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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-21 · Heft 51 (21.12.1906) · p. Seite 603

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
Seite 603 (sequence 3)
Language
German
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603 schroffsten Gegensatz stehen zu der Engelsbotschaft: Friede auf Erden und den Menschen, ein Wohlgefallen! Antisemitische Hetzer werden nicht müde, in zahlreichen Flugblättern, die sie teils verschenken, teils sich bezahlen lassen, die Parole auszugeben: „Kauft nicht bei Juden." Dadurch glauben sie ihre christlich-germanischdeutsche Gesinnung in einer des Festes würdigen Weise zu betätigen. Wir fragen: Ist es christlich, wenn angebliche Volksbeglücker das heiligste Fest, der Christenheit zum Vorwand nehmen, um Mißtrauen, Neid und Haß zu entfachen, die niedrigsten Triebe des Menschenherzens? Ist es christlich, unter Berufung auf die Religion Flugblätter zu verbreiten, deren letzter Inhalt doch weiter nichts ist als: Kauft nicht bei anderen, sondern kauft bei mir. — Martin Luther, auf den unsere Antisemiten sich so gern berufen, schrieb von den Juden: „Drum wäre mein Bitt und mein Rat, daß man säuberlich mit ihnen umgehe und aus der Schrift sie unterrichtet. Will man ihnen helfen, so muß man christlicher Liebe Gesetz an ihnen üben, sie freundlich annehmen, mit lassen werben und arbeiten, damit sie Ursache und Raum gewinnen, bei uns und um uns zu sein." Und der Mann, der sich ebenso gern als „zweiter Luther" bezeichnen läßt wie als „Vater des Antisemitismus", mußte zugeben, daß seine Frau in jüdischen Geschäften kauft, und es bedrückt sein christliches Gewissen nicht, daß jüdische Ware in sein Haus kommt. Wahrscheinlich kaufen noch viele andere kluge christliche Frauen, auch wenn ihre Männer schreien „Kauft nicht bei Juden", doch nur da, wo sie gute und billige Ware finden. Also laßt Euch nicht betören durch gewerbsmäßige Hetzer, die aus der Religion ebens o ein Geschäft machen wie aus dem Patriotismus; fragt bei euren Einkäufen nicht nach Abstammung und Glaubensbekenntnis, sondern nur danach, wo ihr ehrliche Ware zu angemessenen Preisen bekommt. Was schlecht und teuer ist, wird darum nicht b esser und billiger, wenn es von einem Christen verkauft, und was reell und preiswürdig ist, wird darum nicht schlechter und minderwertig, weil es von einem Juden verkauft wird. Was hat das Geschäft mit der Religion zu tun? Wie es Schufte gibt unter Juden und Christen, so werdet ihr ehrlichen Handel und preiswerte Ware finden bei Juden und Christen, und nur darauf darf es euch ankommen. Hütet euch vor denen, die unlautere Konkurrenz betreiben, die ihren Glauben und ihre Religion als Reklame benutzen für ihre Ware. Kein Schacher und kein Wucher ist so nichtswürdig, als das Schachern und Wuchertreiben mit der Religion. Die Bürger einer Stadt wie des ganzen Staates sind in unzähligen Beziehungen aufeinander angewiesen: Je friedlicher und einträchtiger sie miteinander leben, um so besser wird es bestellt sein um jeden einzelnen und um das ganze Vaterland. Deshalb fori mit allen Verdächtigungen und Verhetzungen, fort mit dem Mißbrauch der Religion zu geschäftlichen Zwecken. Kauft — oh ne euch um die Religion der anderen zu kümmern — da, wo ihr gute Ware preiswert bekommt." * Ueber die Änderungsvorschläge der Orthodoxie zu dem hessischen Gesetzentwurf einer Gemeindeorganisation wird uns von sachkundiger Seite aus Darmstadt geschrieben: Unsere Orthodoxen resp. deren Rabbiner, denn die Gemeinden mit ihren Vorständen kümmern sich kaum um die Sache, wollen das Gesetz unter allen Umständen zu Fall bringen, wohl aus dem einzigen, ziemlich durchsichtigen Grunde, weil alsdann die Macht dieser Herren gebrochen wird; alle anderen Gründe sind nur vorgeschoben, denn ein toleranterer Entwurf als der vorliegende ist kaum denkbar. Volle Autonomie der Gemeinden in Kultus und Ritus ist Grundgedanke des Gesetzes; daß der Staat seinen Organen, dem Oberrat, Bestimmungsrechte über Lehren, Lehrbücher in der Schule, d. h. geschichtlichen und moralischen Religionsunterricht, vorbehült, ist