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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-21 · Heft 51 (21.12.1906) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
Seite 602 (sequence 2)
Language
German
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602 Rössorts erwählte, und Präsident Roosevelt, als er Oskar- Straus, der ein Jude nicht bloß dein Namen-nach ist, zutu Handelsminister designierte, auch nur daran gedacht, daß dt« beiden Männer an der Spitze des für ihre Glaubensgenossen sv wichtigen Einwanderungswesens stehen werden. Das ist Nur ebenso eine Fügung, wie sie aus dem Buche Esther seit uralten Zeiten allen Juden bekannt ist, und wie man sie im Laufe der langen Leidensgeschichte der Juden so oft zu erleben Gelegenheit gehabt hat. Daß die beiden hier in Rede stehenden Männer nicht in den bei deutschen Juden so oft bemerkten Fehler verfallen werden, die, wenn es sich um Juden handelt, erst recht jede Hilfe versagen, die sie leicht gewähren könnten und die zu gewähren sogar ihre zweifellose Pflicht wäre, ist bei ihnen nicht anzunehmen. Denn es sind pflichttreue und selbstbewußte Männer, die nicht zu befürchten brauchen und nicht befürchten werden, daß ihre Pflichterfüllung Juden gegenüber als Begünstigung der Juden gedeutet werden könnte. Was unsere, wie oben bemerkt, handelnden Juden für Charakterstärke wahrscheinlich halten, das ist tatsächlich Charakterschwäche, die allenfalls milder beurteilt zu werden verdient, weil hierzulande allerdings viel Kleinlichkeit herrscht und den Juden gern alles schlecht ausgelegt wird. Das haben die Herren in England wie in Amerika jedenfalls nicht zu befürchten- Indessen sollte man sich auch bei uns nicht durch die Furcht, parteiisch zu scheinen, verleiten lassen, ungerecht zu sein, ungerecht gegen die, denen ohnehin schon Unrecht genug geschieht. Folgen wir aber noch weiter den Spuren des Hüters Jakobs! Bei der Gelegenheit möchten wir nämlich auf noch etwas Erfreuliches aufmerksam machen. Die von den leitenden Männern in Rußland mit Nachdruck aufgestellte und mit großer Zähigkeit wiederholte Behauptung, daß die meisten Revolutionäre in Rußland Juden seien, eine Behauptung, die als Grund für die Verweigerung der Gleichberechtigung, überhaupt besseren Behandlung der Juden, angegeben wurde, ist durch das russische Justizministerium selbst widerlegt worden. Nach einer von diesem veröffentlichten Statistik sind in den zehn Monaten bis zum 23. August dieses Jahres 12 694 politische Verbrecher.verurteilt worden, darunter 972 Juden. 972 ist nicht entfernt der größte Teil von 12 694. Dabei ist zu bedenken, daß die russische Polizei sowenig wie die russischen Gerichte gegen die Juden mit besonderer Schonung vorgegangen sein dürften, eher, ja wahrscheinlich, ganz im Gegenteil. Allerdings ist der Prozentsatz der verurteilten Juden etwa tim zwei Prozent größer als den Juden nach ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung zukäme. Aber dafür ist auch in den besonders stark revolutionierten Distrikten mehr als der fünfte Teil der Bevölkerung jüdisch und sind die Juden die am meisten gequälten und daher am ehesten wegen ihrer Teilnahme an der revolutionären Bewegung zu entschuldigen. Jedenfalls ist so erwiesen, daß die Juden nicht das Gros der Rebellenscharen bilden, und ist daher der von Plehwe und selbst von Witte gegen ihre Besserstellung gemachte Einwand hinfällig. So fürchte denn nicht, Jakob, du mein Diener, denn in Wahrheit schläft und schlummert nicht dein Hüter, so daß deine Feinde doch nicht die Oberhand gewinnen. Bi? Woche. Berlin, 18. Dezember, inter dem großen Ereignis der Woche, der Auflösung des Reichstags, treten die ändern tief in den Hintergrund. Wir alle stehen noch vollkommen unter dem ^Eindruck der Krisis, die plötzlicher als man ahnte, hereingebrochen ist Und die Parteien für den Wahlkampf sogut wie unvorbereitet findet. Nächst der Sorge um das Vaterland, um jbic Gesundung unseres öffentlichen Lebens, hat üns nun vor allem die Frage zu beschäftigen, wie unsere Stellung zu den einzelnen Parteien ist urid von welchen wir allein den Kampf für die praktische Durchführung der Gleichberechtigung aller Konfessionen auch im neuen Reichstag zu erwarten haben. Die Aussichten sind diesmal für die Parteien, auf die wir zunächst rechnen müssen, wesentlich günstiger als früher; diese werden jedenfalls ihre ganze Kraft einsetzen, nicht nur, um sich zu behaupten, sondern um eine solche Stärke im Reichstag zu erlangen, daß ihnen der gebührende Einfluß auf die Gesetzgebung und die Verwaltung nicht verweigert werden kann. Und dazu hat jeder von uns durch Wort und Tat mitzuwirken. Für unsere beiden großen Organisationen, den „Verband Deutscher Juden" und den „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", erwächst nun die Verpflichtung, ungesäumt an die Arbeit zu gehen. Diese Arbeit ist keine geringe — aber es steht zu erwarten, daß den Verbänden überall treue Helfer erstehen werden. An alle deutschen Juden ergeht aber in diesem kritischen Zeitpunkt die Mahnung, daß jeder seine Schuldigkeit tue! * Die Vorbereitungen zur Gründung einer „Welt-Agrarkammer" sollen in den letzten Monaten gute Fortschritte gemacht haben. In nächster Zeit wird von dem Amerikaner Lubin und dem Italiener Pantaleoni eine Reise nach den europäischen Großstädten angetreten werden, um bei den einzelnen Negierungen das noch benötigte statistische Material zn sammeln. Die Sympathie der Agrarier begleiten die beiden Herren schon jetzt auf ihrer Reise. Ob das reichliche Lob, das von der Presse des Bundes der Landwirte Herrn David Lubin gespendet wird, auf den, wie die „Dtsch. Tagesztg." hervorhebt, bekanntlich der Gedanke der Gründung einer Welt-Agrarkammer zurückzuführen ist, wohl nicht etwas eingeschränkt worden wäre, wenn den Agrariern bekannt wäre, was wir zuerst bereits vor einem Jahre schon Mitteilen konnten, daß Herr Lubin Jude ist? Wir wären übrigens in der Lage, noch einige andere Namen zu nennen, deren Träger den Agrariern . wesentliche Dienste leisten und die auch dem ihnen so verhaßten Judentume angehören. Zum Dank dafür hat das führende Blatt der Agrarier diesmal zuerst den wohlbekannten Ton angeschlagen: „Kauft nicht bei Juden"! und zwar mit der originellen Motivierung, daß „unsere jüdischen Mitbürger bei ihren Festen die Geschäftsleute' ihres religiösen Bekenntnisses berücksichtigen", was, wie jedermann weiß, absolut unwahr ist. Da gerade in diesen Tagen der obige Lockruf in antisemitischen Flugblätter» besonders oft wiederholt wird, wollen wir hier ein Gegenflugblatt veröffentlichen, das der „Zentralverband deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" verschickt hat und das jüdischen Kaufleuten allerorten in beliebiger Zahl zu Gebote steht. Dasselbe lautet: „Unlauterer Wettbewerb. Das Weihnachtsfest soll vor allem ein Fest der Liebe und des Wohltuns sein. In die Vorbereitungen zu diesem Feste klingen seit einiger Zeit alljährlich Mißtöne, die im

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