Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- Seite 595 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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595 gegenüber, die Deine Freundin ist und der ich so glücklich bin Gastfreundschaft zu erweisen, es an Höflichkeit fehlen ließe." So scherzten wir, aber je mehr der Wein die Köpfe erhitzte, desto eifersüchtiger wurde meine Braut, und bald sollte sie mir einen fürchterlichen Beweis dieser ihrer entsetzlichen Leidenschaft geben. Sie stand auf und ging hinaus, indem sie sagte, sie würde bald wiederkommen. Schon nach wenigen Augenblicken veränderte sich das Gesicht der bei mir gebliebenen Freundin. Sie bekam heftige Krämpfe und gab endlich in meinen Armen ihren Geist auf, während ich Leute herbeirief, damit sie der Unglücklichen beiständen. Sofort schöpfte ich Verdacht gegen meine Braut und bald sollte sich Herausstellen, daß diese ihre Freundin aus Eifersucht vergiftet hatte. Was war da zu tun? Ich dachte eine Weile nach, und um die Spuren des Verbrechens zu verwischen, ließ ich bei dem Mondschein geräuschlos eine der großen Marmorplatten, mit denen der Hof meines Hauses gepflastert war, aufheben und schnell ein Grab schaufeln, in welches der Leichnam des jungen Mädchens hineingelegt wurde. Dann raffte ich alles Geld zusammen, was ich nur hatte, verschloß mein Haus, bezahlte dem Eigentümer des Hauses, einen Juwelenhändler, den schuldigen Mietzins auf ein Jahr voraus, und indem ich ihm den Schlüssel übergab, sagte ich ihm, daß wichtige Geschäfte mich zwängen, auf einige Zeit zu verreisen und mich zu meinen Oheimen nach Kairo zu begeben. Ich mietete Kamele und reiste dann ab. Glücklich gelangte ich in Kairo an; meine Oheime erstaunten sehr, als sie mich sahen, doch nahmen sie mich sehr freundlich auf, und ich hatte Gelegenheit, alles Schöne von Kairo kennen zu lernen. Als meine Oheime abreisen wollten, verbarg ich mich; sie suchten, aber fanden mich nicht. Da sie dachten, daß ich wieder nach Damaskus zurückgekehrt sei, reisten sie ruhig ab. Doch blieb ich noch drei Jahre in Kairo, bis ich gar nichts mehr übrig hatte. Jedes Jahr schickte ich den Mietzins nach Damaskus; doch schließlich war mir das Geld ausgegangen und ich konnte meinen Verpflichtungen nicht Nachkommen. Endlich, nachdem ich meine Neugierde und meinen Wissensdurst in Kairo gründlich gestillt hatte, mietete ich Kamele und reiste ab. In Damaskus eingetroffen, fand ich die von mir früher bewohnten Zimmer in demselben Zustand. Beim Reinigen und Auskehren eines Gemaches, in welchern ich mit den beiden Freundinnen gespeist hatte, fand einer meiner Leute ei» goldenes Halsband mit einem Schloß aus zehn Edelsteinen von großer Pracht. Man brachte es mir, und ich erkannte es für das, welches ich an dem Hälse des vergifteten Mädchens gesehen. Es mußte sich losgemacht haben und heruntergefallen sein, ohne daß ich es bemerkt hatte. Ich konnte es nicht ohne Tränen betrachten, indem ich eines so reizenden Wesens und ihres so tragischen Todes gedachte. Ich hüllte es ein und verbarg es sorglich an meiner Brust. Da es mir schlecht ging, wollte ich das Halsband zu Geld machen und setzte mich zu diesem Zweck mit einem Makler auf dem Basar in -Verbindung, der nicht wenig über die Pracht und die Kostbarkeit des Geschmeides erstaunte. Der Makler rief den Schmuck ganz heimlich im verborgenen aus und es wurden 2000 Denare dafür geboten. Doch untersuchten die Sachverständigen die Edelsteine und kamen zu dem irrigen Schlüsse, daß die Perlen falsch seien. Infolgedessen mußte ich mich mit dem Preis von 50 Denaren begnügen. Der Makler hielt sich jedoch verpflichtet, die Angelegenheit dem Polizeioberst der Stadt vorzutragen, wobei er mich ruchlos verleumdete, indem er ihm sagte, der Schmuck sei ihm gestohlen