Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- Seite 599 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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599 obwohl er soviel zu ihrett Gunsten versucht hatte, konnte ja sein Betragen ebensowohl aus wahrer Großmut wie aus schlauer Berechnung hervorgegangen sein. Nur ein Mittel gab es noch für sie, das sie zum Ziele führen konnte; sie mußte zum zweitenmal scheinbar dem Willen ihres Vormundes nachgeben. Sie ließ ihren neuen Entschluß der Superiorin melden; diese gab Herrn von Tueno davon Nachricht, und letzterer begab sich sofort in Juanitas Kerker. Unter Belobung ihres Entschlusses beklagte er, daß ihr früheres Verhalten ihn zu so strengen Mitteln gegen sie habe greifen lassen, und daß er deswegen ihr auch jetzt noch nicht sein ganzes Vertrauen schenken könne. Als Beweis der Aufrichtigkeit ihrer Sinnesänderung müsie sie sich demnach ungesäumt in die Familie ihres zukünftigen Gatten begeben, wo schließlich ihre Verlobung mit Alonzo gefeiert werden solle. Juanita hütete sich wohl, sich dieser Bedingung zu widersetzen; nichtsdestoweniger war trotz der Ungeduld des Vormundes ein Aufschub von einigen Tagen erforderlich, bevor sich das junge Mädchen einigermaßen von den Leiden und Entbehrungen aller Art erholt hatte, denen sie im Gefängnisse ausgesetzt war. Das junge Mädchen wurde von der Gräfin sehr herzlich und liebevoll ausgenommen; der Graf legte eine große Hochachtung für sie an den Tag. und Alonzo suchte sich ihr auf jede Weise aufmerksam zu zeigen und ihr in jeder seiner Handlungen seine tiefe Unterwürfigkeit darzulegen. Kurz, jedermann im Hause schien nur darauf bedacht zu fein, ihr zu - gefallen und ihren Wünschen zuvorzukommen. Juanita merkte wohl, daß alle diese Teilnahme nur aus der Absicht hervorging, ihr Zutrauen zu gewinnen und besonders sie auf Schritt und Tritt zu bewachen, damit ihr jeder Verkehr mit andern Personen vollständig abgeschnitten werde. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. I. Kra cauer: Die Geschichte der Judengasse in Frankfurt a. M. Frankfurt a. M. 1906. I. Kaussmann. Wenn die Zeitgeschichte, vom jüdischen Standpunkte aus gesehen, so unendlich viel Trauriges und Unerfreuliches bietet, daß von einem Fortschritt der Menschheit oft wenig zu merken ist, so ist ein Rückblick in die jüdische Vergangenheit um so heilsamer, weil wir sonst zu leicht vergessen, wieviel mehr Vorurteile und Schikanen von unseren Vorfahren mit zähester Ausdauer bekämpft wurden, bis diese Allüren des Mittelalters doch endlich mit den Mauern der Ghettos niederstürzten und langbezopfte hochwohlweise Räte es nicht mehr als himmelschreiendes Unrecht empfanden, wenn ein Jude etwa von seinem Fenster aus in die Küche des christlichen Nachbarhauses sehen konnte. Wie neben der Duldermiene des mittelalterlichen 'Juden seine oft zu wenig gewürdigte kampfbereite Energie hervortritt, wie sie, in den schmalen Gassen immer mehr eingeengt, nicht müde werden, in den kostspieligsten Prozessen und Appellationen bis zu den Füßen des Thrones jeden Fußbreit ihres Bodens und ihres Rechtes zu verteidigen, das tritt uns mit drastischer Deutlichkeit aus einem vortrefflichen Buche entgegen: „Der Geschichte der Judengasse in Frankfurt am Main." von I. Kracauer, Professor am Philantropin. Wer dächte da zuerst nicht: Was läßt sich wohl Neues über die Frankfurter Judengasse sagen, wo doch über dies Forum Romanum des jüdischen Mittelalters schon soviel geschrieben worden ist? Und doch ist in dem Buche wirklich viel Neues und Interessantes enthalten, da der Verfasser von bisher wenig berücksichtigtem urkundlichem Material ausging, von den Bauakten. Häuserlisten und Rechenmeisterbüchern der Gasse. Wer die heutige Börnestraße kennt, der wird sich staunend fragen: Wo konnten da die 195 Häuser der Juden stehen, deren Pläne und Schilder genannt werden? Was will gegen eine solche ekelerregende Einpferchung die ganze moderne Wohnungsnot bedeuten? Die Geschichte der Frankfurter Juden beginnt — bezeichnend für . die jüdische Geschichte überhaupt — mit einer Vertreibung im Jahre 1241. Später zurückberufen, wohnten sie uneingeschränkt in der Stadt; erst mit dem Ausgang des Mittelalters drängte sie die Kirche in die Gasse. 