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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-07 · Heft 49 (7.12.1906) · p. Seite 584

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
Seite 584 (sequence 8)
Language
German
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- 584 -— in der treuen Befolgung des Gesetzes das schwere Leben fristet. In die Synagoge führt uns das erste Bild Rothensteins, wo eine Gruppe in das Tallis gehüllter Männer bei einem Trauergottesdienst schluchzen und andächtig beten. Das Sonnenlicht spielt um ihre traurigen Mienen, das ste in tiefer Versunkenheit nicht beachten. In der „Talmudschul'" sitzen drei Greise in dunkler Nacht über ihren Folianten, die durch zwei Kerzen spärlich erleuchtet werden. Ihre faltenreichen, hohen Stirnen senden die Strahlen der flackernden Lichter zurück auf die vergilbten Seiten der dicken Bücher. Wolmark hat mit einem ähnlichen Bilde vor zirka fünf Jahren auf der Royal Akademie seinen ersten großen Erfolg gefeiert, ist aber auch als Porträtist erwähnenswert. Jsaac Snowmans „schwierige Talmudstelle" erinnert sofort an Israels „Thoraschreiber". Ein Greis hat sich, um die Stelle entziffern zu können, tief über dey Folianten gebeugt und hat die Kerze in die Hand genommen. Ein farbenprächtiges Gemälde ist seine bekannte „Klagemaner", die durch viele Reproduktionen sattsam bekannt sein dürste. Wie wir sahen, hat England eine ganze Reihe tüchtiger Künstler hervorgebracht, doch ist die Zahl eine bedeutend größere. Ich erwähne hier nur die charakteristischsten jüdischen Künstler, da sonst dieser Bericht die Form eines Buches annehmen würde. Von England gehen wir hinüber nach Holland, wo der Nestor unserer Kunst, Josef Israels, noch heute im hohen Greisenalter lebt. Die Werke dieses Künstlers von Weltruf sind so bekannt, daß ich wohl nur zu erwähnen habe, daß er in der Whitechapel - Galerie mit zirka ein Dutzend Werken glänzend vertreten ist. Sein Sohn Jsaac Israels, etwa 40 jährig/ist ein tüchtiger Pleinairmaler, der aber, da er keine jüdischen Sujets ausgestellt hat, hier weniger in Betracht kommt. Der Hauptvertreter jüdischer Künstler in Frankreich ist Camille Pissaro (1830—1903), dessen landschaftliche Bilder in der Art Manets sich in fast allen größeren Galerien befinden. Er ist das Haupt der Schule von Barbijou und auch auf der hiesigen Ausstellung mit mancher schätzenswerten Landschaft vertreten. Ein heute erst 38jähriger Maler, Leopold Pilichowski, hatte bereits vor 15 Jahren ein Bild im Salon ausgestellt. Seine jüdischen Auswanderer schildern in krassen Zügen die Leiden der armen Heimatlosen. Ein Bild der Ausstellung ist stets von vielen Besuchern umlagert, die alle von der augenblicklich so sensationellen Darstellung gefangen gehalten werden: Moses Maimons „Heimkehr vom Kriege" stellt einen jungen Krieger dar, der mit abgeschossenem Beine heimkehrt und in dem geplünderten und demolierten Zimmer sein junges Weib mit ihrem Kinde tot am Boden liegend findet. Der alte Vater, vom Grame irrsinnig geworden, kauert auf einem Stuhl, hat ein Buch in der Hand und starrt ins Weite. Eine zweite Komposition desselben Künstlers: „Wohin?" ist eine ergreifende Allegorie des ewigen Juden. Unsere deutschen Künstler sind leider meistens gar nicht vertreten. Von Hermann Struck, Berlin, sah ich nur eine einzige Radierung eines Greisenkvpfes; ich wäre gern diesem verdienstvollen Radierer mit noch einigen Porträts und einigen seiner Palästinalandschaften hier begegnet. Gar nicht vorhanden sind u. a. Moritz