Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228740--63126-3290329- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2 sucht und übt dadurch eine überaus segensreiche Wirksamkeit aus. Das jüdische Genesungsheim zu Lehnitz ist die einzige Anstalt dieser Art in unserer Vaterstadt, sie erfreut sich besonderer Anerkennung der Aerzte und der Gemeindeinstitutionen und verdient sicherlich die Unterstützung weitester Kreise. Jeder, der Gelegenheit hatte zu beobachten, wie die blassen, von Arbeit und Entbehrung ermüdeten Mädchen in das Haus einziehen und wie sie, völlig verwandelt, mit oft ansehnlicher Gewichtszunahme und frischem Aussehen, wieder zu ihrer Arbeit heimkehren, wird sich der Freude über die Wohltat nicht verschließen können, die im Laufe seines Bestehens schon vielen Tausenden unserer armen und bedürftigen Glaubensgenossinnen bereitet worden sind. Das Genesungsheim bleibt auch während der Wintermonate geöffnet. Die Erfahrung hat gelehrt, daß die während des Winters erzielten Erfolge denen der Sommerkuren in nichts nachstehen. Aufnahmegesuche sind unter Beifügung eines ärztlichen Ältestes an das Bureau des Vereins „Jüdisches Genesungsheim", Berlin, Rosenstraße 2/4 zu richten. Der Verein schickt gegenwärtig den Jahresbericht für 1904 und 1905 allen Mitgliedern unserer Gemeinde mit der Bitte zu: „Helfen Sie uns durch Zeichnung eines Jahresbeitrages das hohe Ziel zu fördern, auch ferner unsere bedrängten Glaubensgenossinnen vor Krankheit und Erwerbsunfähigkeitzuschützen, dieselben der Arbeit zu erhalten und vor dem Anheimfallen an die öffentliche Armenpflege zu bewahren." Wir können diese Bitte aus das wärmste unterstützen. Der Vorstand des Vereins „Jüdisches Genesungsheim Berlin" besteht aus folgenden Herren und Damen: Dr. W. Feilchenseld, Vorsitzender, Emil Pincus, stellv. Vorsitzender, Siegfried Brünn, Dr. L. Feilchenseld, Frau Dr. Frankl, Frau Justizrat Gerson, Frau Franziska Ginsberg, Hugo Heilmann, Professor Dr. Lazarus, Sanitätsrat Dr. Maretzki, Frau Rosa Meyer, Frau Sanitätsrat < Mühsam, Louis Sachs, Frau Rosa Sachs, Oskar Wassermann, Frau Sanitätsrat Wiesenthal, H. Witkowski. M. Hamburg, 13. November. Im Jahre 1854 gründete unser Mitbürger Herr H. I. Levy Freiwohnungen für seine israelitischen Glaubensgenossen am Großneumarkt. Er kaufte zu diesem Zwecke einige alte Häuser, die zum größten Teil aus der Mitte pes 17. Jahrhunderts stammten. Zur Erhaltung des Stifts, das unter dem Namen „Hertz Joseph Levy-Stift" bekannt ist, kaufte der Gründer auch ein Erbe, das vermietet wird. Die Verwaltung ruhte viele Jahre hauptsächlich in den Händen des vor zwei Jahren verstorbenen Generalkonsuls Eduard Levy, der einen großen Teil seiner Zeit hierfürverwandte. Da die Freiwohnungen aber nicht mehr den Bedürfnissen der Neuzeit entsprachen, das Vermögen der Stiftung jedoch im Laufe her Zeit recht bedeutend geworden war, beschloß die gegenwärtige Administration Ende vorigen Jahres eine vollständige Erneuerung. Diealten Häuser wurden im März dieses Jahres h^runtergerissen, an deren Stelle wurden zwei schöne Neubauten mit je drei Stockwerken errichtet, in denen 19 Familien Unterkunft finden. Eine jede Familie hat eine abgeschlossene Etage für sich, bestehend aus mehreren Zimmern, geräumiger Küche. Speisekammer ustv., teilweise sogar mit Balkon. Zu jeder Wohnung gehört ein abgeschlossenes Bodengelaß; außerdem Benutzung der gemeinsamen Trockenböden, Waschküchen, Badezimmer usw., die in jedem Gebäude enthalten sind. Sämtliche Lokalitäten sind vollständig hell, der zur Verfügung stehende Platz ist vollständig ausgenützt. Der freigebliebene Teil des Hofes ist in eine hübsche Gartenanlage verwandelt, so daß man wohl sagen kann, daß den Bewohnern dieses Stiftes im Innern der Stadt eine bessere und gesündere Freiwohnung nirgends geboten werden dürfte, wodurch das Andenken des Gründers in würdigster Weise gewahrt werden wird. n. Breslau, 14. November. Soeben erscheint der Jahresbericht des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, dessen Mitgliederzahl jetzt auf mehr als 300 gestiegen ist. Leider ist jedoch in dem letzten Berichtsjahr ein kleiner Rückgang zu bemerken gewesen, der um so bedauerlicher ist, als sich viele Gemeindemitglieder den Bestrebungen des Vereins verschließen, trotzdem sich wohl einiges Interesse bei ihnen vermuten läßt. Gleichzeitig entwickelt der Verein sein Winterprogramm. Herr Dr. Hirschberg, Berlin, wird seinen im vorigen Jahre so glänzend ausgenommenen Vortrag „Das alte Testament in der Musik" durch zwei weitere Vorträge ergänzen. Ferner sind als Redner vorgemerkt: Direktor