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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-07 · Heft 49 (7.12.1906) · p. Seite 582

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
Seite 582 (sequence 6)
Language
German
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582 wird, erhält für dringende Schulbedürfnisse eine Summe von tausend Franken. Nach wie vor stellt das Hilfswerk für Rußland große Anforderungen an den Hilfsverein der Deutschen Juden, und neben dieser ihn in erster Reihe in Anspruch nehmenden Pflicht darf er seine Bemühungen zur kulturellen und wirtschaftlichen Hebung der Glaubensgenossen im Orient, in Galizien und den Balkanländern nicht ruhen lassen. Nur durch die intensive Mitwirkung und die stets sich erneut betätigende Opferwilligkeit weitester Kreise ist dem Hilfsverein der Deutschen Juden die Durchführung seiner Aufgaben möglich. Um die notwendige Propaganda zielbewußt wie bisher weiter fortzuführen. wurde das Mitglied des geschästsführenden Ausschusses Herr Siegmund Bergel zum Vorsitzenden der Propagandakommission im Ehrenamt gewählt. Der geschästsführende Ausschuß nahm Veranlassung, Herrn Bergel seinen besonderen Dank auszusprechen für seine unermüdliche selbstlose Propagandatätigkeit, durch die es ihm gelungen ist, die Zahl der Mitglieder des Hilfsvereins erheblich zu vermehren. Lrirk aus Delterreich. Ende November. ie große Zeit, sie findet ein kleines Geschlecht, an diese Worte des Dichters werden wir gemahnt, wenn wir von dem Kesseltreiben sprechen sollen, das kürzlich, wie in einer Wiener Korrespondenz Ihres geschützten Blattes schon erwähnt wird, gegen einen Wiener Rabbiner veranstaltet wurde. Aber wahrlich, wir Juden haben heute andere Sorgen. Nicht ohne Bangen sehen wir der Zukunft entgegen. Jetzt gilt es nicht, von Veränderungen in der Gebetordnung zu sprechen, nicht von mehr oder weniger „schönen" Predigten, vielmehr ist es jetzt nötig, die Zeichen der Gegenwart zu beachten und für die Zukunft bereit zu stehen. „En vedette!“ so tönt es jetzt den Juden entgegen. Betrachten wir zunächst, wie die mährischen Landtags- Wahlen in den sogenannten Volkskurien aussielen. Sie zeigen ein Spiegelbild der künftigen Reichsratswahlen, die im kommenden Jahre stattfinden und auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechtes erfolgen werden. Kein einziger Jude, auch nicht der sozialdemokratische Kandidat, wurde in der vierten Kurie gewählt. Das ist ein Resultat. Von den deutschen Sozialdemokraten — denn diese teilen sich bei uns in tschechische und deutsche — wurde einer, sage und schreibe einer, gewählt. Dafür sehen wir bei den Christlich-Sozialen, Tschechisch-Klerikalen (National-Konservativen) ein ganz erschreckendes Anwachsen von Stimmen. Einige tschechische Sozialdemokraten werden in den neuen Landtag einziehen. Und die Deutsch-Freisinnigen? Diese, welche ihrem Freisinn viele Tropfen antisemitischen Oels beimengten, werden vier Mann hoch in den neuen Landtag einmarschieren, sie siegten, wie sie wollten, so sagt man doch im Sportjargon. Sie haben alle über die sozialdemokratischen Gegenkandidaten gesiegt. Unter den deutschen Sozialdemokraten befanden sich zwei von jüdischer Geburt. Der eine ist Rechtsanwalt und Stadtrat in der mährischen Landeshauptstadt, natürlich ist er konfessionslos. Er fiel gegen den „freisinnigen" (aber ohne Freisinn) Kandidaten durch, der allgemein als antisemitisch bezeichnet wird. Dies geschah in einem Bezirke, der allerdings viele Arbeiter (aber tschechische) aufweist und ebensoviele Heilsbrüderchen, die bewiesen, daß sie die Juden, um die Mehrheit zu erreichen, nicht brauchen. Der andere sozialdemokratische Kandidat jüdischer Abstammung (natürlich auch