Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- Seite 607 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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607 spricht: das allgemein Christliche. An diesem Religionsunterricht können dann auch die jüdischen Kinder teilnehmen, und ich versichere aus meiner Erfahrung, die Juden sind die letzten/ die uns Schwierigkeiten machen. Ich weiß wenigstens ans meinem Bezirk, daß heute auf den Dörfern, wo die Inden keine Gelegenheit haben, besonderen Religionsunterricht zu erhalten, sie ruhig an dem christlichen Religionsunterricht teilnehmen; sie singen die Lieder mit'), sie sagen die Sprüche her^), die biblischen Geschichten^), und wenn wir solch einen Religionsunterricht einführen, werden die meisten Juden gar nicht verlangen, daß ein konfessionell jüdischer Religionsunterricht eingeführt werde, falls nicht die Rabbiner sich ebenso verhalten wie unsere Geistlichen. So weit der Redner, der von seinem Standpunkte sehr schöne Worte gesprochen, und gewiß werden viele, die von der starren Hyperorthodoxie aus der Kirche getrieben werden, dem von ganzem Herzen zustimmen. Allein sein Standpunkt ist und bleibt trotz allen Freisinns der christliche. Der christliche Geist soll die Religion, die Philosophie, die Kunst, die Wissenschast, ja das ganze Leben beherrschen und erfüllen, und gegen eine solche Lebensanschauung muß jüdischerseits entschieden Verwahrung eingelegt werden, denn was die Herren unter „christlich" verstehen, das kennt man zu gut. Hat doch selbst ein Harnack, eine Koryphäe unter den Theologen, in seinem „Wesen des Christentums" dieses auf Kosten des Judentums, das er als inferior bezeichnet, glorifiziert; was sollen da seine Nachbeter tun, die aus solcher Quelle geschöpft, während die gegenteiligen Schriften ihnen unbekannt sind oder sie diese doch einfach ignorieren. Diese christliche Religion ohne alle konfessionelle Färbung soll nach dem Redner die Religion der Zukunft sein, bezw. als solche in der Schule gelehrt werden und nennt man einen konfessionslosen Religionsunterricht, an dem auch die jüdischen Kinder teilnehmen werden. Es erübrigt sich weiter, den Gegenbeweis zu erbringen, daß das Judentum, wie der Redner sagte, im Dogmatismus erstarrt gewesen sei. Das ist eines der vielen Schlagworte, wie sie so gern in große Versammlungen widerspruchslos hineingeworfen werden. Es soll dem Redner nicht verübelt werden, daß er seine Wissenschaft nur aus christlichen Quellen geschöpft, dagegen die jüdische Religionswissenschaft, die Geschichte des Judentums, seine Schriften und Literatur nicht, oder doch nicht gründlich, kennt, sonst hätte er ein so einseitiges Urteil über das Judentum nicht fällen dürfen. Das aber muß er wissen, denn die Bibel ist doch kein Buch mit verschlossenen Siegeln, daß lange vor Christus der Geist wahrer Menschenliebe bereits von dem großen Gesetzgeber Moses verkündet, in seiner Reinheit von den Propheten gepredigt, von einem Hillel dieses höchste Gebot der Nächstenliebe als daS Wesen des Judentums, der Kern seiner Ethik, interpretiert worden ist. Zahlreiche Stellen im Pentateuch sowie in den anderen Büchern der Heiligen Schrift, die dem Redner nicht unbekannt sein werden, beweisen dies auf das nachdrücklichste. Hätte der Redner auch nur eine blasse Ahnung vom rabbinischen Schrifttum, vom Wesen des Judentums, wie es jüngst in den Schriften von Eschelbacher, Güdemann u. a. m. dargestellt ist, kannte er die Ethik von Lazarus, so würde er die christliche Lebensanschauung nicht als die einzige und höchste Weisheit verherrlicht haben. Wenn man so von der