Oppenheim, Leopold Horowitz, Henry Mosler, Benjamin Ulmann usw. ll. ■ Wenn die jüdische Malergeneration auch nur jung ist, so haben die erwähnten Namen gezeigt, daß schon eine ganz ansehnliche Schar ausgezeichnete Leistungen aufzuweisen hat. Wir haben uns hier nur mit Meistern beschäftigt, die jüdische Sujets ihren Werken zugrunde gelegt haben, aber die Namen Josef Israels, Max Lieberman, Lesser Ury u. a. sind berühmte Vertreter der allgemeinen Malerei. Viel weniger als die Malkunst wird von Juden die Skulptur gepflegt. Die Ausstellung weist eigentlich nur eine tüchtige plastische Arbeit auf: eine Bronzestatue eines alten Juden von Katherine M. Cohen. Von den jüdischen. ausübenden Künstlern zu denen, die berühmte Juden, jüdisches Leben und jüdische Stätten dargestellt haben. Hauptsächlich sind in Whitechapel diejenigen Werke vertreten, die sich auf die Geschichte der Juden in England beziehen. Sie entstammen fast alle der großartigen Sammlung des Herrn Israel Salomons, dessen Schätze ich bereits vor einigen Monaten in seinem Londoner Heim bewundern konnte. Auch der Chief Rabbi Dr. Adler und dessen Bruder Herr Elkan Adler haben wertvolle Blätter beigetragen. Das Verdienst, den Juden die britische Insel zugänglich gemacht zu haben, gebührt Menasseh ben Israel. Im Jahre 1656 unternahm Menaffeh eine Reise von Amsterdam nach England, um mit dem Lordprotektor Cromwell persönlich zu unterhandeln. Die Züge des Amsterdamer Chacham sind uns durch die Radiernadel Rembrandts bekannt, die er von dem damals Zweiunddreißigjährigen schuf. Dieses seltene Blatt ist in zwei prachtvollen Exemplaren ausgestellt, einmal als Einzelblatt und zweitens in Gratulacao de Menasseh Ben Israel (Amsterdam 5402—1642), einem besonders wertvollen Werke Menaffehs im Besitze des Herrn Salomons, der auch eine Sammlung jüdischer Originalwerke besitzt, von denen manches Exemplar in keiner Bibliothek enthalten ist. Rembrandt - ist noch durch andere Blätter jüdischer Sujets vertreten wie auch mit dem seltensten seiner Radierwerke, den vier Blättern zu Menaffehs Piedra Gloriosa o de la Estatua de Nebucadnezar (Amsterdam 1655). (Ich verweise hier auf meinen Rembrandt- Artikel in dieser Zeitschrift, Juli 1906.) Besonders zahlreich sind die Blätter über Moses Monte- - fiore und Lord Rothschild, denen sich auch satirische Blätter und Flugschriften anreihen. Von besonderem kunstgeschichtlichen Jntereffe sind die beiden Radierungen A. Blotelinghs nach den im Museum Teyler zu Hartem befindlichen Zeichnungen Jacob Ruisoaels zu seinem berühmten Gemälde der Dresdner Galerie „Der Judenkirchhof zu Amsterdam". Während das Gemälde aus künstlerischen Rücksichten eine ziemlich frei ersimdene Komposition aufweist, zeigen diese Naturstndien den wirklichen Zustand des Friedhofes zirka um 1660, von zwei verschiedenen Punkten aus gesehen. P. Wagenaar radiert 1780 verschiedene Szenen aus dem Amsterdamer Ghetto, so einen Purim-Maskenball und ein ‘ Sukkothfest. Die Zahl dieser interessanten Blätter ist so groß, daß ich demnächst eine eigene Arbeit über sie veröffentlichen werde. Ich lasse es also hier bei dem Gesagten, und wir wollen uns nun den unter Nummer 1 und 2 erwähnten Abteilungen zuwenden. Die mannigfachen Gerätschaften, die das jüdische Zeremonial vorschreibt, wurden seit den ältesten Zeiten in liebevoller Verehrung hergestellt. Soweit diese dem öffentlichen Gottesdienste angehörten, bildeten sie den einzigen Schmuck der schlichten Bethäuser. Keine Bilder, keine Statuen

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