Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-14 · Heft 50 (14.12.1906) · p. Seite 597

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
Seite 597 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228741--63138-3290342
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

597 In der Tat enthüllte ihr die Superiorin eines Tages bei ihren Unterhaltungen, in welchen sie eine so zärtliche Liebe für Juanita an den Tag legte, eine ihrer Meinung nach ebenso überraschende als unerwartete Tatsache. In dem Interesse, welches ihr Neffe für das junge Mädchen im Herzen trug, lag zugleich ein Umstand verborgen, der zu den ernstesten Beunruhigungen Anlaß bot. Für sie selbst, setzte die Superiorin hinzu, wäre es ein Punkt, der ihr nur Freude bereiten könne. Sie konnte jetzt hoffen, daß ihr Schützling, der ihr schon so teuer war, eines Tages ihrer Familie angehören würde. Was sie aber zugleich mit tiefem Schmerze empfand, war die unabweisbare Eifersucht der beiden Nebenbuhler und das Ueberniaß der Rache, der Fernando und Alonzo zürn Opfer fallen konnten durch den tiefen Haß, der seit dem unglückseligen Duell in der Herberge zur „Ia buen Ventura“ zwischen ihnen bestand und der durch diese Nebenbuhlerschaft nur noch geschürt werden mußte. Juanita blieb sich über den Sinn dieser Worte durchaus nicht im unklaren; sie erblickte darin eine ziemlich unverhohlene Bedrohung des Lebens ihres Geliebten. Die ihren Vater ermordet hatten in der einzigen Absicht, sich ihrer und ihres Vermögens zu bemächtigen, würden vor einem neuen Verbrechen nicht zurückbeben, und es gab Elende genug, deren Dolch man durch einige Goldstücke erkaufen konnte. Juanita war bei den Worten der Superiorin erbleicht. Diese hatte sich von dem Erfolg überzeugt, den ihre vorgeblichen Enthüllungen hervorgerufen hatten; sie tat nun auch ihr möglichstes, dem jungen Mädchen alle Nebenumstände, alle nur denkbaren Eventualitäten, mit den lebhaftesten Farben auszumalen. Diese Jntriguen gelangen vollständig; Juanita vergaß ganz ihre eigene Person, um nur an Fernando zu denken und ihn den Gefahren, die ihn umgaben, zu entreißen. Aber wodurch konnte es ihr gelingen, ihn zu sehen oder zu sprechen, oder auch nur ihm eine Nachricht zukommen zu kaffen, da sie sich rings von Feinden und Verrätern umgeben sah? Juanita konnte also nur in ihrem Innern Rat und Hilfe finden. Sie entschloß sich deshalb, Hinterlist mit Hinterlist zu vergelten. Indem sie allmählich den Reden der Superiorin geneigteres Ohr lieh, gab sie sich den Anschein, als ob sie sich nach und nach an die Idee, Alonzo zu heiraten, gewöhnt habe, und endlich gestand sie ihr offen, daß sie die Notwendigkeit, sich dem Willen ihres Vormundes zu fügen, vollständig einsehe. Sie knüpfte jedoch ihren Gehorsam an eine Bedingung, nämlich an die Erlaubnis, sofort Fernando sprechen zu dürfen. Die Superiorin war viel zu sehr mit ihren eigenen Manövern beschäftigt, um eine Heuchelei von seiten Juanitas auch nur zu ahnen. Hocherfreut über das schwer erkämpfte Resultat ließ sie sofort Herrn von Tueno in Kenntnis setzen. Dieser wollte an einen so plötzlichen Umschlag nicht glauben; er machte auch einige Einwendungen gegen die gewünschte Zusammenkunft und gab erst dann seine Einwilligung dazu, als Juanita ihm selber in Gegenwart von Zeugen die Erklärung abgegeben hatte, daß sie bereit sei, ihm zu gehorchen- Fernandos Erstaunen war natürlich nicht gering, als man ihm eines Abends bei der Rückkehr in seine Mietswohnung den