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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-21 · Heft 51 (21.12.1906) · p. Seite 604

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
Seite 604 (sequence 4)
Language
German
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604 bezug auf die Art und Weise der Verwirklichung der jüdischen Gleiche berechtigung, die sich selbst bei den Führern der Partei der friedlichen Erneuerung offenbarten, entsprechen weder der prinzipiellen Wichtigkeit der Frage, noch dem Standpunkt der russischen Juden, die schon längst von dem unerschütterlichen Bewußtsein durchdrungen sind, daß die wirkliche Gleichberechtigung nicht teilweise aus dem Wege dex Kompromisse erreichbar ist, sondern daß zum Kampf um die Gleichberechtigung eine kraftvolle Opposition gegen alle Regierungsmaßnahmen, die den Grundsätzen der bürgerlichen Gleichheit und politischen Freiheit widersprechen, erforderlich ist." Um die Stimmung der russischen Juden regierungsfreundlicher zu gestalten, wurden ihnen bekanntlich große Reformen in Aussicht gestellt. Es folgte aber das wuchtige „Veto" der „schwarzen Hundert", und mit Verbeugungen und Entschuldigungen zog sich das Ministerium eiligst zurück. Nun hat der Verband der Pogrommacher einen neuen Sieg über die Regierungsbeschlüsse zu verzeichnen; wir lesen nämlich in den Zeitungen folgende vielsagende Mitteilung: „Das Ministerium für Volksaufklärung hat für nötig gefunden, im künftigen Semester nicht in einem einzigen Falle zu gestatten, daß Juden in die mittleren und Hochschulen über die festgesetzte Norm (von 3 bis 10 Prozent) aufgenonimen werden." Erst in diesem Herbst haben sämtliche Hochschulen sowie auch die mittleren Schulen beschlossen, die Beschränkungen zu beseitigen; das Ministerium seinerseits stimmte diesen Beschlüssen zu. Als aber der „Verband der russischen Leute" zu einer über allen Ministerien stehenden Regierungsinstanz wurde, durften natürlich diese Bestimmungen nicht weiter gelten. * In England nimmt der Kampf zwischen Unterhaus und Oberhaus über die Unterrichtsbill das ganze Interesse in Anspruch. Wir haben schon wiederholt hervorgehoben, welch lebhaftes Interesse die Juden an den wichtigsten Punkten dieses Gesetzes haben, und Lord Rothschild hat erst vor kurzem darüber eine sehr interessante Rede in London gehalten. Es ist darum notwendig, die Unterschiede kennen zu lernen, die zwischen der Fassung des Entwurfs, wie er aus dem Unterhause hervorgegangen ist und wie er das Oberhaus verlassen hat, gegenwärtig bestehen. Das Unterhaus gab den Lokalbehörden freie Hand, entweder die kirchlichen Privatschulen zu übernehmen oder nicht, die Lords machten die Uebernahme, ganz gleich, ob die Gebäude verfallen sind und der Bauanforderung für die Gemeindeschnlen nicht entsprechen, obligatorisch Das Unterhaus gab der lokalen Unterrichtsbehörde das Recht, zu bestimmen, ob sie Erleichterungen für einen umfassenden, das heißt konfessionellen Religionsunterricht geben will oder nicht, die Lords machten die Maßregel obligatorisch. Das Unterhaus entschied, daß kein Zwang für Schüler vorhanden sein soll, dem Schulunterricht während der Religionsstunden beizuwohnen, die Lords machten die Anwesenheit obligatorisch. Das Unterhaus bestimmte, daß die Staatslehrer keiner religiösen Prüfung unterworfen würden; die Lords verlangen, daß die lokalen Unterrichtsbehörden ermächtigt werden, die Lehrer auf ihre Befähigung auf „cowper teniple"--Unterricht, das ist auf Moralunterricht und allgemeine Bibelknnde, besonders zu prüfen, was natürlich den Behörden, die überwiegend der Staatskirche angehören, die Möglichkeit gewährt, andersgläubige Lehrer auszuschließen. Das Unterhaus bestimmte, daß Erleichterungen für konfessionellen Unterricht nur gegeben werden sollen, wenn vier Fünftel