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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-07 · Heft 49 (7.12.1906) · p. Seite 585

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
Seite 585 (sequence 9)
Language
German
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585 schmückten die Andachtsstätten; es waren einfache Räume mit Bänken gen Osten gerichtet. Nur die Ostwand ward geschmückt, da wo die Lade mit den Gesetzesrollen sich befand. In der großen portugiesischen Synagoge zu Amsterdam an der Jodenbreestraat ist die Lade in Prachtvoller Holzschnitzerei ausgeführt, meistens aber wird sie von einem Vorhang verdeckt, der in Goldstickerei einige symbolische Darstellungen zeigt. Die Thorarolle selbst besteht aus einer geschriebenen Rolle, die von einem gestickten Mäntelchen umgeben, von silbernen Schellen bekrönt und einem Brustschild und einem Zeiger zur Verfolgung des Textes für den Vorleser behängen ist. Zur Ausschmückung der Rolle wurde der größte Fleiß, und das kostbarste Material zu ihrer Herstellung verwandt. Einen eigenartigen Thoramantel weist die Ausstellung auf; er ist aus Metall gearbeitet in Form eines Brustpanzers, der mittels Scharniere aufgeklappt wird. Die Außenseite ist fein ziseliert mit Blumengewinden und stilisierten Ornamentfiguren; er stammt aus Bokhara und ist sicherlich ein sehr altes Stück. Gewöhnlich wurde aber dieser Mantel, wie bereits erwähnt, aus besticktem Stofi hergestellt, einer Kunst, die in Vorderasien im Altertum zur höchsten Blüte gelangte, und die die Juden sicherlich von den Arabern und Byzantinern erlernten. Sie ist alsdann von den auswandernden Juden in die anderen Länder überbracht worden und hat sich als Thoraschmuck zur Tradition fortgepflanzt. Die schönsten Thoramäntel weist die portugiesische Synagoge in London auf, die in wertvollen Brokatstoffen hergestellt sind. Eine zweite Kunst ist zur Herstellung der Schellen übernommen worden. Die Bekrönung der Thora bilden meistens zwei kleine Schellenbäume in Form eines Turmes, der mit kleinen Glöckchen behängen und mit einer Krone oben abgeschlossen ist. Diese sind meistens irr Silberfiligran gearbeitet, und die schönsten Exemplare stammen aus Holland. Das Brustschild besteht aus einer Silberplatte, in der hebräische Inschriften eingraviert sind. Das South-Kensington- Museum entsandte zur Ausstellung ein prachtvolles Stück, das mit gewundenen Korallensäulchen eingefaßt ist. Die 6reat Synagogue in London zeigt einige besonders wertvolle Zeiger (Jad). Sie sind in Form einer zeigenden Hand gearbeitet und in den wertvollsten Materialien ausgeführt. Eirr altholländisches Exemplar in gediegenem Gold endet in einer Hand aus Brillanten, ein altdeutsches ist mit Rubinen besetzt und ein anderes aus einein lange:, Korallenzweig geschnitten. Das Hauptgewicht in unserer Religion wird auch auf den Gottesdienst im Hause gelegt. Beim Eintritt durch das Tor gemahnt uns die Mesusoth an die Gesetze, und von den Gebetriemen zum Morgengebet ziehen sich die Zeremonialgeräte durch das ganze Jahr. Zum Empfange des Sabbat der Kidduschbecher, zu seinem Beschluß das Abdahlalicht und die Psominibüchse, am Chanukah das Oellicht, zu Purim die Megillah und zu Pessach die Sederschüssel. Diese heiligen Geräte bildeten den Hauptschmuck des Hauses und vererbten sich durch die Generationen. Auch heute noch finden sich in vielen Familien schöne Exemplare dieser Art, die durch manches Land und manches Jahrhundert gewandert sind und deren Ursprung sich nicht mehr feststeüen läßt. Natürlich