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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-07 · Heft 49 (7.12.1906) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
Seite 587 (sequence 11)
Language
German
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587 der sich einige Tage vor der Hochzeit das ganze Hochzeitsmenü aufzählen läßt und an jedem Gericht Kritik übt, in Gegenwart der Braut sich nach der Höhe der Mtgift erkundigt, in Gesprächen und einem Toast die unzartesten Anspielungen macht und durch seine Jakobyschen Eigentümlichkeiten den Gebertschen Familienstolz aufs tiefste verletzt. Der Triumpf dieser realistischen Schilderung liegt aber darin, daß nicht etwa Gute und Böse miteinander kontrastiert werden, sondern daß bei allen den abstoßenden Persönlichkeiten doch eine starke Portion von Gutmütigkeit und Wohlanständigkeit herrscht und daß auch die guten, vom Verfasser mit ab- . sichtlichem Wohlwollen Gezeichneten absolut keine Jdealgestalten sind. Vielmehr haben sie alle ihre Mängel, ja ihre Kapitalfehler. Der gute Jason ist schließlich doch weiter nichts als ein Tagedieb. Der durch und durch brave Salomon kann sich nicht über den Horizont seines Kontors erheben; der wackere Eli hat trotz aller seiner trefflichen Eigenschaften etwas Trottelhaftes an sich, worauf er ja bei seinen achtzig Jahren einiges Anrecht besitzt. Selbst der tüchtige Doktor Kößling ist nichts weniger als eine Jdealgestalt; im Grunde hat er doch manches von einem Genießling an sich und recht viel von einem gewöhnlichen Zeitungsschreiber; sollte er auch nur die mindeste Anlage zu einem Heros haben, so dürfte er sich etwas mehr bemühen und wenigstens einen Schritt tun, um die Geliebte zir erringen. Ja, auch Jettchen Gebert, so sympathisch sie ist. hat doch gar manches von einer Kokette an sich, die zwar gefühlvoll von der kleinsten Hütte deklamieren kann, die Raum für ein glückliches Paar besitze, die aber für Toilette in einer Saison mehr verbraucht, als der begabte Schriftsteller in ein paar Jahren zu verdienen vermag. Alle diese Bemerkungen sollen nicht etwa Vorwürfe gegen den Autor sein, sondern im Gegenteil Beweise für seine große Kunst. Er wollte keine Jdealgestalten zeichnen und konnte in oiesem Zusammenhang keine brauchen; er wollte eben die Menschen darstellen, wie sie in jener Zeit und auch in gar mancher anderen waren: Durchschnittsmenschen mit nicht allzuviel Geist, beschränktem Gefühlsvermögen, starkem Familiensinn, einem gewisser/ Fonds von Gutmütigkeit, aber keiner Spur von Idealismus oder auch nur von Erhebung über das Gewöhnliche. Der Roman ist jedoch nicht nur eine Schilderung der Mitglieder der beiden feindlichen und doch so eng verbundenen Familien. Er ist vielmehr ein so echtes Stimmungsbild einer vergangenen Zeit, ihrer Gebräuche, ihrer Sitten, zum Teil auch ihrer Sprechweise, daß er als ein treffliches Muster des echten historischen Romans gelten kann. Und dann, mit welcher Poesie weiß der Verfasser zu schildern! Die beiden Liebesszenen zwischen Dr. Kößling und Jettchen, die eine von keuschester Anmut, die andere von wildester Sinnlichkeit erfüllt, sind hinreißend; die Darstellung des Frühlings im parkähnlichen Charlottenburger Garten ist von berauschender Pracht. Ich kenne wenige Beispiele landschaftlicher Schilderungen^ inniger Vertrautheit mit der Natur, wie diese wunderbaren Seiten, die eines großen romantischen Dichters vollkommen würdig sind. Wenn aber in einem jüdischen Blatt von einem deutschen, die Juden behandelnden Roman gesprochen wird, so muß die