Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- Seite 580 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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580 m Ansiedelungsrayon zu Recht besteht, die Juden bei uns kein Wahlrecht'haben. Geschieht es dennoch, dann Adieu Dunia! Solche Zustände schaffen Wirren, die gewiß zu Judenkrawallen führe» werden. Solche sind aber keinem erwünscht. Man sieht, das wirre Geschreibsel fordert nichts weniger, als allen außerhalb des Ansiedelungsrayons wohnenden Juden das aktive Wahlrecht zu nehmen. Die Depesche ist augenscheinlich bestellte Arbeit. Selbst die versteckte Drohung mit einem Judenkrawall, den „keiner wünscht", fehlt nicht. . . . Wir zweifeln nicht daran, daß Herr Stolypin die erhaltene Anregung wohl beachten wird. Der Senat, welcher sich in bezug auf Wahlentrechtung weiter Volksschichten ihm ebenso willfährig gezeigt hat, wird ihm gewiß den kleinen Gefallen erweisen und den außerhalb des Rayons wohnenden Juden das Wahlrecht nehmen. So ist es denn kein Wunder, daß die im russischen Reiche, wenn nicht an Zahl, so doch, mindestens bisher, an Einfluß auf die leitenden Stellen starken judenfeindlichen Elemente emsig bemüht sind, gegen fortschrittliche Absichten Sturm zu laufen. In den „Moskowskija Wjedomosti" veröffentlicht deren Redakteur Gringmuth einen offenen Brief an die Regierung, worin er die Erweiterung der Judenrechte für unzeitgemäß erklärt. Der Sieg der jüdischen Revolutionäre werde das russische Volk schwerer bedrücken als die Niederlage von Tsuschimü und der Vertrag von Portsmouth.. Das Volk werde in der ihm durch die Erweiterung der Rechte der Inders beigebrachten Niederlage den Sieg des jüdischen Kapitals erblicken. Die kaiserliche Regierung müsse sich daher beeilen, den in der Judenfrage neuerdings eingenommenen Standpunkt wieder aufzugeben. Ob man einen Erfolg dieser Bestrebungen schon für vollkommen ausgeschlossen erachten darf, dessen wird man sich nicht so ohne weiteres sicher fühlen, wenn man erwägt, welche Untaten gegen die jüdische Bevölkerung noch vor kurzem möglich waren, ohne Sühne seitens der berufenen Stellen zu erfahren. Der „Ruff. Korr." ist jetzt der offizielle Bericht über den Pogrom von Siedlce zugegangen, den Rittmeister Pjetuchoff in Siedlce an seine Vorgesetzte Behörde zu Händen des Gehilfen des Warschauer Generalgouverneurs erstattet hat. Der Bericht enthält solche Ungeheuerlichkeiten, daß die Korrespondenz ganz besonders betont, es sei jeglicher Zweifel an der Authentizität des Schriftstückes ausgeschlossen. Das lange Schriftstück wird von den Tagesblättern mitgeteilt. Im Gegensätze hört man von den friedlichen Absichten der russischen Juden. So wird aus Odessa berichtet: Die Vorstände der hiesigen Synagogen und jüdischen Bethäuser beschlossen, sich der Partei der friedlichen Erneuerung anzuschließen und das Programm dieser Partei unter den Juden zu verbreiten; sie erklären, die Juden wollten eine friedliche Arbeit der Duma und seien größtenteils nicht revolutionär gesinnt; sie hielten der Konstitution feindliche Kundgebungen, wie das Wiborger Manifest für schädlich, da sie den Bestand der Duma gefährdeten; die Juden hätten das Wiborger Manifest nicht beachtet und schenkten der Kadettenpartei kein Vertrauen. Auch das Moskauer Komitee der Partei der friedlichen Erneuerung erhielt die Mitteilung, daß in vielen Städten Ostrußlands sich die Juden von der Kadettenpartei abwenden und der Partei der friedlichen Erneuerung anschließen. Wenn nur nicht hinter diesen Meldungen auch irgendeine Jntrigne steckt! * Wer die lockenden Nachrichten aus Rußland über Erleichterungen und Milderungen in der Judengesetzgebung nicht recht