1462 zogen in Frankfurt die ersten Juden in das für sie erbaute Ghetto, das bei der geringen Zahl der ersten Bewohner — anfangs wohl nur elf Familien — recht komfortabel ausgesehen haben mag. Die Stadt hatte ihnen auch ein Tanzhaus (!), zwei Wirtshäuser, ein Hospital und ein Gemeindehaus erbaut, in dem der Fursenger und der Schulklepper wohnten. Die Not kam erst, als die Zahl der Juden durch Zuzug sich stark vermehrte, 1536 auf 58 Familien, 1573 schon aus 224 und 1612 auf 455 Haushaltungen anwuchs. Dann stagniert die Bevölkerungszunahme; Ende des achtzehnten Jahrhunderts zählt die Gemeinde etwa 3000 Seelen, nur ein Zehntel der heutigen jüdischen Einwohnerschaft! Als im Jahre 1536 die rapide Zunahme einsetzte und der Rat doch eine Vergrößerung der Gasse nicht konzedieren wollte, da begann man mit dem Bau von Hinterhäusern und der aufgesetzten Zwerghäuser, und mit dem Teilen der ohnehin schmalen Häuser durch Zwischenwände. So entstand ein bizarres Durcheinander von Gebäuden, das zwar Malern viel Stoff zu romantischen Sujets, den Juden aber immer weniger Luft und Licht verschaffte. Die Häuser waren alle aus Holz gebaut; nur dem Stiefsohn Samson Wertheimers, Isaak Nathan Oppenheimer, wurde nach langen Scherereien gestattet, ein steinernes Haus „in angenehmer und gesunder Höhe" zu erbauen. Die Gasse veränderte mehrmals ihr Aussehen; große Brände, die in dem hölzernen Fachwerk reiche Nahrung fanden, äscherten in den Jahren 1711 und 1796 das ganze Judenviertel ein. Wie seltsam mutet es uns an, wenn der große Brand im Jahre 1711 von Christen und Juden als eine über die Juden verhängte Strafe Gottes betrachtet wurde, die viel Stoff zu erbaulichen Betrachtungen über den „Judenbrand" bot, bis 1719 der große „Christenbrand", der unter Verschonung der Judengasse ganze Straßen der Christenstadt niederlegte, das Sündenbewußtsein auf beiden Seiten einigermaßen wettmachte. Nach dem Judenbrande wohnten die Juden bis zum Wiederaufbau der Gasse bei den Christen. Schudt rühmt von ihnen, sie hätten in dieser Zeit „etwas besser und sauberer Haushalten gelernt". Daß die Sauberkeit zu wünschen übrig ließ, war bei der gefängnismäßigen Enge der Wohnungen kein Wunder. „Bein: Eintritt in die Gasse," schreibt ein Zeitgenosse, „brodelte mir ein Quall von Gestank entgegen, der meinen Geruchswerkzeugen vorher noch ein ganz unbekanntes Phänomen war, so bedurfte es keiner weiteren Ueberzeugung, daß ich mich in der Judengasse befand." „Die mehrsten Leute, auch die, so jetzo in der Blüte ihrer Jahre stehen, sehen wie herumwanvelnde Tote aus. Es wäre nicht nötig, sie zu zwingen, daß sie sich durch ihre kurze schwarze Mäntel und Kragen von anderen unterscheiden sollen; ihr totblasses Angesicht Zeichnet sie auf eine betrübte Art von allen anderen Einwohnern aus." „Die niederen Klassen," bemerkt ein anderer, „sind in einer beständigen Aktivität und laufen vom Morgen bis in den Abend unter den Christen herum, handeln und leben vom Profit. Daher ist dieser geschäftliche Teil gesund. Die großen Handelsjuden dagegen bleiben oft den ganzen Tag in ihrer dumpfigen Gasse, sind daher kränklich, ebenso die Kinder und jüdischen Damen und die gelehrten Juden, deren letztere nicht wenig sind, die beständig über dem Talmud sitzen und kaum einmal des Jahres aus der Gasse kommen." Wegen der Dunkelheit der Treppenhäuser waren Handseile an den Stiegen angebracht, die nach Ansicht der Aerzte ansteckende Krankheiten, besonders die Krätze, stark verbreiteten, lind trotzdenr wollte sich der Rat zu Aenderungen nicht entschließen, „weil es immer so gewesen sei". Als noch im Jahre 1778 der Rechenlehrer Rotschild seinen Permissionsschein zum Aufenthalt in der Stadt verlängert haben wollte, erhoben sich die Bürgerkapitäne gegen ihn mit Entrüstung, als ob seine Bittschrift nur bezwecke, „Gesetze und Observanz zu untergraben und sich wieder sukzessive in christlichen Wohnungen einzunisten, das ohnehin so sanfte Joch der Christen