konfessionslos) ist Redakteur eines sozialdemokratischen Blattes; auch er fiel gegen einen freisinnig-antisemitischen (welcher Widerspruch!) Kandidaten durch, der in seiner geistigen Begabung an ihn gewiß nicht heranreicht. Wie man also ersehen hat, gelten die freisinnig-antisemitischen Bewerber als die allein volkstümlichen, die Sozialdemokraten, seien sie nun deutscher oder jüdischer Abstammung, mußten erkennen, daß das Feld für sie noch nicht gepflügt ist. Fazit der Rechnung: Die deutschen Sozialdemokraten haben bei den mährischen Landtagswahlen in der neugeschaffenen vierten Kurie, die sie, vielleicht mit Recht, als ihre Domäne betrachteten, eine Niederlage erlitten. Das ist der Stand der Dinge und das dürre Resultat der Wahlen. Wir haben ihm nichts hinzuzufügen. Und nun höre man, was sich in unserem Reichsrate ereignete. Hier ist man zur Spezialdebatte über die Wahlreform gelangt. Der wackere jüdische Abgeordnete Dr. Straucher, ein Jude, kein „Auch-Jude", verlangte für diel'/« Millionen Juden welche Oesterreich bewohnen, eine entsprechende Vertretung, das heißt eine Vertretung durch Juden, die es nicht nur ihrer Abstammung nach, sondern auch nach ihrer Gesinnung sind. Er sagt mit Recht: „Wenn auf zirka 39 000 Deutsche je ein Mandat entfällt, dann müssen den Juden mindestens elf bis zwölf Mandate zugewiesen werden. In Galizien, wo sich über 900 000 Juden befinden, hat man diesem Volke sechs bis sieben Mandate zugewiesen, das heißt es kommt auf fast je 200 000 Juden ein Abgeordneter." Nicht nur Steine, auch Zahlen reden, und wir glauben, letztere reden eine noch eindringlichere Sprache als erstere. Und wer rief nun bei diesen wahrheitsgemäßen Ausführungen des jüdischen Abgeordneten dazwischen? Vielleicht die Tschechen oder Christlich-Sozialen, die Klerikalen oder die Feudalen? Keineswegs. Da ist vor allem ein Dr. Götz zu nennen, ein sogenannter Liberaler, das heißt mit den jüdischen Stimmen unserer alten Kultusgemeinden, zum Beispiel Nikolsburg, Gewählter. Er rief: „Unter den neun Millionen Deutschen in Oesterreich sind auch viele Juden." „Gewiß," erwiderte Dr. Straucher, „450 000 Juden, die sich nach ihrer Umgangssprache zur deutschen Nation bekennen." Dr. Götz meint, „dieJuden können ja auch gewählt werden". Dr. Straucher repliziert: „Aber sie werden nicht gewählt!" Und als saftigstes Argument für diese richtige Ansicht können jetzt die mährischen Landtagswahlen der vierten Kurie angeführt werden. Für die Städtekurie in Mähren sind allerdings drei Juden als Kandidaten aufgestellt. Darunter befinden sich zwei Rechtsanwälte, die noch Juden sind und ein Universitätsprofeffor, der es nicht mehr ist. Für die Handelskammer von Brünn will man den Juden einen Kandidaten gnädiglich einräumen. In der Olmützer Handelskammer soll aber der Jude, der es wirklich seiner Gesinnung nach ist, dem antisemitischen Kandidaten weichen. Weiß nun der liberale (ohne Liberalismus) Tr. Götz, warum Dr. Straucher, angesichts der Verhältnisse in Mähren, jüdische Abgeordnete verlangt? Ein anderer Zwischenrufer, Dr. Lemisch, sonst unbekannt, aber antisemitischer Zugehöriger der deutschen „Volks"partei, entdeckte seine ganze Gesinnung, indem er sich den Satz leistete: „Aus Gerechtigkeit macht man nichts." Gilt, Herr Lemisch (fast hätten wir gesagt Lemech) dieses Wort nur bei den Wahlen, oder ist es der Ausdruck Ihrer Ueberzeugung? Wir bedauern dann diese und Sie — und leider auch uns Juden. Auch der mit jüdischen Stimmen gewählte Dr. Lecher, der Sekretär der Brünner Handelskammer gewesen und nicht mehr ist (vermutlich waren ihm zuviel Juden darin) war der Ansicht, er müsse sein Wörtlein einstreuen. Und dann kommt Sturm,

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