Auftrag des Herrn von Tueno, der ihn nach dem Ursulinerinnenkloster berief, ausrichtete. Lag hierin ein Fallstrick, war es eine neue Schlinge, die ihm oder Juanita gelegt wurde? Man hatte ihn niemals in das Kloster hineinlaffen wollen, wenn er Eintritt begehrt hatte; jetzt bestellte man ihn hin. Woher kam diese Veränderung? Er hatte wohl Grund, sich in Vermutungen darüber ztl ergehen. Nichtsdestoweniger verscheuchte der Gedanke an das Wiedersehen mit Juanita alle seine Bedenken, und er erwartete mit großer Ungeduld den Tag, an dem er sich zu ihr begeben konnte. Es war ein trauriger, ergreifender Augenblick, als sich Fernando und Juanita nach langer Trennung im Sprechzimmer des Klosters gegenüberstanden. Sie hatten sich seit jenem denkwürdigen Abend, an dem Fernando zur Versammlung der Marannen nach den „Ruinen" gegangen war, nicht wiedergesehen. Beim ersten Blick, den sie wechselten, konnte jeder auf dem Antlitz des andern die Furchen lesen, die die schweren Leiden der letzten Wochen darauf zurückgelassen hatten. Juanita war bleich und abgespannt, nur in ihren Augen glänzte die Freude; Fernandos Züge hatten einen wilden fieberhaften Ausdruck, der eine Folge der Rachepläne war, denen er fortwährend nachbrütete. — Trotz ihres Mutes war Juanita beim Anblick des jungen Mannes in Tränen ausgebrochen; dieser hatte sich über das Sprechgitter, welches sie trennte, hinweggeschwungen, und bald lagen beide in stummer Umarmung. Jndeffen bezwang Juanita ihre gewaltige Aufregung; sie hatte Fernando nicht zum Weinen herbeigerufen, sie mußte ihn von der Gefahr in Kenntnis setzen. Sie hatte es durchgesetzt, daß ihre Zusammenkunft mit dem jungen Manne unter vier Augen stattfand. Niemand befand sich daher im Sprechzimmer; aber beide ahnten, daß sie belauscht würden. „Entferne Dich," begann endlich das junge Mädchen mit leiser Stimme, „entferne Dich, mein lieber Fernando, eine große Gefahr bedroht Dich!" „Du weißt es also?" antwortete dieser. „Ja, ich weiß alles," erwiderte sie; „mir ist alles klar." „Aber Du... ." »Ich — ich bin stark und mutig, übrigens kannst Du jetzt gar nichts tun; reise ab, Frankreich ist nicht weit, vielleicht werden wir uns Wiedersehen; aber wenn Du hier bleibst, bist Du verloren..." „Ich werde abreisen. . . O, mein Gott, warum muß ich Dich so den Händen Deiner Feinde überlassen!" „Gott ist mit mir... ich fürchte nichts . .." entgegnete das junge Mädchen, um dem Geliebten eilte Hoffnung zu eröffnen, die sie selbst keineswegs teilen konnte. Fernando antwortete nicht, und ihre Tränen stoffen von neuem. So verharrten sie einige Zeit sprachlos; nur ihre Blicke begegneten sich; aber alle ihre Gedanken, alle ihre Liebe lag in diesen Blicken. Endlich wurden sie von einem knarrenden Geräusch aufgestört; die Tür öffnete sich und die Superiorin trat ein. „Adieu," sagte Juanita und legte einen Finger auf den Mund. „Auf Wiedersehen," wiederholte Fernando und wandte sich zur Tür. Zum letztenmal fiel sein liebender Blick aus Juanita. Dann stürzte er gebrochenen Herzens hinaus. Er entfernte sich aus dem Kloster und sah sich plötzlich vor der Stadt, er wußte nicht wie. Lange irrte er in der Wildnis des Gebirges umher, außer sich vor Schmerz und Wut, und von der heftigsten Verzweiflung gepeinigt. * * * Juanita hatte nun ihr vorläufiges Ziel erreicht; sie hatte ihren Fernando gesprochen und gewarnt. Der Vormund täuschte sich aber sehr, wenn er glaubte, daß nun für immer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.