Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- Seite 598 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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598 das Band zwischen den jungen Leuten gelöst sei. In, Gegenteil. das junge Mädchen dachte gar nicht daran, sich dem Willen des Herrn von Tueno zu fügen, und als ihr eines Tages die Superiorin mit heuchlerischer Miene die Nachricht brachte, Fernando sei plötzlich verschwunden und deshalb für jetzt die Eifersucht zwischen diesem und ihrem Neffen nicht mehr zu fürchten, erklärte sie geradezu, daß sie niemals Alonzo die Hand reichen würde. Uebrigens lag in der Nachricht vom Verschwinden Fernandos ein wenig Wahrheit. Durch die Warnungen des Mönches und der Geliebten glaubte Fernando wenigstens insofern der Vorsicht Rechnung tragen zu müssen, als er sich bei Tage nicht mehr in Saragossa sehen ließ. Nur abends zeigte er sich hier und da in einem obskuren Lokal der Vorstadt, während er den ganzen Tag hindurch die wilden Gebirgspartien in der Nähe der Stadt durchstreifte. Abends um zehn Uhr war er dann regelmäßig an der Tür der Aljaferia, um das Zeichen des Mönches zu erwarten. Fünfmal mußte sein Fenster hell und bald darauf wieder dunkel werden; dann wußte er, daß die Zeit zur Flucht gekommen sei. . . . Alle Bitten und Beschwörungen von seiten der Superiorin, alle Drohungen blieben der Entschlossenheit des jungen Mädchens gegenüber durchaus fruchtlos. Und wenn ihr die Superiorin versicherte, daß sie ganz außerstande sein würde, irgendeine Erleichterung zu ihren Gunsten von dem strengen Vornumd zu erflehen, so setzte Juanita allen diesen Einreden nur die kalte Bemerkung entgegen: „So mag es denn hereinbrechen, ich bin auf alles gefaßt." Mit dieser neuen Verzögerung begann für das junge Mädchen eine Reihe langsamer und wohlüberlegter Verfolgungen, die alle darauf berechnet waren, ihren energischen Charakter um jeden Preis zu brechen. Von allen Mitschwestern des Klosters entfernt und in eine einsame, abgelegene Zelle verbannt, wurde sie bald ganz wie eine Gefangene behandelt. Mit jedem Besuche des Herrn von Tueno, d. h. mit jeder neuen Weigerung, die sie den Befehlen ihres Vormundes ent- > gegensetzte, inehrten sich die Leiden ihrer Gefangenschaft. Bald versagte man ihr die notwendigsten Lebensbedürfnisse; mail brachte sie aus der Zelle, in der sie sich bisher befunden hatte, in einen feuchten, dunklen Keller, und Herr von Tueno versicherte ihr auf das Bestimmteste, daß sie hier so lange bei Wasser und Brot eingefperrl bleiben werde, bis sie seinen unabänderlichen Entschluß, den er nur in ihrem Interesse gefaßt habe, Folge geleistet hätte. Die Superiorin sah sie von Zeit zu Zeit nur auf Augenblicke, und auch dann, wie jene versicherte, gegen das ausdrückliche Verbot des Herrn Tueno. Das sei eben alles, was sie wagen dürfe, denn Herr von Tueno sei eben so umsichtig als unbeugsam, und es gebe kein Mittel, ihn auf die Dauer zu täuschen. Eines Tages trat die Superiorin noch geheimnisvoller als gewöhnlich in Jiianitas Kerker; sie war nicht allein: Alonzo begleitete sie. Der junge Mann wollte selber Juanita bitten, den Wünschen ihres Vormundes nachzugeben und sich nicht weiter unnötigen Leiden auszusetzen. Das unglückliche junge Mädchen antwortete ihm stolz, daß kein Mensch in der Welt imstande sein werde, sie ihren Gefühlen untreu zu machen. Die Schmerzen und Entbehrungen hatten ihren Mut nicht gebrochen. Alonzo war von solcher Energie bei so großem Unglück tief gerührt, und obwohl er sich durch die hartnäckige Weigerung des jungen Mädchens in seiner Eigenliebe