anforderungen entspricht, veranlaßt, seinen Wohnsitz nach dem Orte des Altenheims zu verlegen, um so den Geist über den Buchstaben triumphieren zu lassen. Doch das ist der seltenere Fall! Ost müssen reich ausgestattete Waisenhäuser leer stehen. Das Beth- Hamidrasch, eine einst so angesehene Gemeindeeinrichtung, führt jetzt zumeist nur noch ein Schattendasein. Was soll nun mit den Stiftungen, die ihm gewidmet werden, geschehen? Erst jüngst haben die Erben eines längst verstorbenen Stifters die Rückzahlung einer ö6tb-Kamidra3eb-Stiftung verlangt, weil das Institut als solches nicht mehr bestände und ein legitimierter Nachfolger nicht vorhanden wäre. Aber wie mit solchen Instituten geht es auch ganzen Gemeinden. Einst blühende Gemeinden bestehen jetzt nur noch aus wenigen Mitgliedern und werden bald ganz zu existieren ausgehört haben. Was geschieht dann mit ihrem oft sehr beträchtlichen Vermögen? Vor einigen Jahren hat einmal der Fiskus seine begehrliche Hand danach ausgestreckt und es als herrenloses Gut konfisziert. Dagegen müßte rechtzeitig Vorsorge getroffen werden. Die Zwerggemeinden müßten durch Anschluß an benachbarte Gemeinden oder durch Abkommen mit ihnen — die möglichst durch die Regierung bestätigt werden sollen — Vorkehrungen treffen, daß das Vermögen der jüdischen Gesamtheit erhalten bleibe. Stistungsbestimmungen, die nicht mehr erfüllbar sind, können auf Grund der zurzeit herrschenden Rechtsprechung aufgehoben werden; die in dem Vortrage bezeichneten Instanzen werden auch außerhalb Berlins ihren sachverständigen Rat sicher nicht vorenthalten. Bei Neustiftungen in kleinen Gemeinden möge man Anordnungen treffen, daß bei veränderten Verhältnissen eine Instanz in der Provinzial- oder Reichs- Hauptstadt (vielleicht der Deutsch-Israelitische Gemeindebund) befugt sein soll, im Geiste des Stifters die Verwaltung zu ordnen. Ergebenst Ostrowo, im Dezember. Dr. S. Freund. Druck und Verlag von Rudolf Mos je in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwrtz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.