Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- Seite 592 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228741--63133-3290337- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
592 in dem Spiegel literarisch-wissenschaftlicher Betrachtung seinen Zeit- und Volksgen offen ihr Bild vorzuhalten. Er stellt das nicht als die Tendenz seiner Schrift hin, wenn er auch am Schluffe andeutet, daß als Bild der menschlichen'Schlechtigkeit, Sinnlosigkeit und Vorurteile man Leo Tolstois „Macht der Finsternis" mit Shakespeares Drama „Der Kaufmann von Venedig" vergleichen könne. Aber bei der' literarischen Betrachtung der Charaktere, bei der Schilderung vergangener Jahrhunderte, läßt er Streiflichter auf die Gegenwart fallen imi> hält mit seinem Urteil über sie nicht zurück: So schildert er, wie im 16. und 17. Jahrhundert die Gestalt Shylocks bei der Aufführung des Kaufmanns von Venedig anstatt Mitleid Schadenfreude, anstatt einer gerechten Beurteilung nur unvernünftiges Vorurteil bei den Zuschauern wachgerufen habe. „Aber" — fährterdann fort— „kann man sich über eine solche Auffassung gar so sehr beklagen und sie allzustreng verurteilen, wenn doch sogar in der Mitte des 19. Jahrhunderts, das in bezug auf jedes sittliche, intellektuelle und künstlerische Verständnis so weit vorgeschritten war, in betreff des Kaufmanns von Venedig häufig Ideen geäußert wurden, die an Stumpfsinn und Unverstand sich von den Ideen früherer Jahrhunderte nur wenig unterscheiden." An einer anderen Stelle schildert er den Charakter Shylocks, erwähnt die Verherrlichung, die er durch'Jherings „Kampf ums Recht" erfahren hat, und man merkt, wie er mit dem Herzen auf seiner Seite steht. Doch wenn diese Auffassung auch nicht stichhaltig sein sollte, wenn Shylock durch die ihm vom Dichter zugeschriebenen Fehler abstößt, wer trägt dann die Schuld? „Es ist nicht Shylocks Schuld," so ruft er seinen Lesern zu, „wenn Fanatismus, einfältigster Unverstand und Herzlosigkeit ganzer Wlkergruppen sich im Laufe vieler Jahrhunderte die größte Mühe gaben, das unglückliche Volk schlechter zu machen, zu verderben, zu entstellen, zu verstocken und ihm alle nur erdenklichen Laster einzuinipfen. Wer ist denn daran schuld? Doch nicht der, welcher darunter leidet? Nein, man muß sich eigentlich wundern, daß Shylock nicht noch hundertmal schlechter ist. . . . Alle beeilen sich, ihm Herz- und Gefühllosigkeit vorzuwerfen. Soll er denn wirklich seine Feinde, seine Verfolger und Quälgeister lieben? Das wäre ja ebenso töricht, wie wenn man verlangen würde, daß die Russen vom Jahre 1812 Napoleon I. und seine Franzosen, daß die Buren vor einigen Jahren die Engländer hätten lieben müssen . . . Wie? Eine Menge Menschen tut alles, was nur Abscheuliches und Verbrecherisches gegen Shylock getan werden kann, und er soll sich nicht einmal ärgern dürfen, soll sich wohl noch gar ehrerbietig vor ihnen verneigen und sich bei ihnen dafür bedanken?" Doch zu welchem Zwecke hat denn der große Brite diese abstoßende Figur gezeichnet? Haben jene Antisemiten recht, die ihn mit Behagen für einen der Ihrigen reklamieren, die als Entschuldigung für ihre gehässige Gesinnung und Gefühlsroheit auf iene Figur blicken, in der der Dichter den Typus des Juden habe zeichnen wollen? Stassow nimmt den von ihm hochverehrten und bewunderten Dichter gegen diese Auffassung in Schutz; eher das Gegenteil sei wahr. Nicht den Juden oder das Judentum wollte er schmähen und herabsetzen, sondern auf die anderen fällt Vorwurf und schwerer sittlicher Makel. „Shakespeare" - sagt Stassow - „stellt Shylock als Einzelperson der Volksmenge