Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- Seite 586 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 586 - kann, ohne bemerkt und aufgehalten zu werden, auch nicht darauf, ob sie ohne Schwierigkeit gleich ihren Mantel findet, in den sie sich hüllen kann, sondern darauf, ob diese Handlungsweise nach der ganzen vorausgehenden Schilderung denkbar ist. Denn es fragt sich schließlich, was nach höheren Gesetzen unmoralischer ist: die innerste Neigung mit Füßen zu treten und einem ungeliebten, ja geradezu verachteten Mann die Hand zu reichen oder der wahren, das ganze Herz erfüllenden Leidenschaft zu einem wackeren, ehrenhaften Mann zu folgen, der das einzige Unglück hat, keine Stellung und kein Vermögen zu besitzen. Sollte man den Ausgang, wie er auf. der letzten Seite des Romans berichtet wird, für wahrscheinlich oder auch nur für möglich halten, so müßte er irgendwie vorbereitet werden. Dieses Mädchen, das während des vielwöchentlichen Fernbleibens des Geliebten sich zwar das Hirn zermartert und vor Tränen vergeht, aber nicht den Mut findet, ihm, zu schreiben, das während seiner Verlobung keinen Schritt tut, um den unvergessenen Geliebten zu sehen, das sollte Plötzlich die Kühnheit besitzen, im Brautkleid nach genossenem Hochzeitsmahl aus der Gesellschaft zu fliehen und zu dem Geliebten zu eilen? Wobei man die skeptische Bemerkung nicht unterdrücken kann: Und wenn Herr Kößling nun nicht zu Hause ist? Oder nicht allein? Was dann? Nach Andeutung dieses entscheidenden Besuches (denn eine wirkliche Schilderung gibt der Autor nicht, bezeichnet auch das Ziel des Spazierganges nicht so genau, daß man nicht Zweifel an der oben angedeuteten Lösung hegen kann) lautet der eigentliche Schluß: „Hiermit, Leser und Freund, schließt die Geschichte der^Jettchen Gebert und es beginnt die kurze frohe und traurige Geschichte der Henriette Jakoby, in der sie alle, auch alle wieder, ihre Hand im Spiele haben." Auch zu diesen Zeilen möchte man ein Fragezeichen setzen. Zunächst muß darauf hingewiesen werden, daß die angedentete Geschichte des nächsten Romans nur ein Jahr hindurch spielen kann, die Hochzeit hat nämlich im Oktober 1839 stattgefunden, nach einer im Vorwort mitgeteilten (angeblichen) Grabschrift ist aber Jettchen Gebert bereits am 3. Oktober 1840 gestorben. Ist Joel Jakobh, der Namensgatte, wirklich ein solcher Lump, daß er seine Gattin nach diesem verhängnisvollen Ausflug wieder zurücknimmt, so kann es unmöglich eine freudige Geschichte geben; man könnte, sich höchstens einen Märtyrerroman denken, in welchem die Verwandten (und das würden die letzten Worte bedeuten: „in der sie alle wieder ihre Hand im Spiel haben") das arme Opfer allmählich verbluten lassen. Wollte man eine fernere Kritik üben, so könnte man den Verfasser auf manches Unhistorische Hinweisen. So vortrefflich er auch das Zeitkolorit im allgemeinen bewahrt hat: die alten Berliner Gassen und Gewohnheiten, Baulichkeiten, Märkte, Spazierfahrten mit dein Torwagen nach Charlottenburg usw., soviel Mühe er sich auch mit der Wahrung der Echtheit in künstlerischem, literarischem Sinn gegeben hat, so könnte man doch manches Einzelne aufzählen, das als historischer Schnitzer erscheint. Auch in Sitten und Gewohnheiten ist es nicht immer gelungen, das Kostüm festzuhalten. So war es ganz gewiß 1839 nicht üblich, nach dem Abendbrot Bier herumzureichen, wie es Seite 87 getan wird. Und was Jüdisches anbelangt, so ist wohl gegen Seite 304 darauf hinzuweisen, daß 1839 der jüdische Friedhof auf der Hamburgerstraße nicht mehr benutzt wurde, sondern der auf der Schönhauser Allee, daß ferner 1839 kaum eine wohlgesetzte deutsche Traurede gehalten werden konnte, weil es in Berlin keinen jüdischen Prediger gab, der so etwas zu leisten imstande war. Abgesehen von den letzterwähnten Einzelheiten und