Frage aufgeworfen und beantwortet werden, wie stellt sich der Verfasser in dieser Dichtung zum Judentum? Da die Heldin, eine Jüdin, einen Christen liebt, so liegt die Frage der Taufe nahe. Sie wird wirklich auch einmal im Familienkreise besprochen. Während die Brüder Ferdinand und Salomon eine Abwendung vom väterlichen Glauben aus Pietät nicht billigen, sprechen Eli und Jason vom Glaubensunterschied als einer Lächerlichkeit, die für das alte Jahrhundert gut gewesen sei, um die man sich aber im neuen nicht kümmern sollte. In einer der wichtigsten Stellen des Romans, in einer Unterredung zwischen Jason Gebert und Doktor Kößling, nachdem jener erfahren hat, wie es zwischen dem jungen Mann und seiner Nichte steht, hat Jason folgendes zu sagen: „Sie meinen, daß wir doch tolerant genug wären, um diese äußerliche Zufälligkeit zu übersehen. Vielleicht! Aber Sie vergessen dabei einen gewissen Stolz, den unsere Familie hat, daß wir eben als Juden hier angesehen und geachtet werden. Wenn mein Vater sich und uns hätte taufen lassen wollen, wie ihm öfter als einmal nahe gelegt worden ist, wir hießen vielleicht heute von Gebert und wären Offiziere und Räte bei der Regierung. Und daß wir das nicht getan haben und zu Kreuze gekrochen sind und in keiner Weise unsere Gesinnung verkauft haben — nicht so und nicht so — das ist unser Stolz, und wir wollen auch für die Zukunft nicht gern, daß es in unserer Familie aufgegeben wird." Es interessiert uns wenig, ob dieser Ausspruch die Gesinnung des Autors ist. Sicher aber wird sie nicht ohne Absicht derjenigen Person in den Mund gelegt, die nicht nur die sympathischste des ganzen Romans, sondern gewiß auch die klügste ist. Durch einen solchen Satz wird aber das Buch, das durch zahllose köstliche Einzelheiten, durch prächtigen, feinen Humor, durch außerordentlich scharfe Beobachtung des Gegenwärtigen und eine fast divinatorische Kunst, die Vergangenheit zu ergründen, ein außerordentliches ästhetisches Wohlbehagen erregt, auch zu einem der wenigen jüdischen Romane der Gegenwart, bei denen man mit Genugtuung verweilt. pus trüber Leit. Eine historische Erzählung. XV. Fernando war nach seiner Freisprechung aus dem Gefäugiüsse entlassen worden, in welchem er von den grausarnen Schicksalsschlägen,die die Seinen getroffen yatten.Kunde erhalten hatte; trotzdem kannte er nur ungenau den Stand der Dinge, denn durch die widersprechenden Berichte und die gewöhnlichen Uebertreibungen der Erzähler waren die Tatsachen ungemein entstellt worden. Sein erster Gang nach der Entlassung aus der Manifestation hatte natürlich Diegos Haus zum Ziele; er traf daselbst ganz fremde Gestalten. Selbst Jago und Josefa waren entfernt worden. Herr von Tueno teilte dem jungen Manne kurz und bündig mit, daß kein Rechtstitel existiere, kraft dessen er einen Anspruch an Diegos Hinterlassenschaft erheben könne, daß er sich j höchstensdie ihm persönlich gehörenden Gegenstände aneignen dürfe. „Nichtsdestoweniger," setzte er hinzu, „hat man es für billig gesunden. Euch eine gewisse Summe zum Entgelt für die geleisteten Dienste zu bewilligen, und wenn Ihr wollt, könnt Ihr dieselbe sofort beim Notar erheben." Dieses Verfahren war dem Vormund vom Grafen von Ramira vorgeschrieben worden; dadurch sollte der Gerechtigkeit und Billigkeit zugleich Rechnung getragen werden. Der Graf fürchtete auch, wenn er Fernando aller Mittel beraubte, den jungen Mann zu erbittern, und er hatte Ursache genug, bei nächster Gelegenheit wieder seine kühne und sichere Hand zn

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