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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-21 · Heft 51 (21.12.1906) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
Seite 606 (sequence 6)
Language
German
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606 Sinne unserer „Einjährig-Freiwilligen", floß aus seinem Säckel. Rudolf ll. ernannte ihn, so heißt es, zum kaiserlichen Rat. Bei seiner Beerdigung ließ sich der Kaiser vertreten, was ihn nicht hinderte, Meisels Hinterlassenschaft mit Beschlag - zu belegen. Das war System. Es gehört zu den Wundern im Wirtschaftsleben der Ameise, daß sie sich sozusagen „Haustiere" hält. Wie Kühe auf die Weide, werden von diesen! betriebsamen Tierchen Aphisien auf ein Blatt geführt und, kaum daß sie sich vollgesogen, ausgepumpt. Das war die Stellung des Juden im Steuerwesen jener Fürsten. Und so ließ man in den Augen beschränkter Untertanen ihn schuldig werden. Wer von der Prager Judenstadt spricht, aus dessen Lippen drängt sich ganz von selbst der Name, der am zureichendsten den Genius des Ghetto deckt mit all seiner Demütigung und Dulderschaft, aber auch mit jener Geistesmacht, die zauberkräftig immer wieder der Vernichtung trotzt. Wer hätte nie von dem Meister hoher Künste, dem „hohen Rabbi Löw" gehört? Mit Meisels Gold im Bunde hat diese „Leuchte des Exils" die Gemeinde zu einer zweiten Glanzepoche geführt. Seit jenen Tagen lebt bis heut im Munde des Volkes das Wort: „Wo gibt es besseres Wohnen als in Prag?" Ein Strahlendiadem weltentrückender Apotheose schmiedete ihrem Liebling die dankbare Volksseele aus den schönsten der zahllosen Faust- und Albertus Magnus-Sagen. Die Welt, in der sich ein Goethe heimisch fühlte. Hier lebte auch sein „Zauberlehrling". Er ist der „Golem" des „hohen Rabbi Löw", die Tonpuppe, der des Meisters Zauber Leben gibt und nimmt. Noch heute steht in Prag die damals schon altehrwürdige Altneuschul — „altneu", wie man etwa in Magdeburg von einer Altneustadt spricht. Auf dem Boden dieser Synagoge lagen bis auf die neueste Zeit die Trümmer des Golems. So versicherte in bestem Glauben von einer Behörde der Diener, der sie begraben haben will. Auch ein Fall Kriminalpsychologie. Besonders liebevoll beschäftigt sich die Sage mit den Beziehungen Rabbi Löws. zu Rudolf II., der statt mit dem Regieren sich lieber mit Alchemie und Astrologie, mit dem Suchen nach dem Stein der Weisen und anderen Zauberspielereien beschäftigte, und in der Tat eines Tages den Judenrabbi zur Audienz ins Schloß befohlen hat. Einst sollten die Juden wieder einmal vertrieben werden. Alles bangte und bebte. Nur Rabbi Löw tritt in seiner feierlichen Tracht dem Kaiser kühn in den Weg, da er mit schäumenden Rossen vom Hradschin in die Stadt hinabfährt. Auf sein dröhnendes „Halt!" stehen die feurigen Rosse zitternd da wie Lämmer. Das Volk aber ruft: „Steinigt ihn, den verruchten Juden, der es wagt, demKaiser den Weg zu sperren!" — und Kot und Steine umsausen des Rabbis ragende Gestalt. Doch wie sie ihn berühren, sind es duftende Kirschen- und Apfelblüten. Quae nocent, docent — des Feindes Geschoß kann sich in duftende Blüte wandeln. Die Steinwürfe des Pöbels waren für die Juden Böhmens wohl eine harte, aber eine gute Schule. Sie haben von ihrem hohen Rabbi Löw gelernt, wie man Geistesfinsternis mit Geisteshelle pariert. Die Fülle klangvoller Namen auf allen Gebieten geistigen Fortschritts sind des ein glänzendes Zeugnis. David Gans, den Freund Keplers und Tycho de Brahes und Mitarbeiter Johannes Müllers, Jonas und Ignaz Jeiteles, den Arzt und den Aesthetiker, Peter Beer, den mutigen und erfolgreichen Vorkämpfer für die Offizierskarriere der Juden im österreichischen Heer, Professor Wessely, die Dichter Arnold Hirsch, Michael Klapp, Moritz Hartmaun, Siegfried Köpper, Leopold