Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-07 · Heft 49 (7.12.1906) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228740--63125-3290328
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

70. Jahrgang. No. 49. 0^ Berlin, 7. Dezember 1906. Beils ge zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums". LorrelponÄrn^rn und -achnchtm. Deutschland. 8. Berlin, 3. Dezember. Ein auf der Tagesordnung der Repräsentantenversammlung befindlicher, aus äußeren Gründen bereits zweimal vertagter Antrag, der aus der Initiative des Justizrats Dr. Hermann Veit Simon hervorgegangen ist, kann ein allgemeineres Interesse für sich in Anspruch nehmen. - Der Antrag wünscht einen Beschluß der Repräsentanten-Versammlung dahin, den Gemeindevorstand zu ersuchen, die Steuerordnung bezüglich der Besteuerung der Mischehen einer Revision zu unterziehen und der Repräsentanten-Versammlung eine geeignete Vorlage zu machen. In der beigegebenen Begründung des Antrags wird auf die Bestimmung hingewiesen, daß auf Grund der Kirchensteuergesetze von 1905 bei Mischehen von der evangelischen beziehungsweise katholischen Kirchengemeinde der evangelische beziehungsweise katholische Ehegatte mit der Hälfte desjenigen Einkommens herangezogen werden soll, die der Ehemann bezahlt. Die jüdische Gemeinde zieht bei Mischehen nur den Ehemann, sofern er Jude ist, heran und diesen mit dem vollen Einkommen, Dies ist ungerecht, denn der jüdische Ehemann aus Mischehen muß außerdem von der Hälfte des Einkommens nochmals Kirchensteuer zahlen. Andererseits erhält die Synagogengemeinde bei Ehen, in denen der Ehemann Christ und die Frau Jüdin ist, überhaupt keine Steuern. In einer solchen Ehe zahlt der Ehemann Kirchensteuer von der Hälfte des. Einkommens und sonst überhaupt keine Steuer für eine Religionsgemeinde. Auch dies muß als ungerecht bezeichnet werden. — Es steht sicher zu erwarten, daß dieser Antrag in der nächsten Sitzung zur Beratung kommen wird; über sein Schicksal werden wir alsdann ausführlich berichten. s. Berlin, 30. November. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt gestern abend Herr Rabb. Dr. F. Rosenthal Breslau einen außerordentlich fesselnden Vortrag über das Thema „Der talmudische Faust". Es handelte sich dabei natürlich um das Leben und Wirken des Elisa ben Abujah, von dem der gelehrte Redner ein ganz anderes Bild gab als das, welches uns aus den Geschichtswerken von Grätz, Weiß und anderen bekannt ist. Sein Vortrag war eine Ehrenrettung Elisas, der kein Apostat, kein Verführer und kein Mörder, sondern nur ein „Anderer" (Acher) war als die meisten derer, die mit ihm und zu seiner Zeit lebten. Der geistreiche und interessante Vortrag fand allgemeines Interesse und Beifall. — Aus auswärtigen Literaturvereinen: In Tilsit sprach Dr. M. Fried länder-Berlin über die Ideen und das Werk der Alliance Isra&ite Universelle; iit Schi velbein Dr. H. Vogel st ein- Stettin über Raschi; in Neustet tin Dr. A. Ko Hut über Humboldt und das Judentum; in Kolmar Dr. Rosenthal-Stargardt über zwei jüdische Staatsmänner in Spanien; in Ho Heu salz a Dr. A. Ko Hut über Schiller und die Bibel; in Murowana-Goslin Dr. Lewin-Wreschen über die Frau im Talmud und Midrasch; in Grünberg i. Schl. Redakteur M. A. Klausner über die Alliance Israälite Universelle; in Kottbus Herr Oskar Stern über Güdemanns Apologetik, .Herr W. Reihersbach über jüdische Lyrik; in Essen Dr. I. Löwenberg-Hamburg „Ernstes und Heiteres aus eigenen Dichtungen"; in Köln Privatdozent Dr. Goldstein-Darmstadt über die Poesie der -Bibel; in Gießen Dr. Sander über seinen Vorgänger, den bekannten Provinzialrabbiner Dr. Levi; in Mannheim Dr. Kohn-Ansbach über Glauben und Wissen in der spanischen Blüteperiode. — Gern sügen wir hier noch die Notiz zu, daß Herr Rabb. Tr. S. Deiches in Sunderland einen mib allgemeinem Beifall aufgenommenen Vortrag über die Juden in Aegypten zur Zeit Esras gehalten hat. — Neue Literaturvereine wurden begründet in Könitz, in Schocken, in Hechtsheim bei Mainz und in Neuß bei Köln. . L. Berlin, 30. November. Gestern feierte der Stadtverordnete Louis Sachs sein 25jähriges Jubiläum als Mitglied des Vorstandes des