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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-21 · Heft 51 (21.12.1906) · p. Seite 609

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
Seite 609 (sequence 9)
Language
German
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609 Zufällig kam eine ihrer Nachbarinnen zu ihr, um sich Feuer zu holen. Als sie an den Ofen trat, rief sie der Frau des Hauses zu, sie möchte doch sofort das Brot aus dem Ofen nehmen, da es sonst verbrennen würde. Ganz erstaunt und verblüfft begab sich die Frau an den Ofen und gewahrte das Wunder, was geschehen war, denn der Ofen war mit Brot von dem allerfeinsten und weißesten Mehl gefüllt. Froh aufjauchzend aßen sie und ihr Mann davon und sättigten sich. Nach eingenommener Mahlzeit sagte sie zu ihm: „Laß uns zu Gott beten, - daß er uns etwas spende, wodurch wir einem solchen Dasein und einer so harten und gar nicht lohnenden Arbeit überhoben werden, damit wir uns ganz den frommen Werken widmen können." Als sie inbrünstig gebetet hatten, spaltete sich auf einmal das Dach des Hauses, und es fiel ein Rubin herunter, dessen Glanz das ganze Haus bestrahlte. Unendlich war die Freude dieser armen Menschen, daß der Himmel ihnen eine solche Gunst bescherte. Noch nie hatte sie so verführerische Träume gehabt wie in jener Nacht; sie träumte, sie befände sich im Paradiese, wo sie viele Kanzeln und Throne aufgestellt erblickte. Auf ihre Frage, für wen die alle bestimmt seien wurde ihr geantwortet: „Die Kanzeln sind für die Propheten und die Throne für die Aufrichtigen und Frommen." Auch den Thron ihres Gatten zeigte man ihr und sie bemerkte eine Spalte ans einer Seite des Thrones. Auf ihre Frage gab man ihr die Erklärung, daß diese Spalte den Rubin bedeute, der ihr und ihm vom Himmel gefallen sei. Als die Frau erwachte, war sie darüber sehr unglücklich, daß der Thron ihres Gatten mitten unter den makellosen der anderen Frommen durch eine Spalte verunziert war, und sie veranlaßte ihren Mann, zu Gott zu beten, lieber den Rubin wieder zurückzunehmen, die wenigen Tage oder Jahre ihres Lebens noch ferner in Armut und Hunger zu verleben, als unter den herrlichen und vollkommenen Menschen auf einem mangelhaften Throne zu sitzen. Der Gatte betete in diesem Sinne und siehe da, der Rubin flog plötzlich durch die Decke fort, und von nun an lebte das fromme Ehepaar in Armut und Gottesfurcht, aber glücklich, bis der Herr es zu sich rief. — Nicht nur der muselmännische Kadi, sondern auch der israelitische Richter wird von den Märchenerzählern mit den mannigfachen Tugenden und Vorzügen ausgestattet. Von einem solchen Kadi und seiner bildhübschen Frau wird uns die nachstehende Historie berichtet: Der gottesfürchtige Kadi, der die Gebote seiner Religion streng befolgte und an gewissen Tagen auch streng fastete, sehnte sich immer danach, nach Jerusalem zu wallfahren, um in der heiligen Stadt seine Gebete zu verrichten. Als seinen Stellvertreter in: Richteramt ernannte er seinen auswärts lebenden Bruder, der seine Schwägerin noch gar nicht kannte. Der neue Kadi besuchte sie oft, und sie gefiel ihm so außerordentlich, daß er sofort Feuer fing. Die sittenstrenge Frau stieß ihn jedoch von sich, aber diese Abweisung brachte ihn nicht zur Vernunft, und sie konnte seinen Verfolgungen nur dadurch entgehen, daß fie sich vor ihm verborgen hielt. Der tückische Schwager sann nun auf Rache, um die Unschuldige zu verderben. Auch hegte er Furcht, daß sie ihn bei seinem Bruder nach dessen Rückkehr verklagen