den obigen Bemerkungen, die wie gesagt nur die allerletzte Seite, also eine von 474 Seiten, betreffen, enthalte ich mich gern jeder Kritik. Ich stehe nicht an, den ganzen Roman für/eine wundervolle, künstlerisch vollendete Darstellung des kleinbürgerlichen und jüdischen Berliner Lebens der dreißiger Jahre zu erklären. Des kleinbürgerlichen Lebens. Denn es handelt sich nicht um Gelehrte, Künstler, Rechtsanwälte, Aerzte, sondern um Kaufleute, die höchst anständig und auch mit einer gewissen Durchschnittsbildung versehen sind, aber im Grunde nur ein Lebensprinzip besitzen: Geld verdienen, und auch nur eines schützen: das Vermögen. Jede einzelne Person ist mit köstlichem Humor geschildert: die Pflegemutter, die Tante Riekchen in ewiger Bewegung, ohne Sinn für Natur und häusliche Ruhe, stets aus der Suche nach Neuem, in immerwährender Hast strebend nach Vergnügungen und Geschwätz, dabei in unaufhörlicher Angst vor Krankheit und trotz dieses weit ausgebildeten Egoismus seelengut und stets bereit, ihre Familie an Festtagen zu füttern und reichlich zu beschenken. Ihre Schwester Hannchen und deren Gatte Ferdinand, Salomons Bruder, vom Schicksal nicht übermäßig günstig behandelt, in beständiger Uneinigkeit, höchstens darin einig, die Verwandten zu brandschatzen und ihre Kinder zu prügeln. Da ist ferner der alte Onkel Eli, schwerhörig und schwer beweglich, wenn er gerade Lust dazu hat, sonst trotz seiner achtzig Jahre munter und schlau genug, dabei doch eifersüchtig auf seine dürre Gattin Minchen. Auch diese ist köstlich gezeichnet: die kleine dürftige Person, deren einzige Unterhaltung Mann, Dienstmädchen und Krankenbehandlung ist, obgleich sie in allen diesen drei Dingen kein großes Glück in ihrem Leben zu verzeichnen hat. Diesem Patriarchenpaar der Familie steht dann als der jüngste Gebert — sie alle mit einer großen Portion Familienstolz ausgestattet, als wenn sie von: ältesten und reinsten Adel stammten — Jason Gebert, gegenüber. Ein vermögender Junggeselle, der sich stutzerhaft kleidet, jeder Schürze nachläuft, dabei ein Sammler von Geschmack und Verständnis, ein gebildeter Mann von freiheitlicher Gesinnung und ernsten: Streben, der die Schwächen seiner Verwandten erkennt und durchhechelt und doch aus der Familienatmosphäre nicht herauskann. Die Familiendiners, Unterhaltungen, Kartenpartien, in denen diese Mitglieder der Gebertschen und Jakobyschen Familie vorgeführt werden, sind mit einer so außerordentlichen Wahrheitstreue geschildert, daß man sie als wirkliche Muster- und Meisterstücke echter Kleinkunst ansprechen muß. Sind nun diese Geberts und Jakobhs bei aller Spottlust doch mit gutmütiger Ironie geschildert, so herrscht grausamster Spaß bei der Vorführung der Jakobyschen Nebenlinie. Schon die beiden Frauen Riekchen und Hannchen Gebert haben einige Streiche zu spüren, am schlimmsten kommen zwei echte Vertreter der Jakobyschen Familie fort. Zunächst der Bräutigam Joel, der sich natürlich Julius nennt, der kleine, dicke Mann init seinen fetten Fingern, seiner Bildungssucht, die sich freilich auf Claurens Taschenbücher beschränkt, und seiner Ritterlichkeit, die doch nicht unterläßt, bei jedem Geschenk darauf hinzuweisen, wie teuer es gewesen sei; der kleine Kaufmann, mit dessen Moral und Geschäftstüchtigkeit es trotz der glänzendsten Zeugnisse und Führungsatteste doch etwas bedenklich steht; der Provinzler aus Benschen, der nach einigen Jahren seines Aufenthaltes in Berlin sich gar nicht mehr daran erinnert, aus Posen, geschweige denn aus Benschen zu stammen, sondern sich einredet, „voll und ganz" Berliner zu sein und doch alle Unmanieren seiner Provinzabstammung nur durch die protzigen Aenßerlichkeiten des Berlinertums übertüncht. Die Krone des ganzen Stammes aber ist der alteProvinzvnkel Naphtali Jakoby, der kein richtiges Wort Deutsch spricht.