der Eltern solches verlangen. Die Lords forderten zuerst, daß dies schon geschehen solle, wenn die Majorität der Eltern dafür sei, gingen dann aber auf drei Viertel herunter. Man darf darauf gespannt sein, wer in diesem Kampfe Sieger bleiben wird. Oolrner ßxitl Posen im November 1906. as sonst aus Posen in die Oeffentlichkeit dringt, hat immer einen eigenen Klang. Mag es nun politisch oder unpolitisch sein. Es kann selbst über jüdische Verhältnisse sein. Nicht als ob man hierzulande so besonders temperamentvoll wäre — daß die Superlative sich etwa dadurch rechtfertigten. Nein, nein, so sind wir nicht. Hier gibt es nur, wie man's nennen will, zuviel oder zuwenig Persönlichkeiten, das heißt Individualitäten, und jede Individualität sieht bekanntermaßen jedes Ding anders an. Woraus hervorgeht, daß hier viele und noch mehr Meinungen herrschen. Und da jede Meinung ein Echo findet, diese vielen und noch mehr Meinungen lebendig in die große Welt hinaustönen. Wer Beweise für diese Ansichten verlangt, der sei, wo es sich um politische oder uni nationale Fragen aller Färbungen handelt, auf die Tagespresse hingewiesen, wo es jüdische Dinge betrifft, auf die zahlreichen Sonderbestrebungen, die sich namentlich in der Vereinstätigkeit bemerkbar machen. Bei der denkbar regsten Anteilnahme an jüdischen Dingen, bei einer großen Anzahl jüdischer Vereine usw. haben wir keinen Literaturverein. Jeder jüdische Mann und ebenso jede jüdische Frau können hier in zwei Vereinen turnen. In etwa sechs Organisationen wird jüdisches Fachwissen getrieben. Die Heranwachsende Jugend sogar hat ihren Diskutierklnb, und beiden Geschlechtern jeden Alters bietet ein israelitischer Gesangverein die Möglichkeit, sich musikalisch zu betätigen. Für jede Individualität ist also bestens gesorgt. Nur als eS sich darum handelte, den verschiedenen Individualitäten in Form eines Literaturvereins einen gemeinsamen Boden zu verschaffen, da versagten Posens sonst so vereinsgründungsfreundliche Männer und Frauen, und der Literaturverein blieb bis zum heutigen Tage unbegründet, und er wird es auch nach menschlicher Voraussicht noch eine ganze, große Weile bleiben. Um so freudiger ist es zu begrüßen, daß sich die in puncto Literaturverein so auseinander strebenden Elemente doch noch zusammenfanden, als von einigen wenigen Männern mit viel mehr Mut und Entschlossenheit als Geldmitteln und anderen Hilfsquellen eine jüdische Lesehalle begründet wurde. Ich weiß, daß es auch anderer Orten solche Institutionen gibt, und ich weiß ebenso, daß die Tatsache des Bestehens einer Lesehalle eigentlich gar keine Veranlassung gibt, einen Zeitungsartikel zu schreiben. Aber weil es Posen ist, dieses merkwürdige Pvsen, und weil hier Männer Zusammengehen, die die verschiedensten Individualitäten darstellen, ist es doch bemerkenswert. Denn es zeigt uns, daß da, wo ein Wille ist, sich auch ein Weg findet. Und daß grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten nicht dazu führen müflen, daß jeder seine Ansicht für die richtigere hält. Da die fragliche Lesehalle nun schon in das zweite Jahr ihres Bestehens schreitet, daß sie also die schwierigste Zeit hinter sich und ihre Daseinsberechtigung so auf das Eklatanteste bewiesen hat, zeigt sie, daß solcher Wille auch durch die Zeit nicht beeinflußt wird. Warum das möglich geworden ist, sagt am besten der erste Paffus des zweiten Jahresberichts, der ausführt: „Wenn wir am Schluffe des ersten Jahres in der Lage waren, ein hocherfreuliches Bild der Entwicklung der j jüdischen Lesehalle zu entwerfen, so hat das zweite Jahr ihres j Bestehens vollends den Beweis erbracht, daß die Institution j weit über den Reiz der Neuheit hinaus einem ständigen und I immer mehr wachsenden Bedürfnis breiter jüdischer Volks-

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