Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- Seite 591 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Erfüllung ihrer Zusagen begegnet, wird das „echte" russische Volk als in wildem Aufruhr gegen die geplanten Zugeständnisse an die Juden geschildert. Tatsächlich haben alle Parteien, deren Vertreter in der ersten Reichsduma eine überwältigende Mehrheit bildeten, sich für die vollständige Gleichstellung der Juden mit den übrigen Einwohnern Rußlands ausgesprochen, und die wenigen Abgeordneten derjenigen Volksgruppen, die sich jetzt so entschieden gegen alle Zugeständnisie an die Juden aussprechen, versuchten nicht einmal, ihre Ansichten in der Duma zum Ausdrück zu bringen. Wenn die Regierung die auf ministeriellen Erlasien beruhenden Einschränkungen aufhebt, wird sie nirgends auf ernstlichen Widerstand stoßen, und wenn sie der Volksvertretung die Entscheidung über eine gesetzliche Regelung der Jndenfrage überlasien will, so ist dagegen nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß die Regierung überhaupt keine Gesetze durchführt, die nicht von der Reichsduma gebilligt worden sind. Gerade jetzt sind aber tiefgreifende gesetzliche Bestimmungen in der Bauernfrage erlassen worden, und man wird daher dem Ministerium Stolypin gewiß nicht Unrecht tun, wenn man ihm vorwirft, daß es verschiedenes Maß anwendet und seine Taten , nicht mit seinen Worten in Einklang zu bringen weiß. ♦ Selbst Persien hat also früher eine Verfassung erhalten als Rußland. Das Amtsblatt „Habl-Mattin“ teilt die Berfassungsurkunde mit, deren Bestimmungen jeden Zweifel beseitigen, daß sie für alle „persischen Untertanen" ohne Unterschied des Bekenntnisses und der Nationalität Geltung haben sollen. Tie entscheidenden Artikel, welche sich auf die Nichtmoslemen beziehen, lauten wie folgt: „Art. 8: Alle die Landessprache redenden persischen Untertanen, sie mögen welcher Religion oder Abstammung immer sein, sind vor dem Gesetze gleich. Art. 9: Jedem persischen Untertan ist volle Freiheit der Person gewährleistet. — Art. 11: Die offizielle Staatsreligion ist der Islam schiitischen Ritus'; die übrigen Religionen sollen aber in der freien Ausübung ihrer Vorschriften und in der Verwaltung ihrer Angelegenheiten in keiner Weise beeinträchtigt werden. — Art. 13: Jeder persische Untertan hat das Recht, das ihm zusagende Gewerbe oder Handwerk auszuüben. — Art. 15.: Der Unterricht ist frei,, jedoch darf dadurch den Rechten des Islam kein Abbruch geschehen. — Art. 19: Jeder persische Untertan, der dazu befähigt ist, kann öffentliche Aemter bekleiden. — Art. 20: Die Wohnstätte jedes persischen Untertans ist unverletzlich. — Art. 64: Alle die Landessprache beherrschenden persischen Untertanen sind zu Mitgliedern des Parlaments wählbar." Wenn mau die Berichte der „Alliance Israelite Universelle“ in den letzten Jahren aufmerksam gelesen hat, so weiß man, was die Juden in Persien von der Verfolgungswut fanatischer Priester zu leiden haben. Hoffentlich bessert sich jetzt durch Verfassung und Parlament, ihre Lage in diesem Lande! * Der neue amerikanische Handelssekretär Oskar Straus hat sich, wie dem „Berliner Tageblatt" aus Newyork gemeldet wird, infolge seiner Berufung in das Rooseveltsche Kabinett veranlaßt gesehen, seine bisherige Verbindung mit dem großen Newyorker Jmporthause, das seinen Familiennamen trägt, definitiv zu lösen. „Ich gedenke, mich völlig von allen Privatgeschäften zurückzuziehen," — äußerte er zu einem Interviewer — „und meine Geschäfte nicht nur für die Dauer meines Amtes vorübergehend einzustellen, sondern sie vollständig aufzugeben, so daß ich mich ganz und gar den Pflichten widmen kann, die meine amtliche Stellung mit