würde und so wollte er ihr denn zuvorkommen. Er stiftete Zeugen an, daß sie sie fälschlich des Ehebruchs bezichtigten. Als sie dies vor dem König beschworen hatten, wurde die Frau des Kadi zum Tode verurteilt. Sie wurde in eine Grube gebracht und man warf so viele Steine auf sie, daß fie davon ganz bedeckt war. Da sie nicht gleich starb, sondern nur fortwährend schluchzte und stöhnte, kamen so manche Mitleidige an ihrer Grube vorüber. Doch niemand kümmerte sich um ihr Schicksal. Nur ein einziger hatte Mitleid, und als er sich unbemerkt sah, zog er sie unter großen Anstrengungen aus der Grube hervor, brachte sie zu seiner Frau, verbarg sie dort und beauftragte sie, durch allerlei Salben und Heilmittel die Wunden der Gesteinigten zu pflegen. Als die Unglückliche wieder vollkommen hergestellt war, mietete ihr ihre Wohltäterin eine eigene Wohnung an einen: entfernten Ort; auch gab fie ihr ihr eigenes Kind zur Pflege. Trotz der Qualen, Leiden und Krankheiten, die sie durchgemacht hatte, hatte ihre Schönheit nicht gelitten, und so kam es, daß, wenn sie einmal in aller Heimlichkeit und Vorsicht ausging, sie sofort aller Augen auf sich lenkte und namentlich den Männern außerordentlich gefiel. Doch wies sie alle Annäherungen schroff zurück. Ein böser Mann, der sich in sie verliebt hatte, beschloß, sich an ihr zu rächen, weil sie seinen Antrag nicht annehmen wollte. Er schlich sich des Nachts in ihr Haus, in der Absicht, sie zu erdolchen, aber statt ihrer traf er den Knaben, der bei ihr wohnte und ermordete ihn. Dann ergriff er rasch die Flucht. Unbeschreiblich war das Entsetzen der Frau des Kadi, als sie bei ihrem Erwachen das ruchlose Verbrechen entdeckte, das an dem ihr anvertrauten Kinde begangen worden war. Voll Angst und Wehklagen begab sie sich zu der Mutter des getöteten Kindes. Diese war faffungslos und beschuldigte die Frau des Kadi des Mordes. Sie mißhandelte sie, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte fie sie erwürgt. Glücklicherweise kam ihr Gatte dazu und befreite die Arme aus den Händen der Wütenden. (Fortsetzung folgt.) Ius trüber Leit. Eine historische Erzählung. XVII. Tag, der zu der Verlobungsfeierlichkeit bestimmt war, war herangekommen, ohne daß sich Juanita auch nur einen Moment der Ueberwachung hätte entziehen können. Zwar war seit dem angeblichen Tode des unglücklichen Diego nur eine ziemlich kurze Zeit verflossen, und so konnten leicht Vermutungen auftauchen, die dem Grasen ärgerlich sein mußten. Das wußte er sehr gut. Aber einerseits mußte er aus der augenblicklichen Zustimmung Juanitas, die in ihren Ansichten so veränderlich schien, schnell Nutzen zu ziehen suchen, und andererseits hatte die Erbitterung, die in der Stadt über das lange Hinziehen des Prozesses gegen Antonio Perez herrschte, ihren Höhepunkt erreicht; der Ausbruch konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen, die Gemüter waren ganz mit dieser Tagessrage beschäftigt, und der Graf schmeichelte sich damit, daß die Familienfestlichkeit, die er feierte, eben deshalb kein Aufsehen machen würde. Außerdem war er der Ansicht, daß das beste Mittel zur Entfernung jedes Verdachtes ein kühnes und sicheres Auftreten sei. Weit entfernt also, sich bei dieser Gelegenheit auf den engen Kreis seiner Verwandten und nächsten Freunde zu beschränken, war vielmehr eine zahlreiche Gesellschaft am Abend der Verlobung im Hause des Grafen versammelt. Man sah da die ersten Adligen SaragoffaS, lauter entschiedene Ver-

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