Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No, 51. '§^k \f a Wt /VIW A Berlin, 21. Dezember 1906. JMV7 4 { ♦ Berlin, 21. Dezember 1906. 70. Jahrgang. No. 51. Ein unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-j.)reis: durch Buchhandel oder ssost (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner £>*- Ludwig Khilippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums*, Berlin SV/., Jerusalemer Straße HL/49, zu richten. Verlag von Rudolf «rosse, Berlin. „Mrchte nicht, Jakob, Lu mein Dimer!" Berlin, 19. Dezember, enn der Sabbat seinem Ende bereits ganz nahe ist und die Frommen zum Abendgebet in der Synagoge versammelt sind, dann beginnt erst einer, dann der andere in leisem Singsang das Gedicht Vor sich hinzumurmeln, dessen stets wiederkehrender Refrain lautet: Fürchte nicht, Jakob, du mein Diener! Es ist, als wenn die Leute, die nach dem Ruhetage einer Woche voll mühseliger Arbeit — denn es sind wirklich nicht alle Juden Millionäre — und Peinlicher Widerwärtigkeiten entgegengehen müssen, sich selbst Mut zusprechen wollten. Die Melodie klingt gar nicht zuversichtlich und erinnert fast an einen Klagegesang. Fürchte nicht, Jakob, es ist ja nicht so schlimm; Gott hat dich ja „auserwählt", hat dich „erlöst" usw. Mit solchen leis hingesungenen oder auch nur hingemurmelten Worten macht man sich Mut wie die Kinder, die in der finsteren Stube — und in der Synagoge ist es ja dann noch finster — singen, weil sie sich fürchten. Mancher denkt freilich, daß Gott seinen Jakob nur zu Leiden auserwählt und keineswegs erlöst hat, ist also wenig getröstet und geht nicht gestärkt den Widerwärtigkeiten entgegen, die ihn als Juden bedrohen. Und doch drängt sich oft selbst skeptisch veranlagten Geistern der Gedanke auf, daß der Hüter Israels nicht schläft und nicht schlummert, daß Jakob in der Tat nicht zu fürchten braucht, da auf trübe Zeiten immer noch wieder Hoffnung erweckende gekommen sind. Der giftgeschwollene Haman in unserer Mitte, dem die russischen Judenmetzeleien als Ideal vorschwebten, ist von Rechts wegen unschädlich gemacht. In Frankreich ist ein Judenfeind, der durch seine hohe Geburt, durch seine Zugehörigkeit zum gesetzgebenden Körper, ganz besonders aber' durch seine erheirateten Millionen den Juden gefährlich hätte werden können, als achtzehnfacher Ehebrecher gebrandmarkt, seine Millionen los und nur im Vollbesitz seiner Schulden und seines nunmehr unschädlichen Judenhaffes. Und in demselben Lande ist der Mann, der während der für die Judenschaft höchst bedenllichen „Affäre" den Juden so wesentliche Dienste geleistet hat, daß man ihn allgemein, allerdings mit Unrecht, für einen Juden hielt und fast noch mehr haßte als Drehfus selbst, ihn verfolgte und degradierte, jetzt Kriegsminister. Der Stein, den die Baumeister im französischen Generalstabe verschmähten, ist jetzt der Eckstein des französischen Heeres geworden. So ist vor unseren Augen für Israel tiefstes Leid in Licht verwandelt worden. Der Gedanke des Chanukahfestes gewinnt im Lichte der modernen Zeitereigniffe eine ganz eigentümliche Bedeutung, ja eine gewisse srische Aktualität. In Rußland ist die Lage der Juden noch immer traurig genug. Es scheint zwar, als sollte selbst dort die Macht der Finsternis gebrochen werden; daß aber den Juden wirklich alle Menschenrechte gegeben werden, scheint uns sehr zweifelhaft, und sie werden Wohl froh sein müffen, wenn, ihre Last wenigstens etwas erleichtert wird. Immer noch wird für die Energischen und Unternehmenden unter den russischen Juden die Auswanderung das Ziel sein. Aber wir wissen, daß selbst die so freien Länder England und Amerika rigorose Einwanderungsgesetze erlassen haben und daß noch strengere vielfach verlangt werden. Daß die Einwanderungserschwerungen in beiden Ländern hauptsächlich gegen die Juden gerichtet sind, ist zwar nicht offen eingestanden, aber kaum ernstlich in Abrede gestellt worden, wenn auch nicht zu leugnen ist, daß andere Völker mehr, ja Engländer und Amerikaner selbst, durch das Gesetz getroffen werden. Die große Gefahr bestand darin, daß die Gesetze, die den Behörden außerordentliche diskretionäre Gewalt einräumen und einräumen müssen, mit besonderer Härte und Willkür gegen die Juden, gegen die sie im Grunde gerichtet waren, angewendet würden. Da fügt es sich denn so, daß man unwillkürlich an ein Werk der Vorsehung, an ein Werk des nicht schlafenden und nicht schlummernden Hüters Israels glauben muß, daß nämlich in England und in den Vereinigten Staaten das Einwanderungswesen Juden unterstellt ist. Nicht, daß auch nur entfernt daran zu denken ist, daß der englische Unterstaatssekretär oder der amerikanische Handelsminister die Einwanderungsgesetze brechen oder umgehen werden; dazu sind beide zu gewissenhafte Männer, der eine ein zu guter Engländer, der andere ein zu guter Amerikaner. Aber sie werden ganz sicher dafür sorgen, daß die Gesetze nicht mit besonderer Härte und Rücksichtslosigkeit gerade gegen die jüdischen Einwanderer angewendet werden. Da beispielsweise aus religiösen oder politischen Gründen Verfolgte durch das Gesetz besonders berücksichtigt werden, steht der Landung aller jüdischen Flüchtlinge auS Rußland, wenn es sich nicht gerade um Verbrecher oder mit einer ansteckenden Krankheit .Behaftete handelt, eigentlich nichts im Wege und hätte, streng genommen, schon bisher nichts entgegenstehen dürfen, wenn es bei der Anwendung von Gesetzen im allgemeinen und bei so diskretionären Gesetzen im besonderen, nicht so sehr auf die mit der Ausführung betrauten Beamten ankäme, und wenn man nicht eine Uebervölkerung und die daraus entstehenden Folgen gerade in der Hauptstadt fürchten mußte. Gewiß haben weder der englische Premierminister, als er einen Juden zum Unterstaatssekretär des betreffenden