Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- Seite 588 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- 588 -- fürchten, die für seinen Sohn und seine eigenen, solange gehegten Pläne so verhängnisvoll hätte werden können. Fernando fühlte sich trotz seines Mutes den kalten Worten des Herrn von Tueno gegenüber, die unbeugsam waren wie das Gesetz, auf das sie sich stützten, vollständig ohnmächtig. Noch mehr mutzte es ihn aufbringen, daß diese Worte mit dem Phlegma und in dem belehrenden Ton, der den: Vormunde Juanitas eigen war, vorgetragen wurden. Der junge Mann hatte also das Haus Diegos, in Wahrheit sein Vaterhaus, verlassen, das Haus, in welchem ihm so lange das Glück gelächelt hatte. Jetzt waren alle seine Lieben daraus verschwunden, und er hatte nicht einmal mehr das Recht, es zu betreten. Von dort begab er sich in das Ursulinerinnen-Kloster und verlangte Juanita zu sprechen; aber sein Versuch hatte nicht den mindesten Erfolg; dafür hatte die Superiorin längst gesorgt. Als er iiu Gefängnis war, seufzte er oft bei dem Gedanken an Juanitas Unglück, weil er außerstande war, ihr zu Hilfe zu eilen; jetzt war er frei, und doch wußte er kein Mittel, die Geliebte zu retten. Fernando kehrte demnach in die Stadt zurück, er ging in traurige Betrachtungen versunken umher rind überlegte, welche Maßregeln nun zu ergreifen seien. Als er um die Ecke bog, zupfte ihn ein Vorübergehender unmerklich am Gewände. Fernando erhob das Haupt. Der Mann, der ihn berührt hatte, trug das Kleid der Dominikaner. Er wandte sich unr. Fernando erkannte Enriquez. Sie blickten sich einen Moment schweigend an, dann setzte jeder seinen Weg fort. * * * Am Abend trafen sich der Mönch und Fernando an dem bekannten Versammlungsort in den Ruinen. Da erst erfuhr Fernando die reine Wahrheit. Enriquez setzte ihm auseinander, daß der Graf allein die Hand, die den unglücklichen Diego uiedergestoßen hatte, bewaffnet haben konnte, und daß die Ernennung des Herrn von Tueno zum Vormund der armen Juanita gleichbedeutend sei mit ihrer Auslieferung an den Grafen von Ramira. Bei diesen Enthüllungen traten Fernando wieder die einzelnen Szenen jener denkwürdigen Nacht vor die Seele, in welcher er bei seiner Rückkehr aus der letzten feierlichen Versammlung die zweideutigen Worte Alonzos vernommen hatte- Diese Worte, die er für die Einleitung zu einer Denunziation beim heiligen Offizium gehalten hatte, waren nichts anderes als der Abschluß eines, verbrecherischen Handels, über den im Dunkel der Nacht an diesenr verrufenen Orte beratschlagt worden war. Wenn beiden Männern nach ihrer Unterredung noch ein Zweifel hätte bleiben können, so hätte ihn dieser letzte Umstand zerstreuen müssen. Fernando bebte vor Wut, als er dieses mit kalter Ueberlegung und feiger Hinterlist vollbrachte Verbrechen durchschaute. Er schwor, Diego zu rächen, Juanita aus den Händen der Meuchelmörder ihres Vaters zu retten und sogar nötigenfalls den Grafen, seinen Sohn und alle, die in das infame Komplott verwickelt waren, ohne Erbarmen zu töten; aber Enriquez besänftigte die glühende Leidenschaft des jungen Mannes. „Nur kaltblütig, mein Sohn," sagte er, „nur keine Ueberstürzung! Vorsicht, Verschwiegenheit ' und Verstellung sind unsere besten Waffen. Hast Du das so schnell vergessen?" „O nein,' mein Vater, aber ich muß Räche nehmen, ich muß Diego rächen, ich muß Juanita retten!" „Ueber die Rache sei ruhig, mein Sohn, die werden andere besorgen, und was Juanita angeht, ihre Rettung wird aus demselben Verrat, dem sie zum Opfer fiel, hervorgehen." Fernando war daran gewöhnt, beit Worten des Mönches ehrerbietigen Glauben zu schenken. Seine Wut legte sich; aber Enriquez' Worte waren sehr geheimnisvoll, und er bat ihn um Aufklärung. Enriquez erzählte nun dem jungen Manne, was er über die Pläne des heiligen Offiziums in bezug auf Juanitas Vermögen hatte erfahren können, seinen Haß gegen den Grafen von Ramira und die wahrscheinliche Absicht der Inquisitoren, ihn mit Juanita zusammen zu verderben. Der Prozeß des Antonio Perez beschäftigte sie für den Augenblick ganz und gar; trotz des häufig ausgesprochenen Wunsches des Königs, den Angeklagten aus der Manifestation in das Gefängnis der Inquisition bringen zu lassen, hatte man bisher eine solche offenbare Verletzung der Verfassung von Aragonien, aus Furcht vor dem Ausbruch einer Revolution, noch nicht gewagt; aber Philipp II. wollte seinen früheren Günstling um jeden Preis vernichten, und war durchaus nicht gesonnen, auch nur einen Schritt zurückzuweichen, und die Inquisition — wich niemals zurück. Nun war aber der Graf von Ramira einer der einflußreichsten und gefährlichsten Gegner, und es war mit Leichtigkeit vorauszusehen, daß die Inquisitoren vor Ausführung der königlichen Befehle kein Mittel unversucht lassen würden, ura sich eines so furchtbaren Feindes, wie deS Grafen, zu entledigen. Die Katastrophe konnte also nicht lange auf sich warten lassen. „Hierin liegt die wirkliche Gefahr für Juanita," setzte der Mönch hinzu, „hierin liegt auch Deine eigene Gefahr. Denn wenn man sie des Judaisierens beschuldigt, wird die Anklage gleichzeitig auch Dich treffen. Juanita werde ich retten. Dazu habe ich schon alles vorbereitet. Aber wer wird Dich den Klauen des unbarmherzigen Tribunals Entreißen, wenn Du einmal in seine Hände gefallen sein wirst? Deshalb mußt Du fort, mein Sohn, und zwar so schnell wie möglich." „Abreisen," antwortete Fernando, „ich soll abreisen, wenn Juanita in der Gewalt ihrer Feinde ist, wenn sie sie vielleicht morgen schon zwingen, ihre Hand einem andern zu reichen, sie, die vor Gott mir allein angehört!-? Nein, das ist unmöglich! Ich kann sie nicht verlassen, ich muß sie retten, ich muß diese Elenden hindern, ihre verbrecherischen Pläne auszuführen. Ein doppeltes Unheil bedroht das arme Kind! Kann ich wiffen, welches sie zuerst treffen wird? Aber eines kann ich. Gottlob, verhüten. Wenn sie den verruchten Alonzo heiraten muß, so ist dazu eine öffentliche Zeremonie erforderlich. Ich werde dabei sein, und meine Hand ist fest!" „Aber Du stürzest Dich damit selbst ins Verderben, Unglücklicher!" „Das Leben hat keinen Reiz für mich, wenn ich meine Juanita nicht habe; ich lebe ja doch nur für sie. Bin ich nicht ihr Gatte, ihr Beschützer? Habe ich nicht vor dem einzigen, unsichtbaren Gott, in dessen Namen Du unfern Bund gesegnet hast, geschworen, mich ganz und gar ihrem Glücke zu weihen, und jetzt soll ich sie ruhig ihrem Schmerz überlassen, um an meine eigene Rettung zu denken?" Der Mönch sann einen Augenblick nach. '_(Forschung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.