Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- Seite 608 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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608 nichts anderes übrig, als sein Hausgerät zu Geld zu machen. Er ging damit auf den Markt und bot alles seil, aber niemand wollte die minderwertige Ware kaufen. Endlich meldete sich bei ihm ein Mann, der mit übelriechenden Fischen handelte und fragte ihn: „Willst Du Deine Gerätschaften gegen meine Ware eintauschen?" Der Kaufmann willigte ein, trug die Fische nach Hause und bat seine Frau, dieselben zu braten, damit sie ihren Hunger stillen könnten, inzwischen werde Gott weiter helfen. Als die Frau den Fisch öffnete, fand sie eine Perle darin, die nicht durchlöchert war. Tags darauf begab sich der Israelit zu einem sachverständigen Freunde, um ihm die Perle zu zeigen, damit dieser sie prüfe. „Ei, alter Freund, woher hast Du diese Perle?" fragte ihn der Sachverständige. „Nun, die hat mir Gott beschert." „Das ist eine köstliche Gabe, denn die Perle ist 1000 Golddrachmen wert und gern will ich Dir diese Summe dafür geben. Doch rate ich Dir in Deinem eigenen Interesse, damit zu einem anderen Mann zu gehen, der reicher ist als ich und sich den Luxus gestatten kann, ein solch wertvolles Kleinod zu erwerben." Der Israelit befolgte diesen Rat, ging zu dem betreffenden Mann, und als dieser die Perle abschätzte, sagte er: „Sie ist 70 000 Golddrachmen wert, und gern will ich Dir diese Summe dafür bezahlen." Hocherfreut nahm der glückliche Finder der Perle die große Summe in Empfang. Sie war so schwer, daß er zwei Lastträger mieten mußte, die sie ihm bis zur Tür seiner Wohnung tragen mußten. Dort angelangt, trat ein Bettler an ihn heran und bat: „O, gib mir auch etwas von dem Gelde, das Dir Gott beschert hat." „Gestern war ich eben so arnl als Du, erwiderte der plötzlich reich gewordene Mann, nimm daher die Hälfte dieses Geldes." Nachdem der Israelit das Geld in zwei Teile geteilt hatte und freudig dem Bettler die eine Hälfte schenken wollte, wies dieser die Gabe mit den Worten zurück: „Behalte Du nur Dein Geld, aber Gott segne Dich für Deinen guten Willen. Weißt Du, wer ich bin? Ich bin ein Abgesandter des Himmels, hierher gesandt, um Dich in Versuchung zu führen." „Gott, der Herr, sei gelobt und gepriesen," sagte der Israelit, seine Hände zum Gebet faltend. Gott segnete sein Tagewerk, er kannte seitdem die Not nicht und lebte mit seiner Familie in größtem Wohlstand bis zu seinem Tode. Aber nicht allein der israelitische Kaufmann wird in seiner Rechtschaffenheit, Pflichttreue, Frömmigkeit und edlen Gesinnung uns vorgesührt, sondern auch der israelitische Arbeiter und Handwerker erscheint als der Typus eines Mannes, der nie vom Wege des Rechts, der Gesittung und des Erlaubten abweicht. Gar manches Schöne berichten die Autoren von 1001 Nacht von einem tugendhaften israelitischen Arbeiterehepaar. Er und seine Frau waren schlichte Arbeiter, die Tag für Tag Fächer, Fliegenwedel und dergleichen flochten. Er brachte diese Sachen auf den Markt, um sie zu verkaufen und ernährte sich und feine Frau aus dem Erlös recht und schlecht. Als er eines Tages nach getaner Arbeit in einer Straße auf und ab ging, um seine Waren feilzubieten, gefiel er der Frau eines vornehmen und reichen Mannes durch seine Schönheit und intereffante Gestalt so sehr, daß sie sich leidenschaftlich in ihn verliebte und