Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- Seite 594 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228741--63135-3290339- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
594 die ganze mohammedanische Welt in alter und neuerer Zeit durchdrungen hat, noch mehr zu beleben und zu stärken. Gewiß wird es daher von Interesse sein, auch durch Beispiele die hier aufgestellten Theorien zu erhärten und die Geschichten selbst, in denen einzelne jüdische Gestalten mehr oder weniger hervortreten, eingehender kennen zu lernen. Da erzählt zuvörderst Scheherezade, die unerreichte arabische Märchendichterin, die inkarnierte Poesie der Volksdichtung, dem Sultan eine Geschichte von einem jüdischen Arzte, die dieser einst dem Sultan von Kaschgar zum besten gegeben. „Als er in Damaskus Arzneikunde studiert habe," so begann der Sohn Aeskulaps, „sei er durch die geschickte Ausübung seiner edlen Kunst zu einem gewissen Ruf gelangt. Der Befehlshaber der Stadt habe ihn durch einen Sklaven zu sich rufen lassen, um einen Kranken zu besuchen. Man führte ihn dort in ein Zimmer, wo er einen schönen jungen Mann als Patienten antraf. Dieser konnte nicht sprechen, und auf den Wunsch des Arztes, ihm die rechte Hand zu reichen, damit er seinen Puls fühle, habe der Kranke die linke Hand dargereicht, was den Doktor sehr in Erstaunen setzte. Das sei, so sagte sich dieser, doch eine erstaunliche Unwissenheit, da man doch einem Arzte die rechte und nicht die linke Hand reiche. Auch bei anderen Besuchen, die der Arzt ihm machte, habe dieser ihm stets die linke Hand gereicht. Nach zehn Tagen sei der Patient hergestellt gewesen, worüber der Befehlshaber von Damaskus sich so freute, daß er, uni dem Arzte seine Zufriedenheit zu bezeigen, ihm kostbare Gewänder verabreichen ließ und ihn zu«y, Arzt des städtischen Hospitals und zugleich zu seinem Hausarzt ernannte. Ja er. machte ihm sogar das Angebot, täglich an seiner Tafel zu speisen. Auch der junge Mann dankte seinem Retter in herzlichster Weise, und dann erst verriet der Geheilte, daß er deshalb nur seine linke Hand dargereicht habe, weil ihm die rechte abgehauen sei. „Doktor," so sagte er zu dem Arzte, „verwundert Euch nicht darüber, daß mir die Hand abgehauen ist, wenn Ihr Lust habt, meine Geschichte kennen zu lernen, will ich sie Euch gern erzählen." Der Arzt begleitete den Rekonvaleszenten auf einem Spaziergang in dem Garten des Befehlshabers, und nachdem sie sich beide auf einen Teppich unter einem Baum gesetzt hatten, der angenehmen Schatten gab, erzählte der junge Mann seine Geschichte, die dann, wie gesagt, der Sultan von Kaschgar aus dem Munde des Arztes vernahm. Mag dieselbe hier auszugsweise mitgeteilt werden. „Wisse, o Arzt," begann der Jüngling, „ich bin in Mossul geboren. Als mein Großvater starb, hinterließ er zehn Söhne, von denen mein Vater der älteste war. Alle zehn wuchsen heran und heirateten, auch mein Vater nahm eine Frau, die mich ihrem Gatten schenkte, während die übrigen neun Brüder keine Kinder hatten. Als ich heranwuchs, ging ich mit meinem Vater und meinen Oheimen in die große Moschee in Mossul zum Mittagsgebet. Nach dem Gebet kam die Rede auf das Reisen, und wir unterhielten uns von den Wundern der Länder und den Seltenheiten der Städte. Einer meiner Oheime behauptete, daß es kein schöneres Land auf der Erde gäbe als Aegypten und der schönste Fluß der Nil sei. Die anderen dagegen sagten, daß die Stadt Bagdad und der Fluß Tigris viel wertvoller und wichtiger seien, denn Bagdad sei der wahre Sitz der mohammedanischen Religion und die Hauptstadt von