weist die Ausstellung von allen diesen seltene Stücke auf, so besonders eine Psommbüchse aus Aleppo, eine Sabbatlampe aus Malta und verschiedene Chanukahleuchter, von denen einer acht goldene Löwen zeigt. Die Betrachtung der Megillahs führt uns zu der letzten Abteilung, den Manuskripten. Nur mit wenigen Worten inöchtc ich diese Saunnlung erwähnen, da es mir an Kenntnis zu ihrer richtigen Beurteilung gebricht. Die Holzschneidekunst ist in früheren Jahrhunderten viel von Juden ausgeübt worden. Zur Erläuterung und Verzierung der Schriften wurde sie oft angewandt und auch die Miniaturmalerei für Initialen und Randausschmückungen in den Text gesetzt. Ein geschriebener Pentateuch von Abraham Farrisol, einem Freunde Kolumbus, möge hier als einziger Beweis genannt werden. Die Mannigfaltigkeit der Ausstellung gestattet nicht zu näheren, Eingehen in dem Rahmen dieses Artikels. Meine Zeilen sollen auch nur Hinweisen auf diese einzigartige Veranstaltung, die sicherlich in allen jüdischen Kreisen das regste Interesse Hervorrufen wird. Leider bleiben diese Schätze nur wenige Wochen vereint, dann wandern sie zurück in die Archive und.Privathäuser, um nur wenigen zugänglich zu sein. Es wäre zu wünschen, daß das hiesige Beispiel bald in anderen Ländern Nachahmung findet. In Deutschland werden sich sicherlich genügend Schätze finden, um eine jüdische Ausstellung zustande zu bringen. Ein solches Unternehmen trägt zur Kenntnis und Liebe unserer Religion bei, wirkt fördernd auf die Kunstbestrebungen unserer Brüder und regt, zu mannigfachen Studien an. Jettchen Gebert." Von Prof. Ludwig Geiger. er in der Ueberschrift genannte Roman verdient eine besondere Besprechung, nicht weil er von einem jüdischen Schriftsteller herrührt, sondern weil er durchaus ein jüdischer Roman ist. Nicht etwa im modernen Sinne. Von jüdischem Stammesbewußtsein, jüdischem Volk, der Sehnsucht nach einem jüdischen Staat — von allen diesen Dingen, die in der modernen jüdisch-belletristischen Literatur eine so große Rolle spielen, ist schon aus den, einfachen Grunde keine Rede, weil der Roman nicht in der Gegenwart spielt, sondern im Jahre 1839 und weil es keinen Romanhelden, sondern nur eine Heldin gibt, die von solchen hochfliegenden Plänen nicht das geringste besitzt. Die Geschichte dieser Heldin läßt sich trotz der 474 Seiten des Romans in wenig Zeilen zusainmenfassen. Jettchen Gebert, eine Waise, ein schönes, feingebildetes Mädchen, die bei ihrem Onkel Salomon Gebert erzogen ist, liebt einen jungen christlichen Schriftsteller, Dr. Kößling, wird von ihm leidenschaftlich wiedergeliebt, entschließt sich aber, einen entfernten Verwandten zu heiraten. Das ist die Geschichte des Romans, oder richtiger der 473 Seiten, bis auf die allerletzte. Denn auf dieser wird das Merkwürdige erzählt: Jettchen Gebert oder Henriette Jakoby, wie sie nach den, Eheschluß heißen müßte, eilt im Hochzeitsstaate zu ihren, Geliebten. Der Kritiker, der noch nicht ein so kaltblütiger Beurteiler geworden ist, daß er sich abgewöhnt hat, mit Spannung und innerem lebendigem Interesse einen Roman zu lesen, ist immer in übler Lage, wenn er an einem Hauptpunkte nüchterne Kritik üben soll; hier aber muß er es tun und n,uß einfach erklären: das tut Jettchen Gebert nicht. Nicht darauf komrnt es an, ob es möglich ist, daß sich die Braut aus dem Hochzeitssaale, ja aus dem Hochzeitshanse, die- Treppe hinunterschleichen y Jettchen Gebert, Roman von Georg Hermann. Berlin, Ego» Fleischel & Co. 1906.

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