Kompert, L. A. Frankl, den Domprediger zu St. Stephan in Wien Jos. Emanuel Veit, den Justizminister: Dr. Glaser und der Lebenden so viele unter unseren Besten hat uns die Judenschaft Böhmens geschenkt. Still, wie sie ihre segensreiche Arbeit geleistet, feiert sie ihr erstes Millennium. Der konkellwnslolr Hrljgwnsmiterricht. Von L. OpPenheimer»Worms. uf der diesjährigen deutschen Lehrerversammlung in München referierte Oberlehrer Gärtner über die Simultanschule, welcher Vortrag ungeteilten Beifall fand. Während der Referent für eine solche Schule mit konfessionellem Religionsunterricht plädierte, wurde von dem Vorsitzenden unter Zustimmung der Versammlung, um auch andere Ansichten zu hören, bei der Diskussion zwei Rednern das Wort erteilt, die in bezug auf den Religionsunterricht einen verschiedenen Standpunkt vertraten. Der eine Redner, Lehrer Holzmeier-Brewen, fordert die rein weltliche Schule mit Ausscheidung jedes Religionsunterrichtes, der andere, Schrrlrat Scherer-Büdingen (Oberhessen), ein bekannter und verdienter Schulmann, trat lebhaft ein für einen gemeinsamen Religionsunterricht für alle Konfessionen, ohne konfessionelle Färbung. Obgleich dessen Ausführungen mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurden, verstieg sich der sonst sehr freisinnige und freidenkende Redner zu manchen das Judentum betreffenden, abfälligen Aeußerungen, die nicht unwidersprochen bezw. unwiderlegt bleiben dürfen. Bevor dieses geschieht, soll die Rede, insoweit darin das jüdische Interesse berührt wird, wörtlich zitiert worden und zwar nach dem stenographischen Bericht in Nr. 31 der „Allgemeinen deutschen Lehrerzeitung". „Ich behaupte, diese konfessionslose Religion ist aus dem Geiste des Christentums herausgewachsen; sie enthält das Wertvolle daraus, was in das deutsche Geistesleben hinübergegangen ist. Denn sie ist in unserer nationalen Literatur Zum Ausdruck gekommen, und diese ist das Erzeugnis des deutschen Geisteslebens. Was in sie nicht hineingeht, ist wertlos, nebensächlich. Blicken Sie doch zurück vom heutigen Stande der Bibelforschung! Hat Christus ein Dogma gelehrt, hat er eine Konfession gegründet? „Weidet meine Lämmer, haltet, was ich befohlen habe!" Das ist der Kern seiner Religion geworden. Und was hat Christus befohlen? „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Das ist der Kern der christlichen Religion und der christlichen Sittenlehre, und dieser Kern in dieser Reinheit war vor Christus nicht vorhanden, ist erst durch Christus hineingebracht worden in die Menschheit, und darum stehe ich auf dem Standpunkte: Unsere deutsche Kultur und unser Geistesleben ist durchdrungen von dem Geiste des Christentums. Dieser Geist des Christentums ist eingedrungen in unser ganzes geistiges Leben, in unsere Philosophie, in unsere Religion, in unsere Kunst. Ja, wir haben eine christliche Kunst, wir ^abeu eine christliche Literatur! Wollen Sie etwa auf dem Standpunkte der Bremer Herren stehen' die aus dem deutschen Unterrichte alle Erzählungen religiös-sittlicher Natur ausscheiden, die Worte des Glaubens von Schiller, den geretteten Jüngling von Herder und vieles andere von christlicher Weltanschauung? Aber die christliche Weltanschauung ist auch die natürlich-menschliche, an ihr kann auch der gebildete Jude keinen Anstand nehmen, denn das Judentum war auch erstarrt im Dogmalisruus, und das hat uns der größte Prophet seiner Zeit, Christus, gelehrt. Also meine Herren, diese christliche Welt- und Lebensanschauung soll nach meiner Ansicht in der Schule auch vertreten sein. Man sagt allerdings, die Schule soll keine Welt- und Lebensanschauung lehren, die nicht mit der modernen Welt und ihrer Anschauung übereinstimmt, und darum müssen wir in sie einführen, was dieser Forderung ent-

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