Frauberger, Düsseldorf; Dr. Grunwald, Men, Dr. Heinemann, Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Guttmann sen. und jun., Dr. Brann, Professor Dr. Cohn. In der Generalversammlung am 22. v. M. wurde der alte Vorstand wiedergewählt. Hoffentlich gelingt es dem Verein, sich weiter Beliebtheit in unserer Gemeinde zu erringen, damit seine Mitgliederzahl wieder die alte Höhe erreicht. — Am 24. v. M. fand in der Neuen Synagoge in üblicher Weise die Borbereitung der Einjährig-Freiwilligen auf den Fahneneid statt. Es nahmen im ganzen 42 Mann an der Feier teil. — Am 21. v. M. eröffnete das hiesige jüdische theologische Seminar sein Wintersemester. Folgende Vorlesungen sind angekündigt und werden gelesen: Professor Dr. Lewh Talmud - stalarisch in sechs Stunden und Talmud kursorisch in zwei Stunden, Tur und Schulchan Aruch in zusammen vier Stunden wöchentlich, nur für die erste Abteilung. Dozent Dr. Brann liest Pentateuch- Exegese zwei Stunden; Pentateuch mit Raschi eine Stunde, dasselbe mit Jbn Esra zwei Stunden, Erste Propheten eine Stunde, Jesaias zwei Stunden. Einleitung in die Heilige Schrift (Schluß) zwei Stunden, Geschichte und Literatur zwei Stunden, Schulchan Aruch (Orach chajjim) zwei Stunden wöchentlich; Dozent Dr. Horovitz liest Talmud statarisch sechs Stunden, Talmud kursorisch zwei Stunden, beides nur für die zweite Abteilung, Grammatik und Stilistik zwei Stunden, Religionsphilosophisches System des Maimonides und Lektüre des More nebuchim zwei Stunden, Homiletik und homiletische Uebungen zwei Stunden, Midrasch eine Stunde. Die Vorlesungen dauern von früh 8 Uhr bis mittags 1 Uhr. Die Bibliothek ist wöchentlich zweimal, das Lesezimmer derselben täglich geöffnetn. Breslau, 30. November. Am 22. d. M. verstarb hier der allgemein bekannte frühere Gutsbesitzer und preußische Oberleutnant der Reserve Herr I. Jafse. Derselbe war durch sein liebenswürdiges Wesen, durch seine Bescheidenheit und durch die strenge Pflichterfüllung, mit denen er alle Ehrenposten vollzog, in weiten Kreisen hoch angesehen und beliebt. Geboren in Rawitsch, besuchte er zuerst die damals rühmlichst bekannte israelitische Schule unter dem weit über die Grenzen der Provinz bekannten Pädagogen und ersten jüdischen Rektor Markus Cohn, dessen Lieblingsschüler er war. Hierauf frequentierte er das Progymnasium daselbst und war der erste Abiturient dieser Schule. Sein Sinn galt der Landwirtschaft, und besuchte er die höheren Lehranstalten, um sich fachmännisch auszubilden. Als Offizier machte er die Feldzüge von 1866 und 1870 mit, er verlor in dem französischen Feldzuge seinen jüngeren Bruder, der auch Leutnant war und ruhmreich in der Schlacht von Wörth fiel. Nach dem Feldzuge bewirtschaftete er jahrelang sein eignes Rittergut und zog sich dann rrach Breslau zurück, woselbst er viele Jahre einer großen Fabrik Vorstand. Bor einigen Jahren zog er sich vom geschäftlichen Leben zurück, war Repräsentant der jüdischen Gemeinde und Vorstandsmitglied fast aller derjenigen jüdischen Vereine, die Frömmigkeit und Charitas zur Hauptausgabe stellen- Was er dort Treffliches geleistet, gewirkt und erstrebt hat, lebt im Reiche der Erinnerung. Sein Leichenbegängnis zeigte, daß einer verschieden, dessen Lücke nicht so leicht zu ersetzen sein wird.—Von den Mitteilungen des liberalen Vereins der Synagogengemeinde Breslau ist Nr. 2 erschienen; sie enthält eine Fülle sehr interessanten Materials von allgemeinem Interesse über die umfassende und energische Tätigkeit des Vereins auf allen Gebieten seiner Wirksamkeit. Es ist wahrhaft erfreulich. daß das Interesse am jüdischen Gemeindeleben hier stetig wächst, und das Hauptverdienft an dieser Tatsache kann wohl ohne Zweifel dem „liberalen Verein" und seinen tatkräftigen Leitern zugeschrieben werden. — Bei den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung, die in der letzten Woche stattfanden, haben dieses Mal die Liberalen einen Sieg aus der ganzen Linie zu verzeichnen. Bei den Wahlen der zweiten Klasse gewannen sie drei neue Sitze, bei denen der ersten Klasse wurde die ganze Liste gewählt, während die Kandidaten der vereinigten Parteien vollständig fielen. Dadurch ist in der Stadt« vertretung nunmehr eine durchaus liberale Majorität vorhanden, die um so beachtenswerter ist, als bereits eine antisemitische Richtung sich in den letzten Jahren stark bemerkbar machte. F. Glogait, 24. November. Es wird von allgemeinem Interesse sein, bekannt zu geben, welche Auffassung die Vorstände der preußischen Synagogengemeinden bezüglich desRosinschenEntwurfes haben. Es wird daher nachstehend die Antwort des Vorstandes der Synagogen-