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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-14 · Heft 50 (14.12.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 14. Dezember 1906. 70. Jahrgang. No. 50, Begründet von Rabbiner 9*. Ludwig j-hilippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnem en ts-z.)reis: durch Buchhandel oderjAost (in Berlin u. vorcrten durch unsere verkriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav ^tarxeles. Alle Zusendurlgen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 41-6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. LhaimKsh. Berlin, 12. Dezember, in bißchen Glück," meinen die Älten, „sei für jedes Ding nötig, selbst die Gesetzesrolle in der heiligen Lade kann seiner nicht entbehren." Mit diesen Worten soll keineswegs die Lehre vom Fatalismus ausgesprochen werden, sie erkennen nur an, daß nicht immer Verdienst und Würde ausschlaggebend sind. Daß diese Erfahrung von den Menschen immer von neuem gemacht werden kann, daran zu erinnern wäre mehr als überflüssig. Aber auch sonst gilt sie. Das Ereignis, das Chanukah feiert, ist in seinen Folgen so wichtig und bedeutungsvoll, daß wir es ruhig neben jene Begebenheiten stellen können, die im Mittelpunkte aller anderen geschichtlichen Festestehen. Nicht die den Makkabäerstegen folgende Selbständigkeit des jüdischen Staates meinen wir, sondern die durch sie bewirkte Erhaltung des Judentums. Sein oder Nichtsein unseres Bekenntnisses — darüber mußte damals die Entscheidung fallen. Mit unserm Fest.feiern wir immer von neuem die Fortdauer unserer in jenen Tagen um diese Zeit so arg gefährdeten und bedrohten Lehre, den Sieg des Monotheismus mit seinen sittlichen Forderungen über das Heidentum und seine traurigen Begleiterscheinungen. Wer vermag es auszudenken, was aus der schönen Gotteserde geworden, wenn damals das winzige Häuflein der Juden unterlegen wäre? Also eine gar große Erinnerung weckt Chanukah. Doch wie schlicht ist die ganze Feier dieses achttägigen Festes! Wir treten da kaum aus dem Rahmen des Werktaglebens heraus. Erst in den letzten Jahren beginnt man — vielleicht ein Erfolg des durch die Literaturvereine geweckten Interesses für unsere Geschichte — sich ein wenig mehr auf die Bedeutung des Chanukah zu besinnen. Es ist überhaupt merkwürdig, die geschichtliche Entwicklung unserer Feste aufmerksam zu studieren und zu beobachten, wie diese durch die Zeitströmungen und Weltanschauungen der Epoche wesentlich bedingt ist. Niemand kann es leugnen, daß der religiöse Sinn unter uns abgenommen hat, aber der historische ist dafür mächtig erwacht; er ist stärker als je und weckt in. den Juden das Selbstbewußtsein, den Stolz auf ihr Bekenntnis und ihre Märtyrergeschichte, auf ihr weltumfassendes Schrifttum. De§ ein Zeugnis ist vor allem das Chanukahfest mit seinem Lichtlein an der Menorah. Es ist ein Fest des geschichtlichen Judentums. Aber wir feiern nicht die Siege der Makkabäer, sondern die Reinigung des Tempels vom erlittenen Graus; den Sieg des Judentums über das Hellenentum — das ist die Idee des Chanukahfestes. Das Symbol desselben kann zu den feierlichsten Gedanken anregen. Die Lichtlein, die wir an diesen Abenden zünden, mahnen uns an jenes große Licht, das, in unserer Mitte entzündet, uns und der ganzen Menschheit geleuchtet hat und auch noch - leuchtet. Wie die Lichterzahl Nacht um Nacht wächst, so haben die Lichtstrahlen der Thora immer weitere Kreise erleuchtet und erwärmt, und ihr Glanz wird in Zukunft immer weiter sich entfalten. Freilich nicht nur in den Tagen der Makkabäer suchte man das Licht des Monotheismus zum Erlöschen zu bringen, und selbst da, wo man sich seiner Strahlen freute, gab man vor, ein ganz neues Licht zu besitzen; inan goß das Oel in neue Krüge und stellte sich so, als ob das Oel in den alten Gefäßen getrübt und unrein wäre. Wie sinnig und treffend! Da steht au der Menorah, abseits von der Reihe der Lichtlein, noch eins — „Der Dienende" wird es genannt. Dies Lichtlein hat die anderen Lichter entzündet, daß diese glänzen, sein Werk ist's und doch muß es abseits bleiben, wird nicht mitgezählt und kaum beachtet. Erkennen wir in diesem Lichte nicht Israels Glaubensgemeinschaft? Sie hat an der Menorah der Menschheit die Weiheflammen entzündet; sie hat ihr das Licht der Heilswahrheiten zugeführt — dafür wird sie allenthalben befehdet und zurückgedrängt. Man begnügt sich in unseren Tagen nicht mehr mit den: materiellen Druck, inan sucht um jeden Preis in das Oel unseres Bekenntnisses die trübenden Elemente entstellender Gedanken zu mischen, um uns das letzte noch, zu rauben. Sie fehlen aber auch unserer Zeit nicht, die Makkabäer, welche die Fahne des einzig-einigen Gottes entrollen und mit Mut und Entschlossenheit gegen die Gegner des Judentums auftreten, die mit der Waffe der Wahrheit und Begeisterung den Kampf gegen die Verunglimpfungen unseres Bekenntnisses aufnehmen. Ueber alles geht uns die Erhabenheit und Reinheit unserer Lehre, und darum freuen wir uns aller jener Bestrebungen, welche ihrer Verherrlichung dienen. Wird erst dem Judentum die ihm gebührende Achtung, dann wird sie auch seinen Bekennern nicht ausbleiben; sobald unser Bekenntnis als gleichwertig anerkannt ist, weichen schließlich auch der Druck und die Zurücksetzung, unter denen wir noch immer zu leiden haben. Gut aber ist's, daß wir auch hier uns nicht abwartend verhalten. Das Wunder mit dem Oelkrüglein in der Festgeschichte konnte sich nur vollziehen, weil dieses mindestens ein wenig Oel in sich barg. So müssen wir beizeiten die Hand ans Werk legen, daß nach außen und nach innen sich unsere Verhältnisse bessern. Ist es nicht eine Aschenbrödelstellung, in welche in den preußischen Landen unser Bekenntnis durch das famose Judengesetz gedrängt worden ist? Muß nicht dem in den kleinen Gemeinden überhandnehmenden Jndifferentismus mit Entschiedenheit begegnet werden?

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