worden und er -mbe in mir den Dieb entdeckt. Als ich zu Hause ruhig saß. kamen auf einmal Polizeidiener zu mir, erklärten mich für verhaftet und führten mich zum Polizeioberst. Dieser sagte mir den Diebstahl auf den Kopf zu und ließ mir die Bastonäde geben. Heftig von ihnen gepeitscht uitb zugleich gefoltert, gestand ich die Unwahrheit ein, daß ich das Halsband gestohlen hätte, und zur Strafe für mein Verbrechen ließ mir der Polizeimeister die Hand abhauen. Ich wurde ohnmächtig nach meiner Wohnung getragen. Als ich mich unter ärztlicher Hilfe erholt hatte, erschien bei mir der Hausherr, der mir bittere Vorwürfe darüber machte, daß ich, statt ihn um Geld anzugehen, was er mir gern bewilligt hätte, zu einer solchen schlechten Tat verleitet worden sei. Er könne mich aber als bestraften Menschen nicht mehr in seinem Hause dulden, und ich müsse mir daher eine andere Wohnung suchen. Ich war zwei Tage krank, so daß ich mich nicht wegrühren konnte, am dritten Tag kam mein Hausherr aufs neue in Begleitung von Polizeidienern sowie des Maklers, der den Schmuck von mir erworben und behauptet hatte, er sei ihm gestohlen worden. Ich wurde in Ketten gelegt, gefesselt und gegen mich die Anklage erhoben, daß der Schmuck dem Statthalter von Damaskus gehöre, der ihm schon seit .drei Jahren nebst seiner Tochter abhanden gekommen sei. Vor den Befehlshaber geführt, entschloß ich mich, ihm die volle Wahrheit zu sagen. In der Tat schüttete ich vor ihm mein ganzes Herz aus, erzählte mein Abenteuer mit den beiden Mädchen, sowie daß ich nur infolge der Folter die Unwahrheit gesagt hätte und flehte den Beamten um seinen Schutz an. Der Statthalter hörte mich ruhig an, dann rief er entrüstet: „Dieser Mann hier hat nichts gestohlen, wie könnt Ihr dem armen Menschen in so ungerechter und barbarischer Weise die Hand abschlagen? . . . Du, elender Makler, mußt ihn dafür entschädigen, oder ich lasse Dich zu Tode prügeln." Dann befahl er seinen Leuten, den Makler zu verhaften und abzuführen. Als ich mit dem Statthalter allein war, mußte ich ihm alle Details des tragischen Vorfalls erzählen, und ich verschwieg ihm nichts. Er war aufs tiefste erschüttert, schluchzte laut, schlug die Hände übereinander und sagte: „Ich gehöre Gott an und nehme zu ihm meine Zuflucht. Mein Sohn, ich will Dir die ganze Sache erklären. So wisse denn, daß das Mädchen, das Dich zuerst besucht hat, meine älteste Tochter war. Ich hatte ihr eine strenge und sorgfältige Erziehung zuteil werden lassen und sie mit einem meiner Neffen verheiratet. Als ihr Mann starb, kehrte sie zu mir zurück, aber moralisch verdorben. Vor ihrer Ankunft war ihre jüngere Schwester, die auf eine so beklagenswerte Weise in Deinem Armen gestorben ist, sehr sittsam, mib ihr Betragen hatte mir nie Veranlassung zu irgendeiner Klage gegeben, aber ihre ältere Schwester korrumptierte auch sie. Als Deine Braut ohne die jüngere Schwester zurückkam und auf meine Frage, wo diese geblieben sei, bitterlich zu weinen anfing, ahnte ich nichts Gutes. Vergebens drang ich in sie, mir den Aufenthaltsort meiner Tochter zu nennen, sie versicherte, daß sie von nichts wisse und nur das Eine sagen könne, daß ihre Schwester, nachdem sie gestern ihren schönsten Perlenschmuck angelegt und sich besonders fein angezogen, sich entfernt habe, ohne zu sagen wohin. Vergebens suchte ich in der ganzen Stadt nach ihr, aber alle meine Nachforschungen führten zu keinem Ziele. Inzwischen hörte die älteste Schwester, die ohne Zweifel ihre eifersüchtige Wut schon bereute, nicht auf, sich zu betrüben und den Tod ihrer Schwester zu beklagen. Sie aß und trank nicht, so daß sie schließlich dem Tod anheimsiel. „Ja," sagte der Befehlshaber, „das ist das Los der Menschen, das ist unser Schicksal, dem wir alle ausgesetzt sind! Da wir