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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-14 · Heft 50 (14.12.1906) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 8. Berlin, 5. Dezember. „Die russische Resolution und die russischen Juden" lautete das Thema der heutigen allgemeinen Versammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Fügen wir hinzu, daß der berufenste Vertrete^. Stadtverordneter Dr. Paul Nathan, hierüber, sprach, so erscheint es begreiflich, daß trotz des sehr ungünstigen Wetters der Oberlichtsaal der Philharmonie überfüllt war. In bekannter Redegewandtheit führte der Referent seine eifrigen Zuhörer in das Riesenreich von 150 Millionen Einwohnern, darunter sechs Millionen Juden, über die der große Zar und eine Unzahl kleinerer, selbständig schaltender Zaren herrschen, in die russische Universität, welche den Ausspruch Alexanders III.: „Bringe mir die Bildung aus dem Wege," zur Ausführung bringt, und alsdann in den Körper Rußlands, zu dem arbeitenden Volk, dessen Los sich nach der Befreiung von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verschlechtert hat. Die geistige Verdummung und die körperliche Verelendung mußte allmählich zu einer Degeneration der Bevölkerungsmassen führen, die tatsächlich betreffs des Militärs nachweisbar ist, in welchem die Zahl der Untauglichen und der Zurückgestellten von Jahr zu Jahr stetig steigt. Die in der Ernährung heruntergekommene Bevölkerung war dem aufstrebenden jungen javanischen Volke nicht gewachsen, und das Ergebnis war die furchtbare Niederlage im Kriege gegenJapan. Bei so ungeheurem Drucke mußte es allmählich zu einer revolutionären Bewegung kommen. Es ist eine Beleidigung gegen das russische Volk, wenn man annehmen wollte, daß sie einer jüdischen Führung dazu bedurft hätten. Unbegreiflich wäre es allerdings, wenn die Juden bei dem noch viel schlimmeren Drucke, dem sie ausgesetzt sind, sich nicht zum Teil der elementaren Bewegung angeschlossen hätten. Die Behandlung, welche die russischen Juden erfahren haben, ist seit dem 1882 erfolgten Erlasse des Grafen Jgnatiew ständig unwürdiger geworden; die russischen Verwaltungsorgane haben, wie einwandsfrei festgestellt ist, selbst an den furchtbaren Judenmassakers teilgenommen, die an 640 Orten 88 225 Familien mit 162 700 Köpfen elend machten, zur Abfchlachtung von 985 Juden führten, die von 380 Witwen, 211 Vollwaisen und 328 Halbwaisen betrauert werden. Die in den verschiedenen Kulturstaaten seitens der großen jüdischenOrganifationen bewirkte systematische Hilfsarbeit, für welche der Redner ziffernmäßige Belege gibt, hatzwar zweifelsohne dazu gedient, das russische Elend zu lindern, die aufgewendeten Millionen können aber das Uebel nicht an seiner Wurzel fassen. Das riesenhafte Problem der russischen Judenfrage kann durch humanitäre Mittel nie und nimmer gelöst werden. Zur einzig glücklichen Lösung, zur Expatriierung der sechs Millionen Juden, fehlt das Geld und das Land, wo man diese Völkerwanderung unterbringt. Die Frage kann nur erledigt werden durch politische Mittel. Die deutschen Juden würden sicher mit der Regierung eines Sinnes sein, daß eine Einmischung des deutschen Reiches in die russischen Verhältnisse ein Unglück wäre für das deutsche Reich und aller Wahrscheinlichkeit nach auch für die russischen Juden. Eine große Nation läßt sich nicht von außen beeinflussen, ohne stark zu reagieren. Dagegen gibt es eine Solidarität der Zivilisation. Kein einziger Staat kann sich isolieren, am allerwenigsten Rußland, welches ans die Kräfte der Zivilisation angewiesen ist, die sich in Barmitteln zum Ausdruck bringt. Jacob H. Schiff in New Jork und Lord Rothschild und sein Haus in London, zwei der bedeutendsten Finanzleute der Welt, haben in ehrenwertester Weise jede Verführung, welche an sie herangetreten ist, zurückgewiesen und die Unterbringung neuer Anleihen Rußlands abgelehnt. Es wäre wünschenswert, wenn dieses Vorbild, das von Juden geübt wird, in ihrer Eigenschaft nicht nur als Juden, sondern auch als Kulturmenschen. Nachahmung fände in allen Kreisen unserer Glaubensgenossen und in den christlichen Kreisen. Es besteht kein Zweifel, daß das russische Reich, in dieser Weise weiter regiert, nicht nur politisch, sondern auch finanziell, wie der Redner ziffernmäßig darlegt, zum Bankerott führen muß. In Rußland steht jetzt nicht das Schicksal der jüdischen Bevölkerung auf dem Spiele, sondern vielmehr die russische Großmachtstellung. Das gibt die Zuversicht, daß dieses mächtige russische Volk doch seinen Willen durchsetzen wird, daß bessere Zeiten für Rußland kommen werden, und