tief verletzt sah, kannte er doch nicht umhin, ihre unerschütterliche Ansdauer zu bewundern. Alonzo war zwar leichtsinnig, eitel und eingebildet, aber sein Herz war nicht schlecht; ohne ^Zweifel wollte er, ebenso wie sein Vater, alles Mögliche aufbieten, um die finanziellen Verhältnisse seines Hauses wieder in Ordnung zu bringen; aber er verfolgte seinen Plan nicht mit einer solchen impertinenten Ausdauer wie der Graf, oder gar mit der Gefühllosigkeit seines Werkzeuges, des Herrn von Tueno. Die von dem letzteren in Anwendung gebrachten Gewaltmittel widerstrebten namentlich dem angeborenen Edelmut des jungen Mannes, und so vergaß er ganz den Eigensinn des jungen Mädchens, die soeben erfahrene schroffe Zurücksetzung, seinen eigenen Haß gegen den vorgezogenen Nebenbuhler und dachte nur an das Bild des Elends, das sich seinen Blicken hier im Gefängnisse darbot. Er erging sich deshalb in heftigen Ausdrücken über den Vormund Juanitas und die unglaubliche Härte, die aus seinen grausamen Anordnungen hervortrat; er beklagte sich bei der Superiorin darüber, daß sie ihn nicht über die Vorgänge in Kenntnis gesetzt habe und schwor, diesen Aufenthalt des Schreckens nur in Begleitung Juanitas verlaßen zu wollen. Die Superiorin geriet durch diese edle Aufwallung ihres Neffen in große Verlegenheit. Denn gab sie seinen Wünschen nicht nach, so kompromittierte sie sich Juanita gegenüber in der einmal angenommenen Protektorrolle, und folgte sie seiner Aufforderung, so setzte sie sich jedenfalls dem Zorn des Herrn von Tueno aus. Als sie aber den Umstand in Erwägung zog, daß Juanita sich durch ihre Freilassung Alonzo zu Dank verpflichtet fühlen werde, und daß hieraus vielleicht ein neues Gesühl bei ihr erwachsen könne, entschloß sie sich kurz und erfüllte sofort die Bitte ihres Neffen. Juanita verließ ihr Gefängnis, und die Superiorin behandelte sie wieder wie früher, mit aller nur denkbaren Aufmerksamkeit. Aber Herr von Tueno, der jetzt 'die ihm zugefallene Rolle ernst zu nehmen anfing, fühlte sich durch den unbesiegbaren Widerstand seines Mündels persönlich beleidigt. Als er nun gar erfuhr, was Alonzo ohne sein Vorwissen zu tun gewagt hatte, war er außer sich vor Wut. Er warf der Superiorin vor, daß sie sich von einem jungen Narren beeinflussen lasse, anstatt dem Rate ernster und erfahrener Männer zu folgen daß sie dadurch in unverantwortlicher Weise die Interessen ihrer Familie schädige. Juanita ließ er in ihr Gefängnis zurückbringen und verbot der Superiorin, Alonzo fernerhin den Zutritt in das Kloster zu gestatten und ihn von der neuen Sachlage in Kenntnis zu setzen. So befand sich nun Juanita nach einigen Tagen der Erholung wiederum im Kerker, und die so wohlwollende Einsprache des jungen Mannes hatte für sie weiter keinen Erfolg, als daß man sie nach einer momentanen Freiheit die Schmerzen und Entbehrungen der Gefangenschaft, zu denen sie verurteilt war, nur noch schwerer empfinden ließ. Bald fühlte Juanita ihre Kräfte abnehmen; einen Augenblick dachte sie daran, sich selbst den Tod zu geben, doch der Gedanke an Fernando, den sie vielleicht noch Wiedersehen durfte, flößte ihr neue Lust zum Leben ein. Aber ihre Lage war unerträglich, und trotz ihresMutes verhehlte sie sich nicht, daß ihr krampfhafter Widerstand nicht ewig dauern könne. Vor allem war es ihr klar, daß sie auf keinen Fall länger im Kerker bleiben dürfe. Vielleicht begegnete ihr draußen auf ihrem Wege ein edles Herz, dem sie ihr Unglück entdecken konnte, ein Beschützer, der sie gegen die Familie und Freunde des Grasen verteidigte. Auf Alonzo rechnete, sie dabei nicht.