Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- Seite 605 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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605 schichten entspricht. Dieses zu befriedigen, konnten die Begründer der Lesehalle nur dann erhoffen, wenn sie von Anfang an alle Parteitendenzen ausschloffen und jeder politischen und religiösen Richtung im Judentum unbeschränkten Spielraum ließen. Wir sind auch im Berichtsjahre diesem Prinzip treu geblieben und werden weiterhin redlich bemüht sein, jeden Schein von Tendenz unserer Institution fernzuhalten, ihr denallgemein jüdischen Charakter strengstens zu wahren." Solche Worte llingen aus dem tatenlustigen Posen doppelt wohl, und wir meinen, daß die Befolgung auf breiterem Boden als auf dem einer Lesehalle, genau die gleichen und schönen Erfolge zeitigen würde. Eine Persönlichkeit sein, das heißt jeder Sache seinen persönlichen Stempel aufzudrücken, ist gewiß ein schönes Streben. Jedoch soll man nicht vergessen, daß der Nebenmann das gleiche Recht besitzt. Und daß es namentlich in einer jüdischen Gemeinde Dinge gibt, die nur sine ira et studio behandelt werden können. So mag denn dieser Posener Bericht mit der Hoffnung schließen, daß dem Streben nach Neutralität in allen Dingen, die die Gesamtheit angehen, immer weitere Bahnen erschloffen werden. Das Judentum wird darunter gewiß nicht leiden. —pp. Lm ltttles Mllrnmum. Von Dr. Max Grunwald-Wien. I^in Millennium auf österreichischem Boden. In diesen Wochen vollendet die Geschichte der Juden Böhmens ihr erstes Jahrtausend. Soweit datiert die Raffelstettener Zoll- und Schiffahrtsurkunde zurück, die älteste, die von Jude» in böhmischen Landen meldet. Seit jener Zeit haben fast ununterbrochen bis auf diesen Tag, vor allem in der Hauptstadt Prag, Ost und West sich immer inniger zu einer eigenen Kulturwelt ineinander verwoben. Reste des Mittelalters, ehrwürdig ernst, von mystisch erbaulicher Sage umsponnen — heut umbraust von den grellen Geräuschen modernen Verkehrs. Neben blutigen Spuren eifernden Wahnes, Zeugen hochherziger Menschlichkeit und Ueberzeugungstreue. Mit dem Todesröcheln der Opfer plündernder Kreuzfahrer mengt das Echo der Geschichte das Kampfgetöse der Hussiten, des dreißig- und des siebenjährigen Krieges. Weitgerühmte Meister der Kabbala und Finanzgrößen der alten Schule lösen Vertreter exakter Forschung. Fabrikanten von j Weltruf ab. i Die Sage freilich holt noch weiter aus und läßt diese Entwicklung mit dem ersten Hahnenschrei geschichtlichen Lebens aus böhmischem Boden beginnen. Ihre Säfte saugt sie zumeist aus den Bildern und Zeichen verwitterter Steine des alten Prager Judenfriedhoss. Ein Musterausschnitt mittelalterlicher Judenleiden liegt hier in einem Urwald duftenden Flieders gebettet. Längst ist es für jeden, der Prag besucht, zum Wallfahrtsziel geworden, dieses Fleckchen tränenreicher Ghettoromantik. Das österreichische Kaiserhaus zu beträchtlichem Teil, von auswärtigen Herrschern König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, den herrlichen Kaiser Friedrich III. mit Gemahlin und Sohn, den jetzigen deutschen Kaiser, Souveräne und Prinzen der verschiedensten Länder, die bekanntesten Forscher- und Künstlernamen finden wir in dem aufliegenden Gedenkbuch eingezeichnet. Wer Geschichte will wachsen und werden sehen, wie der Wellenschlag der Jahrhunderte Schicht auf Schicht ablagert, findet hier ein Troja