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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-21 · Heft 51 (21.12.1906) · p. Seite 611

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
Seite 611 (sequence 11)
Language
German
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611 wissentlich seinen Nachforschungen eine Ketzerin dadurch entzogen habt, daß Ihr derselben ein Asyl in Eurem Hause öffnetet." Der Graf blieb unter den zerschmetterten Blicken des Großinquisitors wie angedönnert stehen. ' Indessen hatten sich nach und nach einige der anwesenden Herren Juanita genähert, die erstaunt und erschreckt über ihre tollkühne Tat unbeweglich geblieben war... Diese Männer waren geheime Diener der Inquisition. Sie hatten ihr Oberkleid geöffnet, unter dem man nun ein silbernes Schild mit einem Christus, der in den Flammen eines Scheiterhaufens stand, erblickte. An'.diesem Zeichen erkannte man ihr Verhältnis zum heiligen Offizium. Andere Diener hatten schnell einige Unterbeamten der Inquisition benachrichtigt, und bald darauf traten mehrere dieser Trabanten in den Saal; sie bemächtigten sich Juanitas und entfernten sich mit ihr. * * Die Schergen der Inquisition hatten Juanita in die Aljaferia geführt, wo sie die WächterUn einem der zahlreichen tiefen Verließe unterbrachten. Das waren furchtbare unterirdische Kerker, die ungefähr acht Fuß hoch und ebenso breit waren, so daß man kaum aufrecht in ihnen stehen konnte. Der Boden war naß und schlüpfrig, die Feuchtigkeit sickerte von allen vier Wänden herunter; nur eine einzige enge Oeffnung war in die Mauer gebrochen; ein durchdringender nrephitischer Geruch erfüllte den engen Raum, der niemals mit frischer Luft und dem Sonnenlicht in Berührung kommen konnte. Das junge Mädchen wich bei ihrem Eintritt erschreckt, mit dem Ausdruck des Abscheus, einen Schritt zurück. Die Wächter hielten diese unwillkürliche Bewegung für einen wahnsinnigen Fluchtversuch, und der eine von ihnen stieß das arme Mädchen mit rauher Hand in die dumpfe Höhle, während der Schließer mit dem Finger auf einige Bretter wies, die einen Fuß hoch über dem Fußboden angebracht und mit einer halbverwesten Strohmatte bedeckt waren, das war die Lagerstätte, das Krankenbett der Gefangenen. Dann schlug der Schließer heftig die Tür zu und Juanita befand sich allein in der Dunkelheit. Die verdorbene Luft des Gefängniffes beklemmte sie, und die Feuchtigkeit ihres Aufenthaltes durchschauerte sie fieberhaft; der krampfhafte Mut, der sie bisher aufrecht gehalten hatte, verließ sie nun; sie konnte sich kaum zu der hölzernen Pritsche, die nun ihr stetes Lager sein sollte, hinschleppen; sie kauerte sich auf der halb verfaulten Matte zusammen und verfiel in einen von schrecklichen Träumen beunruhigten Halbschlaf. So erwartete sie den Tagesanbruch. Weh, die Sonne hatte noch niemals ihren Strahl in dieses düstere.Trauergemach fallen lassen; nur ein zweifelhaftes Dämmerlicht verkündete Juanita, daß der' Tag begonnen haben müsse. Sie blieb in ihre stumme Apathie versunken, bis das Klirren des Schlüsselbundes sie' aus ihren wilden Träumen erweckte. In dem Halbdunkel, das jetzt im Gefängnis herrschte, sah sie plötzlich einen der Inquisitoren vor sich, neben ihm stand ein anderer Mönch, dessen Gesicht sie nicht erblicken konnte; hinter ihnen traten zwei kurze, untersetzte Gestalten ein, die sie mit dummen, stieren Blicken anglotzten. Es waren zwei Henkersknechte des heiligen Offiziums. Der Gefangenenwärter beschloß den Zug. Juanita überlief es kalt. „Protokollführer," sagte der Inquisitor, indem er sich gu seinem Begleiter wandte, „schreibt genau die Antworten auf, die uns diese Ketzerin geben wird. Wie ist Dein Name?" fragte er dann Juanita. Diese erhob die Augen zu dem Manne, der sie verhörte. Es war eine kalte, undurchdringliche Gestalt, mit fanatischem Ausdruck. „Ich heiße Juanita," antwortete sie. „Wer ist Dein Vater?" „Mein Vater!" rief Juanita, und diese teure und grausame Erinnerung ließ sie einen Augenblick die Frage vergessen. „O, mein Vater, warum haben sie Dich getötet?" „Sein Name?" wiederholte der Inquisitor. „Diego d'Almvra." „Der Tod hat ihn der Strafe entzogen, die seine Verbrechen verdienten." „Seine Verbrechen!" rief Juanita unwillig. „Ruhe!" gebot der Inquisitor. „Du wirst genug zu tun haben, wenn Du Dich selbst verteidigen willst. Du hast erklärt, eine Maranna zu sein, Du hast judaisiert." „Mein Vater sagte mir einst, ich sei eine Maranna, aber judaisiert habe ich niemals," antwortete Juanita. Das arme Kind hatte in der Frage des Inquisitors einen schwachen Rettungsanker zu erblicken geglaubt. „Sprich die reine Wahrheit vor dem heiligen Offizium; eS hat andernfalls die Mittel, Dich dazu zu zwingen. Haft Du keinen andern Verwandten in Saragossa oder in einerandern Stadt Spaniens?" „Nein!" „Du hast aber nicht mit Deinem Vater allein gelebt. Ein junger Mann hielt sich in Eurem Hause auf. Wie heißt der?" „Fernando." „War er ein Maranne?" „Ich kann mich auf keine seiner Handlungen erinnern, die rnich zu dieser Annahme berechtigte." „Versuche nicht die Inquisition zu täuschen; sie ist über alles auf das Genaueste unterrichtet." „Ich kann nur sagen, was ich weiß." „Aber Du solltest doch den jungen Mann heiraten, er war also, wie Du, ein Jude." „Ich gehorchte, ohne zu fragen, meinem Vater." „Wo ist er jetzt?" „Ich weiß nicht." „Aber Du hast ihn vor einigen Tagen ini Ursulinerinnenkloster gesehen. Du mußt wissen, wo er steckt. Du hast ihn ja selber in das Kloster rufen lassen." „Ich wollte ihm raten, Spanien zu verlassen." „Warum?" „Ich wollte ihn dem Haß seiner Feinde entziehen." „Geschah es nicht deshalb, weil Du fürchtetest, er könne der Inquisition anheimfallen? Du . wußtest doch, daß er ein Maranne ist." „Nein, seine Feinde sind der Graf von Ramira und sein Sohn." „Du lügst in Deinen Hals; Du mußt wissen, wo er ist, denn er hat Spanien nicht verlassen.... Man hat ihn noch vor einigen Tagen gesehen." Juanita antwortete nicht; ein neuer Schrecken erfüllte sie. Sagte der Inquisitor die Wahrheit? Oder waren seine Worte i nur eine Schlinge? „Wo ist er?" begann der Inquisitor wieder. „Ich schwöre Euch, daß ich es nicht weiß; auf meine Bitte hat er nur versprochen Spanien zu verlassen." „Die Inquisition kann dem Eide einer Ketzerin keilten Glauben schenken .... Gestehe ein .... . Widersetze Dich oder zittere! .... „Ich kann doch unmöglich mehr sagen, als ich selber weiß." (Forschung folgt.)

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