gegenüber, als ob er sagen wollte: Da sehet, wie es in der Welt zuweilen zugeht! Eine ganze Menschenmenge besteht manchmal aus guten, manchmal aber auch aus abscheulichen Menschen; aber die einen ebensowenig wie die anderen begreifen, wie garstig sie aus Unwissenheit handeln und wie schlecht das ist, was sie aus Vorurteil tun. Aber ein Mensch, mag er vielleicht auch zur Hälfte schlecht sein, kann dennoch zuweilen gerechter sein als diese ganze Menge. Sein Ende ist aber trotzdem so: was er auch sagen oder tun mag — er wird verurteilt, verdammt und von allen verflucht. Alle anderen aber haben Recht, sind ruhig, liebenswert und angenehin. Es ist, als ob Shakespeare sagen wollte: Gerade so geht es stets in der Welt zu! Man häuft auf einen Menschen die ärgsten Ungerechtigkeiten und Verbrechen,'und dann muß er sogar noch der Schuldige sein, sie aber find die Gerechten!" Ob diese Auffassung zutreffend ist oder nicht, es kam uns hier nicht darauf an, den großen Briten zu erklären oder arizuklagen, zu rechtfertigen oder zu verdammen, sondern einem edlen russischen Gelehrten eine Blume des Dankes auf sein frisches Grab zu legen. Bei all dem Jammer, den wir drüben wahrnehmen, bei allem Wehgeschrei und Klagen, die an unser Ohr dringen, ist es ein tröstliches Bewußtsein, daß auch dort Menschenherzen menschlich schlagen und erleuchtete Geister sich aus dem Wulst verrotteter Vorurteile auf die Höhen des reinen Menschentums erheben. Sie sind wohl nicht zu dicht gesät — aber daß sie vorhanden sind, stärkt unsern'Glauben an die Menschheit und hebt unsere Hoffnung für die Zukunft. Freilich geht der Fortschritt nur langsam, und Staffow selbst schreibt aus Anlaß der russischen Uebersetzung von.Lessings „Nathan": „Wie langsam schreitet doch die Menschheit sogar dort vorwärts, wo das Donnerwort genialer', erleuchteter Männer erschallt! Wie langsam und träge sind doch die Fortschritte der aufgeklärtesten Generationen, wenn es sich um die praktische Verwertung von Ideen handelt! Und wie oft kommt es vor, daß sie sich bei der ersten Gelegenheit von allen Errungenschaften des Verstandes und der Vernunft in der Praxis lossagen! Glücklicherweise können doch immerhin Fortschritte, wenn auch nur langsam, konstatiert werden; und das Verdienst solcher Männer wie Lessing kann und wird nie gemindert werden!" Was Stassow hier von Lessing sagt, gilt auch von ihm: Auch ihm gebührt Anerkennung und Verehrung für fein selbstloses und mutiges Eintreten für die Rechte der Unterdrückten. Gebe der Himmel, daß es von Erfolg begleitet sei und auch für Rußland recht bald die Sonne der Freiheit und des Glückes erstrahle! Lrnlt Mephlmi. Stockholm, im November, jeder hat unsere Gemeinde, unser Land, einen großen Verlust zu beklagen. „Der schwedische Künstlerkreis hat einen seiner Führer verloren, ein glänzendes künstlerisches Taleut, eine echte Künstlernatur ist dahin. Ernst Josephson ist seinem jahrelangen Leiden am Donnerstag, den 20. November, in seinem Heim, nur 55 Jahre alt, erlegen." So beginnt am Freitag Morgen unsere erste Tageszeitung einen langen Artikel über seine hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der Malerei und Dichtkunst und bringt auch sein Bild und viele Reproduktionen seiner Gemälde. Ernst Josephson entstammte einer hiesigen höchst angesehenen jüdischen Familie, bei der künstlerische Begabung ein Erbe des Geschlechts zu sein scheint. Er begann seine Künstlerlaufbahn als hoffnungsvoller Schüler der hiesigen Akademie, erhielt als solcher für ein Bild, das später die Königin ankaufen ließ und das noch jetzt ihre, Privatgemächer schmückt, die königliche