auf heimischer Erde, in der Stätte des Todes das' getreue Abbild des Lebens, des Ghettolebens. Wie die Wohnstätten dieser Armen, aus „die Gasse" beschränkt, statt in die Weite, mit gewagten Dachkammern und Giebeln in die Höhe wuchsen — 12 000 Menschen in 300 Häusern, Gaffen, daß darin kein Wagen, Kammern, daß darin kein Bett sich wenden ließ, wahre Grüfte bei Lebzeiten — so wurden auch die Gräber, sobald sie nebeneinander keinen Raum mehr fanden, stockwerkhoch übereinander gereiht, das neue Geschlecht buchstäblich ans den Schultern der Väter ruhend. Von den Taten der stillen Grabesbewohner melden die Denkmäler, verläßliche Meilensteine für einen Ausflug durch das nun abgeschlossene Jahrtausend. Auch von diesen Aufrechten hat so manchen der nivellierende Zug der Zeit gefällt. Darf man es Vandalismus schelten? Das Leben verdrängt den Tod, und „der Lebende hat recht". Doch selbst was geblieben, redet erschütternd genug, um der dichtenden Deutung der Sage entraten zu können. Da nennt uns eine Grabschrist den Dichter eines düsteren Märthrerliedes aus den blutigen Prager Pogrom am Ostersonntag 1389. Ein Priester hetzte gegen die Juden. Sie hätten eine Hostie beleidigt. Die Antwort waren Tausende verstümmelter Judenleichen und geschändete Gräber. Die Verfolgten wandten sich an König Wenzeslaus glorreiche Majestät. Der gab natürlich den Juden die Schuld, beschränkte sich im übrigen darauf, Hab und Gut der Erschlagenen einzuziehen. War es doch die Zeit, wo Könige ihre Schulden mit Anweisungen auf das nächste Judenschlachten bezahlten und Kaiser weniger anmutig als zutreffend die Juden Hühnern verglichen, die goldene Eier legten. Längst entschwunden war der Geist der hochsinnigen, gegen die Juden billigen Przemislyden. Auch für das Judenlos bedeutete aus lange hinaus die Zeit König Ottokars Glück und Ende. Und nun gar, als die Fürsten selbst den Juden den Frieden kündigten. So rühmt eine Grabschrist den „edlen Frommen, der nach Rom gereist ist, um des Kaisers Eidschwur durch den Papst lösen zu lassen". Der Papst ist Pius IV., der Kaiser Ferdinand I. „Aus beweglichen Ursachen", wie ein Jahrhundert später Maria Theresia, hatte er die Juden aus Böhmen vertrieben. Die Erzherzöge baten für die arg Bedrängten. Der Kaiser hielt ein eidliches Gelöbnis entgegen. Da reiste jener „edle Fromme" im Namen ^der Gemeinde nach Rom, und wohl Dank seiner Beziehungen als geborener Italiener erwirkte er vom Papst die Lösung des kaiserlichen Schwures. Mordechai, so hieß der Wackere, gleich dem Retter der Juden zu Hamans Zeiten Mordechai, aus der berühmten Buchdruckerfamilie der Soncinos. Das Ghetto studierte und las ungeheuer eifrig, so viel, daß diese italienische Firma in Prag eine Filiale errichten konnte. In diesen ältesten Prager Drucken erscheint der böhmisch frisierte Löwe und dementsprechend das jüdische Altertum in der Tracht Vaclavs und Vojtechs. Es war die Mode, nach der sich Böhmens Juden damals kleideten und nannten. Ein anderer Italiener, dem die Judenschaft Prags ein dankbares Andenken bewahren darf, 'ist Jakob Baffevi „von Treuenberg", in deutschen Gauen der erste geadelte Jude. Seine Bedeutung als Anwalt der Genossen reicht jedoch nicht entfernt heran an die des Prager Rothschild Mordechai Meisel. Meisels Reichtum, nicht minder feine stete Hilfsbereitschaft gegen Christ wie Jud, waren sprichwörtlich. So manches dem Ghetto auferlegte „freiwillige Geschenk", freiwillig im