allen Städten der Erde. Da nahm mein Vater das Wort, gleichfalls zugunsten Aegyptens. Auf einer Reise nach Damaskus nahm mich mein Vater mit, während er meine Bitte, mich mit ihm und meinen Oheimen nach Aegypten zu begeben, abschlug. Ich machte in dieser Stadt, die mitten in einem Paradies liegt, durch Verkauf meiner Ware sehr gute Geschäfte; dadurch erhielt ich eine ansehnliche Summe, deren Besitz mir große Freude machte. Ich mietete ein prächtiges Haus, es war ganz von Mamor. Auch hatte es einen Garten mit sehr schönem Springbrunnen. Ich hielt eine zahlreiche Dienerschaft und lebte wie ein großer Herr. Eines Tages, als ich an der Tür meines Hauses saß. um frische Luft zu schöpfen, kam eine sehr sorgfältig gekleidete und wie mir schien sehr wohl gebildete Dame auf mich zu, indem sie mich fragte, ob ich Stoffe zu verkaufen hätte. Noch nie hatte ich ein schöneres Mädchen gesehen; ich bat sie, bei mir einzutreten. Als sie im Zimmer war, bat ich sie, sich zu setzen. Sie legte ihren Schleier und ihren Mantel ab und ihre Schönheit machte jetzt noch einen tieferen Eindruck auf mich. Ich fand sie so schön wie den Mond und sah, daß auch ihre Gestalt vollkommen war und die Liebe zu ihr bemächtigte sich meines Herzens. Ich erhob mich dann und holte Sorbet und Früchte und andere Speisen, und wir aßen miteinander. Bis in die Nacht hinein tranken wir einen Becher nach dem andern. Als sie ging, fühlte ich, daß sie mein Herz mitnahm. Sie versprach mir, nach drei Tagen zur bestimmten Stunde wiederzukommen. Wie freute ich mich, als sie ihr Wort einlöste! Als sie zum drittenmal bei mir erschien, richtete sie eine merkwürdige Frage an mich: „Mein liebes Herz," so sagte sie zu mir, „was denkst Du von mir, bin ich nicht schön und unterhaltend?" „Wie kannst Du so etwas fragen," erwiderte ich, „Du bist ja die Schönste im ganzen Land, und Du weißt, daß ich Dich unendlich liebe. Du bist meine Königin'und Sultanin, und Du «nächst das Glück meines Lebens aus." „O," sagte sie dann, „nur keine Schmeicheleien, ich bi«« überzeugt, daß, wenn Du meine Freundin, die viel schöner und jünger ist als ich, kennen lerntest. Du Dich auch in sie verlieben würdest. Sie hat mich schon oft gequält, mich zu Dir begleiten zu dürfen. Hast Du den Mut, ihr ins Auge zu sehen?" „Aber, mein Liebling, Deine Freundin mag'noch so schön und lieb sein, sie kann Dein Bild in meinern Herzen nicht erblassen machen, alle ihre Reize sind nicht fähig, mein Herz Dir zu rauben." „Nimm Dich in acht. Ich sage Dir, daß ich Deine Liebe zu mir auf eine harte Probe stellen werde." In der Tat kamen die beiden Schönen alsbald zu «nir, und als beide sich entschleiert hatten, fand ich, daß die Freundin meiner Braut noch schöner war. Sie hatte regelmäßige Züge, ein vollkommenes Gesicht, lebhafte Farben und so glänzende Augen, daß ich ihren. Blick kaum ertragen konnte. Wir setzten uns zu Tische, und ich bewirtete die beiden Damen. Die Neuangelangte nannte mir nicht ihren Namen, sondern sah mich zuweilen nur lächelnd an. Ich konnte ihren siegenden Blicken nicht lange widerstehen, und sie gewann im Sturm mein Herz, ohne daß ich mich dessen erwehren konnte. Auch sie schien Liebe für mich zu empfinden. Meine Braut, die uns scharf beobachtete, war anfänglich unbefangen und heiter. „Ich habe Dir schon gesagt," bemerkte sie während der Tafel, „daß Du meine Freundin liebenswürdig finden würdest, und ich sehe schon jetzt, daß Du Deinen Schwur, mir treu zu bleiben, verletzen wirst." „Aber ich bitte Dich, Liebling, Du würdest ja alle Ursache haben. Dich über mich zu beklagen, wenn ich einer Dame