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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-14 · Heft 50 (14.12.1906) · p. Seite 590

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
Seite 590 (sequence 2)
Language
German
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590 Müssen wir nicht darum geradezu als eine Befreiungstat feiern das Streben des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes nach Schaffung einer auf gesetzlicher Grundlage beruhenden Gefamtorganifation der preußischen Judenheit? Es ist eine schwere Aufgabe, die er sich gestellt hat, das soll gewiß nicht geleugnet werden. Um so mehr verdient sie Anerkennung, und diese ist um so aufrichtiger und allgemeiner, als nun nicht mehr zu befürchten ist, daß der Zusammenschluß um einen allzu hohen Preis erkauft werden müßte. Die autonome Selbstverwaltung der Gemeinden sowie die Gewissensfreiheitder einzelnen ist nicht gefährdet, und so kann sich mit ruhigem Herzen ein jeder um das Panier der Verfechter dieses Zieles scharen. In der Einheit liegt die Stärke; schwach nur sind wir, weil wir ohne Zusammenhang, ohne Verbindung, ohne Einheit sind. Ob wir den Staat für unsere Wünsche werden erwärmen können? Schauen wir die Lichtlein an diesen Abenden nur an, sie lehren uns den Sieg einer jeden guten Sache. Schwarzseher sollen wir vor allem nicht sein, unsere ganze Geschichte und unser Fest insbesondere machen uns dies zur Pflicht. Kämpfen wir nur so, wie einst die Makkabäer gekämpft, mutig und standhaft und selbstbewußt, und unser wird dann auch sicher der Sieg sein. Bit Woche. Berlin, 11. November. Unter den antisemitischen Gruppen in Preußen ist zweifellos eine der interessantesten, wenn auch die einflußloseste, der „Deutsche Volksbund". Wie das Stettiner Organ dieser Richtung, die „Deutsche Hochwacht", neuerdings mitteilt, gibt es im Deutschen Volksbund Mitglieder, die der deutschsozialen Partei angehören, andere zählen zur Reformpartei, wieder andere haben sich gar keiner Partei angeschlossen. Einer der Abgeordneten des Deutschen Volksbundes ist Mitglied der Reformpartei, ein anderer (der damals noch zum Volksbund gehörte) trat der Wirtschaftlichen Vereinigung bei, während ein Dritter in der konservativen Partei tätig ist. Einer der Obermeier des Volksbundes, Hans von Mosch, und der Redakteur der „Deutschen Hochwacht", Hübbe, gehören dem Wahlverbande der deutsch-sozialen Partei an. Ja, der letztgenannte hat schon diesem Verbände und der Reformpartei gleichzeitig angehört. Wir wollen übrigens noch weiter zur Charakterisierung dieses Deutschen Volksbundes Mitteilen, daß er nach Art einer Loge organisiert ist. An der „ersten" Spitze stehen drei „Großmeister", die einen Rütlischwur unter sich geleistet haben. Diese haben sich sieben „Meister" gewählt, denen sich noch 13 „Freischöppen" zugesellen. Dieser Rat der 23 regiert absolut; was er beschließt, ist absolutes Gesetz. Er ernennt sich überall Vertrauensmänner zu Schöffen des Bundes. Außerdem gibt es noch „Freunde" und „Ritter des Bundes". Die „Deutsche Hochwacht" hat es für zeitgemäß erachtet, obige Mitteilungen zu machen, um die Behauptung zu widerlegen, daß der Antisemitismus in allerlei kleine Gruppen gespalten sei, die sich zum Teil in der schofelsten Art bekämpften. Das Stettiner Antisemitenblatt tut so, als wenn der Deutsche Bolksbnnd eine über diesen Gruppen schwebende höchste Instanz des Antisemitismus sei, in der sich alle Richtungen brüderlich die Hand reichen. Außer der „Deutschen Hochwacht" teilt aber niemand diese Ansicht, am