so selbstverständlich, daß das keiner Motivierung bedarf; der Staat verleiht den Juden gesetzliche Rechte wie den anderen Konfessionen und verlangt, genau wie bei diesen, sein Aufsichts- und Bestimmungsrecht, ohne daß er im geringsten beansprucht, in die Ausübung des Gottesdienstes usw. auch nur ein Wort hineinzureden. Die Orthodoxen wollen aber in nichts hineingesprochen haben; deren Leiter fürchten für ihre bis jetzt unumschränkte Macht, die sie mit starker Hand, gebrauchen. Deshalb arbeiten sie nicht mit an den doch notwendigen Verbesserungsvorschlägen. Die Liberalen, welche schon die tolerante Idee unserer liberalen Regierung mit Freuden begrüßen, sind in voller Tätigkeit, um der Regierung resp. dem Landtage die sich als notwendig erweisenden Abänderungsvorschläge zu unterbreiten. Sollte die Minierarbeit der Orthodoxen von Erfolg sein und das Gesetz zu Fall bringen, so wäre dies von unabsehbarem Schaden für die hessische Judenheit. Der Staat will uns rechtlich festigen; alle Vereinigungen der Juden, mögen sie heißen wie sie wollen, arbeiten an der Verbesserung der staatsrechtlichen Stellung der Juden, und bloß die Orthodoxie, nur aus Angst für ihre Macht, arbeitet mit Gewalt dagegen. Sollte man dies für möglich halten? Und das tun dieselben Leute, die sich bei jeder Gelegenheit als Erbpächter wahrhaft jüdischer Gesinnung aufspielen. * In österreichischen Blättern wird jetzt die Frage eines „klerikal-antisemitischen Blocks" erörtert. Werden sich die Deutschklerikalen und Antisemiten im neuen Parlament des allgemeinen gleichen Wahlrechtes zusammenschließen und wird diese deutsche Gruppe mit den klerikal-antisemitischen Fraktionen der anderen Nationen in Verbindung treten? Das offizielle Wiener Parteiorgan Dr. Luegers, die „Deutsche Zeitung", hat jüngst dazu Stellung genommen und sich dabei großer Reserve befleißigt, um nicht zu sagen: ablehnend verhalten. Doch kommt Zeit, kommt Rat! Heute spricht die „Deutsche Zeitung von der „Verleumdung", die darin liege, der christlichsozialen Partei „den Gedanken zu unterstellen, in einem internationalen katholischen Block ein Gegengewicht gegen den Block der liberalen Gruppen zu suchen". Das macht sich vor den Neuwahlen ganz gut, denn die Wähler verlangen ein kräftiges nationales Glaubensbekenntnis. Nach den Wahlen werden dann die Zweckmäßigkeitsgründe entscheiden. Es ist anzunehmen, daß die Christlichsozialen leider die meisten Mandate in ländlichen Wahlbezirken erobern werden; schon die Wahlkreiseinteilung Niederösterreichs läßt darauf schließen. Auf dem Lande rücken die Christlichsozialen das klerikale Moment in den Vordergrund, während sie in den Städten auf den Antisemitismus das Hauptgewicht legen. Von seiten der Landbevölkerung ^sber wäre eine Auflehnung gegen den klerikalantisemitischen Block kaum zu erwarten. Die traurige Eventualität eines schwarzen Blocks, einer reaktionären Mehrheit, ist in der nächsten Zukunft leider nicht unwahrscheinlich. Welche Folgen das für die Juden haben würde, kann man sich leicht vorstellen. & Wie vorauszusehen war, sind die Nachrichten aus Rußland, daß weite Kreise der dortigen Juden in Moskau, Odessa u. a. O. die linken Parteien verlassen hätten und sich an die „Rechte" anschlössen, absolut unwahr. Demgegenüber veröffentlicht das Zentralkomitee des „Verbandes für Erreichung der Gleichberechtigung der russischen Juden" folgendes an die Filialen versandte Telegramm: „Die Zeitungen teilten mit, daß die russischen Juden für die bevorstehenden Dumawahlen massenhaft der „Partei der friedlichen Erneuerung" beiträten. Das Zentralkomitee des „Verbandes für Erreichung der Gleichberechtigung der russischen Juden", das die Beteiligung der russischen Juden an der Wahlkampagne am besten überblicken kann, erachtet es für notwendig, zu erklären, daß diese Nachricht völlig unbegründet ist. Ein Anschluß der Juden an die „Partei der friedlichen Erneuerung" hätte, wie den formellen Beschlüssen der Verbandskongresse, so auch den richtig verstandenen Interessen des Judentums widersprochen. Die Schwankungen in

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