christlichen Lebensanschauung sprechen hört, wem fällt da nicht u>. nllkürlich aus Goethes Faust die Stelle ein: ') Auch die Weihnachts-, Oster- und Pfingstlieder, als „Stille Nacht", „O, Lamm Gottes", „O Haupt voll Blut und Wunden" u. a. m.? ") Auch die angeblich >nessianischen„ die sich auf Christus beziehen sollen? ’) Auch die des Neuen Testaments? „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, Das ist im Grund der Herren eigener Geist, In dem die Zeiten sich bespiegeln." Es ist gerade so, als wenn die edle, menschenfreundliche Handlung eines Juden als eine echt„christliche Tat" bezeichnet wird, oder wie es dem Schreiber dieses einmal erging, als er als Lehrer an einer paritätischen Schule den Wunsch äußerte, ihm den Unterricht im Deutschen zu übertragen, da wurde ihm seitens des Regierungsvertreters bedeutet: „Das können Sie als Jude gar nicht verlangen, denn der deutsche Unterricht muß von christlichem Geiste durchweht sein." Wenn ferner der Redner aus seinem Jnspektionsbezirk erzählt, daß jüdische Dorfkinder, denen es an Gelegenheit fehlt, jüdischen Religionsunterricht zu erhalten, an dem christlichen teilnehmen, so weiß man ja, wie das zugeht. Die paar jüdischen Familien auf dem Dorfe, die es mit dem Pfarrer und Lehrer nicht verderben wollen, lassen solches aus Konnivenz gegen diese zu, oder, was schlimm genug ist, aus unverzeihlichem Jndifferentismus, haben vielleicht selbst, außer mechanischem Lesen im Gebetbuche, nie einen ordentlichen Religionsunterricht genossen. Daß ferner die Juden die letzten seien, die gegen. einen solchen Religionsunterricht Schwierigkeiten erheben würden, das ist, gelinde gesagt, ilnrichtig; womöglich legt der Redner den Maßstab der Juden, die er auf den oberhessischen Dörfern kennen gelernt, an alle Juden. Der überzeugungstreue Bekenner des Judentums dankt sehr für solchen Religionsunterricht, und wäre der Lehrer noch so tolerant und freidenkend; selbst der wahrhaft gebildete Jude, auf den sich der Redner beruft, wird dagegen sich ganz entschieden verwahren. Was aber die Katholiken und Protestanten in ihrer großen Mehrheit zu solch farblosem Unterricht sagen werden, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Die Juden dagegen sind gut ge»nrg, bei derartigen Experimenten das Versuchskaninchen abzugeben. — Gott schütze uns vor unseren Freunden! Das Milche Clement in den Lrsählungen von 1W1 Macht. Bon Dr. Adolph Kohut. II. 3ch habe schon erwähnt, daß in 1001 Nacht der israelitische Kaufmann als Ehrenmann gilt und daß alle Geschichten, die von ihm erzählt werden oder in deren Mittelpunkt er steht, ihn uns in sehr sympathischem Lichte zeigen. Zahlreich sind die novellistischen und moralischen erbaulichen Erzählungen, die uns die Verfasser diesbezüglich mitteilen. Von einem solchen frommen gottesfürchtigen Sohne Israels lesen wir folgendes: Einst lebte ein frommer Jude, der ehrlich und rechtschaffen sich und feine Familie von seiner Hände Arbeit ernährte. Er war Kaufmann, der täglich die von ihm gesponnene Baumwolle verkaufte, beziehungsweise dafür.rohe eintauschte und dabei einen schönen Gewinn einheimste. Als er einst wieder ein solches Geschäft gemacht hatte, begegnete er einem Freunde, der sich in bitterer Not befand. Das Elend des Unglücklichen rührte ihn so, daß er ihm das soeben gelöste Geld schenkte und zu seiner Familie mit leeren Händen zurückkehren mußte. Nicht gering war die Ueberraschung der Seinigen, als sie erfuhren, daß der Kaufmann all sein Geld verschenkt hatte und nun nichts mehr besaß. Auf die besorgte Frage der Seinigen, was man nun anfangen solle, blieb dem Kaufmann