der Sieg der Zivilisation in Rußland wird eine Erleichterung für Europa sein. Die nach Form und Inhalt glänzenden Ausführungen des Referenten wurden mit stürmischem, wiederholtem Beifall ausgenommen. s. Berlin, 10. Dezember. Ein Berliner Bureau verbreitet in russischen und polnischen Blättern die Nachricht, daß der Bade- und Desinfektionszwang für russische Auswanderer an der preußischen Grenze aufgehoben sei. Diese Nachricht entspricht nicht den Tatsachen. Richtig ist dagegen, daß die Schiffahrtsgesellschaften in dankenswerter Weise um Aufhebung des Bade- und Desinfektionszwanges bei der preußischen Regierung eingekommen sind, und es steht zu erwarten, daß die Aufhebung durchgesetzt wird. Wir betonen aber, um Auswanderer vor Weitläufigkeiten zu schützen, daß dies bis jetzt noch nicht geschehen ist. Mit dem Wegfall des Erfordernisses, daß der russische Auswanderer an. der preußischen Grenze gebadet und desinfiziert werden muß, tritt eine erhebliche Erleichterung des Grenzüberganges ein' aber es fallen natürlich nicht, wie in russischen Zeitungen zu lesen war, die übrigen Durchzugserschwerungen weg, wie die Bestimmungen über die Schiffskarten, die Geldmittel und den Gesundheitszustand. Die russischen Auswanderer müssen nach wie vor die Stationen aufsuchen, um auf diese Verhältnisse hin geprüft zu werden. 8. Berlin, 10. Dezember. Der „Verein zur Förderung jüdischer Kunst", der aus einer Reihe von Veranstaltungen entstanden ist, die im letzten Winter mannigfache künstlerische Bestrebungen und Produktionen innerhalb des Judentums vorführten, gab heute im Saale der Gesellschaft der Freunde seinen ersten Vortragsabend, der dem jüdischen Volkslied galt. Ein sehr zahlreiches und auserlesenes Publikum folgte den Darbietungen mit großem Interesse, in denen sich die Damen Bella Zlotnicka, Vera Goldberg, Stefanie Schwarz und die Herren Max Modern und Michael Magidsohn solistisch betätigten. In mehreren Gruppen wurden Volksliedmäßiges, jüdische Melodien, für Violine und Klavier (Harmonium) gesetzt, liturgische Hausmusik und Kunstmusik unter Benutzung jüdischer Motive zu Gehör gebracht. Besonders lebhaften Beifall fanden die unter Chorbegleitung von Frl. Vera Goldberg gesungene Arie aus Rubinsteins „Makkabäer" und die von Frl. Stefanie Schwarz gesungene Arie der Sulamith aus Goldmarks „Königin von Saba"; einige heilere Volkslieder und chassidische Melodien, denen witzige Texte unterlegt sind, fanden freudigste Aufnahme. Inder einleitenden Conference legte Dr. Zlocisti die Entwicklung des jüdischen Volksliedes dar. Volles Lob gebührt der künstlerischen Leitung Dr. Bogumil Zeplers, der für seine große Mühe auch den wohlverdienten Lorbeerkranz in Empfang nehmen konnte. Man kann dem jungen Verein zu dem Erfolge seines ersten Vortragsabends nur herzlich Glück wünschen und darf den weiteren Darbietungen mit großer Erwartung entgegensetzen. 3. Berlin, 9. Dezember. In der neuen Berliner Ausstellungshalle am Zoologischen Garten wurde am 5. Dezember eine Kollektivausstellung der plastischen Werke von Alfred Nossig eröffnet, der in diesem Jahre auch in der Großen Berliner Kunstausstellung und im Krakauer Kunstsalon mit mehreren Skulpturen vertreten war. Die Ausstellung umfaßt neben dem „Ewigen Juden", „König Salomo", „Juda, der Makkabäer" die neue biblische Figur „Marianne", ferner eine Reihe von Bronze-und Silber-Porträtmedaillons, Büsten und Masken, insgesamt 30 Werke. Sie bleibt bis zum 24. Dezember geöffnet. rn. Aus Pommern, im Dezember. Am Bet- und Bußtage tagte in Stettin der Ausschuß des Pommerschen S yn agog enge meindeverbandes. Die reichhaltige Tagesordnung wies unter anderem als sehr wichtigen und interessanten Punkt „Die Pensions¬ und Reliktenversorgung der jüdischen Lehrer in der Provinz" auf. Im Juni d. I. hatte der „Verein jüdischer Lehrer in der Provinz Pommern" eine Resolution gefaßt, den Gemeindeverband zu ersuchen, die Initiative zu ergreifen in dieser dringenden Angelegenheit, wie es der Gemeindeverband in Westfalen getan hat. — Die Gemeinde in Bütow feierte am 27. November das 50 jährige Bestehen der Synagoge. Da bei der Einweihungsseier im Jahre 1856 trotz ergangener Einladungen nicht ein Vertreter der Behörden erschienen war, so wurde die Jubiläumsfeier auch nur innerhalb der Gemeinde begangen. Nach einem Festgottesdienst in der festlich geschmückten Synagoge, wo der erste Beamte der Gemeinde, Herr Frank, die Feftpredigt hielt, wurde beim Festmahle noch aus die Schwierigkeiten hingewiesen, die der Gemeinde von den Behörden zurzeit bei und vor dem Bau der

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