ein Auge auf ihn warf. Ta ihr Mann gerade abwesend war, veranlaßte sie eine ihrer treuen Dienerinnen, auf die Straße zu gehen, um ihn ins Haus zu locken. Die listige Kammerzofe sagte zu ihm: „Komm doch herein zu uns, damit ich Deine trefflichen Waren auch meiner Herrin zeige, sie wird dann aussuchen, was sie zu kaufen wünscht und Du wirst dann mehr verdienen als von mir." Arglos folgte erihr, da er sich dabei nichts Schlimmes dachte. Aber kaum war er eingetreten, verschloß die Dienerin die Tür. Die Herrin erschien und sagte ihm allerlei Schmeicheleien, sie habe ihn schon lange beobachtet, er gefalle ihr ganz ansnehmend und bitte sie ihn, an ihrer Tafel Platz zu nehmen. Ihr Gatte sei verreist und so könne er ganz ungeniert bei ihr bleiben. Schon mancher König und Mächtige dieser Erde habe um ihre Gunst geworben, aber niemand habe ihr gefallen, er sei der erste Mann, der ihr zusage. Sie machte ihm eine förmliche Liebeserklärung, überschüttete ihn mit ihren Liebkosungen, und da sie jung, reizend und intereffant war, hätte wohl so mancher Mann den Lockungen der Verführerin nicht widerstehen können. Er aber sah sie kaum an, denn er liebte seine Gattin, auch fürchtete er sich als ein frommer und gottesfürchtiger Mann vor der Sünde. Um jedoch auf geschickte Weise von ihr loskommen zu können, griff er zu einer List. Er sagte ihr: „Ich bin hocherfreut von der Gunst, die Ihr mir erweist, da ich es sonst nicht gewagt hätte, meine Augen zu einer so vornehmen Dame zu erheben. Doch habe ich vorher eine große Bitte an Euch." „Gern will ich sie erfüllen, was verlangst Du?" „Ich bitte Euch um einen Becken reinen Waffers, damit will ich mich auf die Terrasse Eures Hauses begeben, meine Waschungen vornehmen und zu Gott beten." „Mein Haus ist groß und Du kannst Dich in welches Gemach immer begeben, um dort Deine Waschungen vorzunehmen, Du brauchst deshalb nicht auf die Terrasse zu gehen." „O doch, ich muß den höchsten Platz im Hause besteigen." Da die hohe Dame seinen ersten Wunsch nicht unerfüllt lassen wollte, beauftragte sie eine Dienerin, sich mit dem Mann nach der Terraffe zu begeben und ihm ein Becken mit Waffer zu bringen. Dort angelangt, wusch er sich, betete und blickte auf die Straße hinunter in der Absicht, sich hinabzustürzen. Doch mußte er zu seinem Schrecken gewahren, daß ein Sprung von solcher Höhe ihm den sicheren Tod bringen würde. Trotzdem war er entschlossen, eher sein Leben zu opfern, als einen Ehebruch zu begehen. Plötzlich sprang er von der Terrasse herab, doch geschah ihm nichts, denn Gott sandte einen Engel, der ihn auf seine Flügel nahm, so daß ihm kein Leid widerfuhr. Spornstreichs eilte er zu seiner Gattin. Als sie ihn fragte, warum er solange ausgeblieben und was aus der mitgenommenen Arbeit geworden sei, erzählte er ihr alles und dankte Gott für seine wunderbare Rettung. ,,O, mein lieber Mann," sagte sie, „wie beschützt uns doch der Himmel, wir haben zwar nichts zu essen, aber Gott wird schon weiter Helsen. Doch sollen unsere Nachbarn nicht merken, daß wir hungern. Wie jeden Abend, so wollen wir auch diesmal Feuer auf dem Herd machen, damit unsere Nachbarn glauben, daß wir unser Abendessen zubereiten. Wir haben den ganzen Tag über gefastet und so werden wir diese Nacht auch noch fasten." Gesagt, getan. Sie zündete ein großes Feuer an, um ihre Nachbarn zu täuschen, dann wusch sie sich und betete mit ihrem Manne das Nachtgebet.