Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- Seite 610 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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610 leidiger ihrer Verfassung, die heimlich oder öffentlich in die Verschwörung gegen den König und das heilige Offizium verwickelt waren. Der Graf hatte es aber auch für angemessen gefunden, die Inquisitoren und einige ihrer Parteigänger einzuladen. Hatte doch das heilige Offizium ihm während des ganzen Verlaufs der Sache keinen Stein in den Weg gelegt und zugleich war dies ein Mittel — der Graf wenigstens glaubte das — seinen Anordnungen den Anschein der Noblesse zu geben und jeden Verdacht einer Verschwörung gegen das Ansehen des furchtbaren Tribunals für immer zu zerstreuen. Juanita, der man einen Platz unter den dem Hause verwandten Damen angewiesen hatte, betrachtete mit gespannter Aengstlichkeit die glänzende Versammlung; ihre Augen suchten eine«: teilnehmenden Blick, eine ermutigende Geberde; aber kein befreundetes Gesicht zeigte sich. Ihre ganze Umgebung war nur dazu erschienen, um ihr nacheinander in kalten Worten ihren Glückwunsch zu ihrer Verbindung mit dem Sprößling eines so erlauchten Hauses darzubringen; das junge Mädchen fühlte sich verloren, und ihr letzter Hoffnungsstrahl verschwand, als der Graf zu ihr hintrat und ihr seinen Arm anbot, um sie in die Mitte des Saales an den Tisch zu führen, an dem sich Alonzo und Herr von Tueno bereits befanden. Juanitas Lage war schrecklich. Durch heilige unlösliche Bande an Fernando geknüpft, sollte sie jetzt einem andern Gatten die Hand reichen, und sie durfte ihr tödliches Geheimnis niemals eingestehen. Als der Graf das Schwanken des jungen Mädchens bemerkte, ergriff er schnell ihren Arm und trat mit ihr an den Tisch. Juanita wurde furchtbar bleich, alles Blut drängte sich ihr nach dem Herzen; ihr Atem war beklemmt. Indessen waren aller Augen auf den Grafen und das junge Mädchen gerichtet; Plötzlich trat eine tiefe Stille ein, ein unwillkürlicher Schauder durchrieselte die ganze Gesellschaft; man ahnte, daß etwas Außergewöhnliches vor sich gehen werde. Der Graf ging mit sehr fester und entschiedener Miene vorwärts, aber seine Haltung war mürrisch und verdrießlich. Juanita war bald todesbleich, bald glühendrot, sie hielt sich nur mit aller Anstrengung aufrecht und drohte jeden Augenblick zusammenzustnken. Endlich befand sie sich, ohne zu wissen wie, an der Seite Alonzos. Da erinnerte sie sich, daß er eines Tages Mitleid für sie an den Tag gelegt hatte. „Erbarmen!" murmelte sie, zu dem jungen Manne gewendet. „Erbarmen!" Mühsam entwanden sich ihre Worte der keuchenden Brust. „Ruhig!" murmelte Alonzo seinerseits, bei dem der Gedanke an eine öffentliche Zurückweisung den ganzen Ahnenstolz wach rief. „Um Gottes willen habt Erbarmen mit mir!" erwiderte Juanita händeringend mit leiser Stimme. Alonzo antwortete nicht. Alle Anwesenden traten näher heran und folgten mit ängstlicher und gespannter Aufmerksamkeit den Ereignissen. Juanita wich tief aufseufzend und einer Ohnmacht nahe einige Schritte zurück. In diesem Augenblicke wandte sich der Graf um, um wiederum die Hand des jungen Mädchens zu ergreifen. Er suchte vergeblich seiner Heftigkeit Herr zu werden; es sollte nicht das Ansehen haben, als ob er die Zustimmung des jungen Mädchens erzwinge; trotzdem war seine letzte Bewegung derb und fast brutal. Aber Juanita trat noch einmal zurück. „Ich kann nicht," sagte sie. Nun drängte sich Herr von Tueno, die Stirne in finstere Falten gelegt, durch die dichten Reihen der Gäste und stellte sich hinter das junge Mädchen. „Geh," sagte er in dem trockenen, kalten und befehlenden Ton, den er für unwiderstehlich hielt. Diese Stimme rief in Juanita die ganze Vergangenheit wach; sie seufzte unwillig, und der Zorn gab ihr Kräfte wieder; ihre bleichen Wangen belebten sich mit einer tiefen Röte. „Niemals!" sagte sie leise, aber entschieden. „Geh," wiederholte der Vormund .... „Ich kann nicht," entgegnete Juanita. Herr von Tueno verlor einer solchen Hartnäckigkeit gegenüber alle Kaltblütigkeit und Besonnenheit. „Du kannst nicht," erwiderte er zornig. „Gut, dann mußt Du uns sagen, warum, verstehst Du? Oder sofort gehorchen!" „Ich kann nicht," wiederholte Juanita. „Du sollst sagen, warum," schrie Herr von Tueno, bebend vor Wut. Juanita blieb einen Augenblick ruhig und unbeweglich, noch einmal durchliefen ihre Blicke prüfend die glänzende Versammlung, die sich um sie drängte, aber sie begegnete nur zornigen und mißbilligenden Geberden. Sie sah ein, daß jeder Widerstand vergeblich sei. . . Noch ein Mittel war vorhanden, um dem Grafen zu entgehen, ein furchtbares Mittel, und der bloße Gedanke daran ließ ihr Blut erstarren.... ihren Glauben eingestehen.... und der Inquisition anheimfallen.... Das unglückliche junge Mädchen war wieder furchtbar bleich geworden, ein kalter Schweiß perlte auf ihrer Stirn, die Schatten des Todes bedeckten ihr Antlitz.... Sie blickte mechanisch um sich, inmitten der edlen Herren und Damen bemerkte sie plötzlich einen Mönch, einen Dominikaner aus dem Gefolge der Inquisitoren. Blitzschnell durchzuckte sie der Gedanke: Enriquez, Enriquez konnte sie aus der Hand des heiligen Offiziums retten; er hatte es gesagt.... Dieser Gedanke fiel wie ein Hoffnungsstrahl in die Schrecken, die sie mnlagerten. „Du sollst sagen, warum," begann jetzt Herr von Tueno wieder, „warum?" Juanita war bleich, die ganze Umgebung verschwamm vor ihren Augen. „Warum?" sagte sie, mit unerhörter Anstrengung die Worte herausstoßend. Dann nahm sie ihre letzten Kräfte zusammen und rief mit rauher, gellender Stimme: „Weil ich eine Maranna, weil ich eine Jüdin bin!" Bei diesen furchtbaren Worten war die ganze Versammlung vor Schreck auseinander gefahren. Herr von Tueno, die Gräfin und Alonzo waren dieser Bewegung gefolgt. Als der Graf von Ramira die Früchte seines Verbrechens und seiner jahrelangen Jntriguen so plötzlich seinen Händen entschlüpfen sah, ließ er sich von der Heftigkeit seines Temperaments fortreißen und rief: „Glaubt es nicht, es ist nicht wahr!" Er hielt inne, denn er sah den Großinquisitor Molina de Medrano vor sich stehen. „Diese judaisierende Ketzerin wird dem Tribunal der allerheiligsten Inquisition vorgeführt werden," sagte Molina langsam und abgemessen. „Was Euch angeht," fügte er hinzu und warf auf den Grafen einen vernichtenden Blick, „so wird das heilige Offiziuin darüber zu entscheiden haben, wie Euer Beträgen in dieser Angelegenheit gewesen ist und ob Ihr nicht