allerwenigsten die Antisemiten selbst. * In Württemberg finden gegenwärtig die Landtagswahlen statt. Uns interessiert dabei nur eine Rede^ die der bekannte Zentrumsführer Abgeordneter Gröber gehalten hat. In Württemberg hat das Zentrum in sein Wahlprogramm die Revision des Judengesetzes von 1828 anfgenymmen und verlangt die Beseitigung jedes bureaukratischen Zwanges in der Ausübung religiöser Pflichten. Landgerichtsrat Gröber verwies nun darauf, daß seine Partei im Landtage wie im Reichstage stets dafür eingetreten sei, daß jeder Konfession ungehinderte Religionsfreiheit bei Ausübung ihrer Satzungen und Bräuche gewährleistet bleibe, und dieser Standpunkt werde vom Zentrum jederzeit betätigt werden. So z. B. könne er versichern, daß, wie er selbst, so auch keiner seiner Parteigenossen für ein Verbot oder auch nur für eine Beschränkung des Schächtens zu haben sein werde, das nach der Erklärung der Juden eine Religionssatzung sei, in welche deshalb die staatliche Gewalt nicht eingreifen dürfe. Der Redner wandte sich in sehr scharfen Ausdrücken gegen die Treibereien der Tierschutzvereine auf Verbot der jüdisch-rituellen Schlachtmethode, wofür nicht der geringste Anlaß vorliege, und knüpfte daran die Versicherung, daß die Zentrumspartei, wie sie bei der Einbringung ihres Toleranzantrages die Wünsche der Israeliten, die dem Redner durch einen Berliner Rechtsanwalt vorgetragen wurden, berücksichtigt habe, so allezeit sich jeder religiösen Beeinträchtigung der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens widersetzen werde. & Auch in der Schweiz regt es sich. Im Großen Rat von Basel hat der Führer der Katholiken, Dr. Feigenwinter, sich in sehr entschiedener Weise gegen das schweizerische Schächtverbot gewandt und es offen ausgesprochen, daß es nicht aus irgendwelchen sachlichen Gründen, sonder»: lediglich durch einen engherzigen und törichten Antisemitismus herbeigeführt sei. Gegenüber den verächtlichen Motiven, aus denen heraus es entstanden ist, betonte der katholische Deputierte die Pflicht, den durch das Schächtverbot gegenüber den Juden verübten Gewissenszwang zu beseitigen. „Man weiß," so führte Dr. Feigenwinter aus, „wie durch das Schächtverbot die Gewiffen bedrückt werden. Deshalb wird aber kein Pfund geschächtetes Fleisch weniger gegessen. Vielmehr find die Israeliten nun gezwungen, geschächtetes Fleisch aus dem Ausland zu beziehen, was ihnen Hunderttausende unnötiger Kosten verursacht, aber doch nur die Schweiz schwer schädigt. Wir sollten uns hüten, auf derartige Dinge einzugehen. Denn es nützt nichts und kann höchstens diejenigen, die sich hier nicht zu verteidigen in der Lage sind, beleidigen." * Die momentane Lage der Juden in Rußland wird von vertrauenswürdiger Seite folgendermaßen erklärt: Vertreter auswärtigen Kapitals haben, wie der Petersburger Korrespondent des „Daily Telegraph" versichert, dem russischen Finanzminister erklärt, daß die Regierung, indem sie es hartnäckig ablehne, die Beschwerden der Juden zu beheben, eine entschieden antisemitische Tendenz zeige und mit Recht für die Judenhetzen verantwortlich geinacht werden könne; so lange nicht in dieser Beziehung eine Besserung eintrete, könne von einer finanziellen Unterstützung der Regierung in irgendeinem staatlichen Unternehmen nicht die Rede sein. Das Ergebnis dieser Vorstellungen sind die Versprechungen, welche wir bereits gekennzeichnet Habens Worte, nichts als Worte, und um zu zeigen, welchen Schwierigkeiten die Regierung bei der

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