in Einklang bringen konnte mit den von unparteiischer oder auch von beteiligter Seite eingegangenen Mitteilungen über die tatsächlichen Verhältniffe, der lese die/nachfolgende Depesche aus Paris: „Paris, 28. November. (Eig. Drahtber.) In seiner „Humanitö" schreibt Jaurds heute über Jswolskis Pariser Besuch: .,Aus zwei verschiedenen ernsten Quellen erfahre ich, daß Jswolski, trotz aller amtlichen Ableugnungen, hauptsächlich nach Paris gekommen ist, um eine neue Anleihe vorzubereiten, die im Februar ausgenommen werden soll, also kurz vor den neuen Dumawahlen. Ihr Zweck wäre, dem Zarismus Machtmittel gegen die Duma zu liefern, für den Fall, daß sie seinen Erwartungen nicht entsprechen sollte. Die französische Regierung, so versichert man mir, hätte an dieser Anleihe Anstoß genommen und ihr Schwanken nicht verhehlt. Darauf hätte Jswolski gedroht, wenn die französische Regierung die Anleihe nicht sördere, werde Rußland sich an Deutschland wenden und die Zahlung der Zinsen an die französischen Gläubiger einstellen. Unsere Minister hätten schließlich erklärt, es wäre gut, die Anleihe der neuen Duma vorzulegen, um die Besorgnisse oder Bedenken der französischen Meinung zu beschwichtigen. Jswolski hätte sich jedoch geweigert, in dieser Hinsicht irgendeine Verpflichtung einzugehen. Er erklärte, wenn die neue Duma von demselben Geiste beseelt sein werde wie die erste, werde sie ebenfalls aufgelöst werden, und für diese Arbeit sucht der Zarisnius einen Stützpunkt in Frankreich! Furchtbare Mitschuld unseres Landes, wenn es diesen Erpressungsverfuchen nachgeben und sein Geld wieder auf die letzte Karte des Zarismus wagen würde." Hoffentlich erleichtert die Lektüre dieser Nachrichten das Verständnis für die russischen Bemühungen in Sachen der Judengesetzgebung. Jetzt heißt es, unaufhörlich den Ruf erschallen zu lassen: Die Taschen zu! * Die Ernennung von Oskar Straus zum amerikanischen Handelsminister veranlaßt das in Newyork in englischer Sprache erscheinende jüdische Wochenblatt „American Hebrew", die Namen aller amerikanischen Juden aufzuzählen, welche schon früher bei der Regierung der Vereinigten Staaten ein höheres Amt bekleidet haben. Schon am Beginn des vorigen Jahrhunderts, und zwar von 1813—16, war der berühmte Mordechai M. Noah amerikanischer Konsul in Tunis. Edwin de Leon und der bekannte jüdische Politiker Simon Wolf waren Generalkonsuln in Egypten, und zwar ersterer im Jahre 1854, letzterer im Jahre 1881. Ein gleiches Amt bekleidete 1893 bis 1897 Max Judd in Wien. Von großer politischer Bedeutung war die Ernennung Benjamin L. Peixottos zum Generalkonsul in Bukarest (1870—76). Endlich war Salomon Hirsch von 1889—1892 amerikanischer Botschafter bei der Türkei, und ist Lewis Eiirstein, der frühere dritte Botschaftssekretär in Paris, seit dem vorigen Jahre in gleicher Eigenschaft in London tätig. Ebenso gering wie die von den Präsidenten ernannten Beamten ist die Zahl der vom amerikanischen Volke gewählten jüdischen Vertreter. Als Senatoren sind im Laufe des vorigen Jahrhunderts nur fünf Juden gewählt worden. Es sind das David L. Yulee, der 1845—61, Benjamin F. Jonas, der 1879—85 und Josef Simon, der 1897-1903 im Weißen Hause als Senator saß. Gegenwärtig ist der im vorigen Jahre gewählte Isidor Rayner der einzige jüdische Senator in den Vereinigten Staaten Nordamerikas. Eine ganz besondere Stellung nahm Senator Juda P. Benjamin ein. Von 1852—1861 von einem der Südstaaten in das Weiße Haus entsendet, schloß er sich später der Rebellion an und war als erster Sekretär des Rebellenpräsidenten Jefferson Davis, die Seele des Aufstandes gegen die Präsidentschaft Lincolns. Nach Niederwerfung der Rebellion ging er nach