jüdischen Krankenhauses. Seit dem Jahre 1894 ist Herr Sachs Vorsitzender des Vorstandes. Was er innerhalb dieser Zeit mit großer Tatkraft und nie ermüdender Hingabe geleistet und geschaffen, bedarf des»Rühmens nicht — es ist allgemein bekannt und anerkannt. Es gehört der Geschichte der Berliner Gemeinde an. Zu Ehren des Tages fand im geschmückten Sitzungssaale des jüdischen Krankenhauses eine Feier statt, der die Ehrendamen der Anstalt, der Vorstand, die Aerzteschaft mit den Beamten beiwohnten. Herr Moritz Manheimer begrüßte den Jubilar, und im Aufträge der jüdischen Gemeinde feierte ihn deren Vorsteher Herr I. Jacoby. Frau Dr. Frankl sprach für die Ehrendameu und Prof. James Israel für die Aerzteschaft, worauf Stadtverordneter Sachs sehr bewegt dankte. Erschloß mit einem Rückblick auf die Entwicklung der Anstalt, die 1862 bei ihrer Eröffnung die mooernste in Eerlin war, und die jetzt in einem größeren Gebäude an der Ecke der Schul- und Exerzierstraße untergebracht werden wird. Am Abend vereinigten sich die Aerzte, die Mitglieder der Verwaltung des Krankenhauses und die zahlreichen Freunde des Jubilars zu einem Festessen. Möge es Herrn Sachs noch sehr lange beschieden sein, zum Heile der Armen und Unglücklichen wie bisher zu wirken! 8. Berlin, 2. Dezember. Am 21. v. M. verschied, wie schon kurz gemeldet, infolge Uebersahrens der hier in weiten Kreisen hochangesehene Sanitätsrat Dr. Moritz Pollack im 74. Lebensjahre. Derselbe stammt aus Brieg in Schlesien, er war dezennienlang in Glogau praktischer Arzt und erfreute sich daselbst einer großen Klientel. Dort war er Stadtverordneter, Vorsteher der jüdischen Gemeinde und bekleidete eine Menge Ehrenstellen. Sein Renommee als fürsorglicher Arzt, sein sonstiges umfangreiches Wissen in bezug auf Literatur und Kunst, Geschichte, hervorragende Sprachkenntnisse machten sein Haus zum Mittelpunkt guter Gesellschaft. Schon sein Aeußeres, aristokratisch veranlagt, zeigte beim ersten Begegnen eine volle und ganze Persönlichkeit. In der preußischen Armee war er Stabsarzt und machte die Feldzüge von 1866 und 1870 mit. Ihm schlug ein edles und warmes Herz für die Interessen des Judentums; mit dem verstorbenen geistvollen Rabbiner Dr. Rippner war er sreundschaftlichst verbunden, die Lauterkeit seines Wesens, seine Charakterstärke und die rührende Liebe, welche er dem Glauben seiner Väter entgegenbrachte, beeinflußte, nicht die große Verehrung und Wertschätzung, welche ihm Glogaus Bürgerschaft ohne Unterschied des Glaubens entgegenbrachte. Er erfreute sich auch bei sämtlichen Zivil¬ und Militärbehörden eines ganz besonderen Ansehens. Vor 10 Jahren übersiedelte er nach Berlin, praktizierte nicht mehr, sondern gab sich ganz rein wissenschaftlichen Bestrebungen und fein künstlerischen Interessen mit seltenem Fleiße hin. Er war rühriges Mitglied von solchen Vereinen, und auch hier in der Hauptstadt war es ihm großes Bedürfnis, zu allen Zeiten für die Interessen und die Rechte seiner Glaubensgenossen mit Wärme und Hingebung einzutreten. Am Sonntag, den 25. v. M., war die feierliche Bestattung. Die große Zahl all derer, die die faszinierende Persönlichkeit des Heimgegangenen im Herzen ständig tragen werden und nun ihm die letzte Ehre erwiesen, bekundeten, welch ein Mann zur Ewigkeit ging! Rabbiner Dr. Weisse, der den Verklärten kannte und oft ihn im Gotteshause sah, gab in einer formvollendeten Rede, die auf die Verdienste des Verblichenen hinwies, sein Leben, sein Wirken, seine Liebe zur vortrefflichen Gattin, Kindern und Enkelkindern ganz besonders erwähnte, ein von Herzen kommendes und zu Herzen gehendes Lebensbild. Chorgesang schloß die Feierlichkeit. 8. Berlin, 14. November. Das in Lehnitz in herrlicher Lage im Walde und am freundlichen Lehnitz-See gelegene jüdische Genesungsheim gibt alljährlich über 400 durch überstandene Krankheit oder schwere Arbeit entkräfteten weiblichen Personen ihre Arbeitsfähigkeit wieder, es schützt ebenso Hunderte schlecht ernährter, blutarmer Mädchen vor Erkrankung, es bildet somit einen Schutz vor der unsere ärmsten Bevölkerungsklassen dezimierenden Schwind-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.