sich bringt." Noch einer,, der nicht auf Podbielskis Wegen zu wandeln wünscht! Und zwar ein Jude! Wladimir Wslliljewittch Stallow. Von Rabbiner Dr. Frennd-Ostrowo. Boeben lese ich in einer politischen Zeitung einen Nachruf auf den in hohem Alter dähingeschiedenen russischen Schriftsteller Staatsrat Wladimir Stassow, Ehrenmitglied der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Dort wird der schwere Verlust geschildert, den die russische Literatur erlitten, und die Verdienste gewürdigt, die der Verewigte sich auf dem Gebiete der Kunst, Musik, Archäologie und Literatur, und insbesondere durch seine Forschungen über die russische Sagenwelt und das Heldenlied erworben. Das genügte nun nicht, um in einem Blatte, das jüdische Interessen vertritt, seiner zu gedenken: Doch dankbar wollen wir es anerkennen, daß er seine geschickte Feder auch in den Dienst unserer Glaubensbrüder gestellt und seine weitschallende Stimme für die Forderungen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit erhoben hat. Wir sind ja leider heutzutage daran gewöhnt, von unserem östlichen Nachbarreiche nichts Erfreuliches zu vernehmen; wir sehen Vertreter der Regierungsgewalt, im Bunde mit lichtscheuem Gesindel, am Werke, um durch blutige Frevel den Aufgang der Morgenröte zu verhindern, und der Menschenfreund fragt sich bang, wann endlich jenem unglücklichen Volke, und insbesondere unseren dreimal unglücklichen Glaubensbrüdern, die Stunde der Erlösung und Freiheit schlagen wird. Da ist es bei all dem Jammer doch wenigstens ein Trost, daß die Stimme der Menschlichkeit auch in jenem. Lande sich Gehör verschafft, daß edle und erleuchtete Geister mit ihrer ganzen Persönlichkeit sich auf die Seite der Unterdrückten stellen und in Wort und Schrift für ihre Befreiung kämpfen. Und zu diesen Vorkämpfern gehörte auch Stassow. Schon in der von August Scholz herausgegebenen Sammlung von russischen Beiträgen zur Judenfrage ist sein Name zu finden. Vor Jahrzehnten schon schrieb er: „Man denke sich dieses energische jüdische Element, diese talentvolle, vielseitige jüdische Tätigkeit, aus der Wirklichkeit weggestrichen, und Europa, wie überhaupt die ganze Welt, würde um viele, viele Grade welker und finsterer werden. Es gibt jedoch Leute, und zwar nicht nur in der großen Masie des Volkes, sondern sogar unter Schriftstellern und Publizisten, das heißt unter Leuten, die gewissermaßen verpflichtet sind, einen hellen Kopf und ein gebildetes Urteil zu besitzen, die gleichwohl nicht einen Schritt abweichen wollen von der traditionellen Abgeschmacktheit und dem beschränkten Unverstand; die nicht nur jegliche technische, gewerbliche, manufakturelle und sonstige materielle Tätigkeit der Juden gering schätzen, sondern sogar die wissenschaftliche, künstlerische, schöpferische Tätigkeit des Judentums unter spöttischem Lächeln j mit Füßen treten. „Wir brauchen die Juden nicht! Wir bel dürfen ihrer Intelligenz nicht! Wir werden auch ohne sie auskommen!" Diese wirklich einzige Erbärmlichkeit und Niedrigkeit der Gesinnung, diese tiefe Unwissenheit, dieses unsinnige Ankämpfen gegen den Geist der Geschichte ist allerdings eher belustigend als betrübend. Wir Rusien können uns dieser Schriftsteller nur schämen!" Diesen Ideen der Menschenliebe und Gerechtigkeit, die ihn zur flammenden Anklage gegen weite Kreise seiner Volksgenoffen trieben, blieb er sein ganzes Leben hindurch treu. Im vorigen Jahre noch, als achtzigjähriger Greis, veröffentlichte er eine Studie über Shakespeares „Kaufmann von Venedig und das Shylockproblem", in der er mit jugendlichem Temperament zu der Bewegung seiner Zeit Stellung nimmt und keine Gelegenheit vorübergehen läßt, die es ihm ermöglicht,