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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-30 · Heft 48 (30.11.1906) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 Anstalten das bisherige freundliche Interesse und Wohlwollen zu bewahren, das der Lehrerbildungsanstalt besonders dadurch entgegengebracht worden sei, daß ihr als der ersten und bisher einzigen jüdischen Anstalt die Ermächtigung zuerteilt wurde, das Berechtigungszeugnis für den einjährig-freiwilligen Militärdienst zu geben. Er dankte ferner dem Gemeindebaumeister Hoeniger und der bauleitenden Kommission für die glänzende Vollendung des Baues und übergab die Räume dem Direktor der Schule, Dr. Holzmann, dem er wie dem Lehrerkollegium namens der Gemeindebehörden »die uneingeschränkte Anerkennung ihrer bisherigen Wirksamkeit zum Ausdruck brachte. Als Vertreter des Provinzial-Schulkollegiums überbrachte Geheimrat Dr. Hermann die Glückwünsche der Vorgesetzten Behörde. In einem schönen Bilde von einer Fahnenweihe verglich der Redner die Verzierungen der Fahne, den Adler mit ausgebreiteten Schwingen, die unter dem Adler befindlichen gekreuzten Schwerter und den Adler und Schwerter umgebenden Lorbeerkranz mit dem Streben, den Kämpfen und dem endlichen Sieg des Schulwesens der jüdischen Gemeinde. Er sprach den Wunsch aus, daß es der Schule in weitester Zukunft vergönnt sein möge, auch ferner zu streben, zu kämpfen und zu siegen. Als allerhöchste Anerkennung überreichte er alsdann irn Aufträge des Kultusministeriums feierlich den Noten Adlerorden IV. Klasse für den Direktor beider Anstalten Dr. Holzmann, den Vorsitzenden des Gemeindevorstandes Julius Jacobh und den Vorsitzenden des Schulvorstandes Sanitätsrat Dr. Stern mit dem herzlichen Wunsche, daß die Dekorierten diesen Schmuck noch recht viele Jahre tragen mögen und daß, wenn überhaupt nötig, ihr Eifer und ihr Pflichtgefühl dadurch noch mehr gestärkt werden mögen. Für den abwesenden Vorsitzenden Jacoby nahm Justizrat Dr. Lachmann die Auszeichnung in Empfang. Im Namen der städtischen Schulverwaltung sprach der soeben als Stadtschulrat bestätigte Dr. Fischer wenige Worte des Glückwunsches und des Dankes. In kurzem, historischem Exkurs streifte er die im Jahre 1826 gelegten Anfänge für die Knabenschule und rühmte es als ein nicht zu unterschätzendes Verdienst der jüdischen Gemeinde, als erste eine Schule mit festem Lehrplan, bestimmt für die Kinder des mittleren Bürgerstandes und mit dem Ziele der Vorbereitung für praktische Lebensberufe, in Berlin begründet zu haben. Aus dem vor 80 Jahren gepflanzten unscheinbaren Reis sei ein kräftiger Baum geworden, und wenn auch im einzelnen der Umfang und die Organisation der Schule sich gewandelt und erweitert hätten, so sei ihre Aufgabe im wesentlichen dieselbe geblieben. An den Glückwunsch für Direktor, Lehrerkollegium und Schüler fügte er Dankesworte an den Schulvorstand und die Gemeindebehörden. Zn einer längeren Festrede sprach schließlich Direktor Dr. Holz mann seinen herzlichen Dank für alle dargebrachten Glückwünsche und die gewährten Auszeichnungen aus. Der beste Dank solle und werde sich bekunden durch die Tat, durch die Arbeit in den neuen Räumen, die ja nur erstrebt worden seien, damit die Arbeit besser vonstatten gehe. Die Arbeit solle in dem Geiste ausgeführt werden, von dem sie bisher getragen worden sei. Dieser Geist sei Erzeugnis und Zeuge einer Reihe von Kräften, die auf die Anstalten und an ihnen gewirkt hätten. In einem umfassenden historischen Rückblick ging dann der Redner auf die im Jahre 1778 gestiftete Freischule, die an deren Stelle im Jahre 1826 begründete Knabenschule, aus ihren allmählichen Ausbau unter den verschiedenen Direktoraten, und die im Jahre 1859 erfolgte Begründung der Lehrerbildungsanstalt zurück. Das gemeinsame Ziel beider Bildungsstätten sei, daß ihre Schüler dereinst sich als Deutsche jüdischen Glaubens, als verständnisvolle und treue Mitglieder der Glaubensgemeinschaft erweisen, die die Lehren der Propheten, der Sachwalter der reinsten Sittlichkeit, betätigen. Ein Stück des Weges zu diesem Ziel sei beiden Anstalten gemeinsam, denn diese große Aufgabe werde zu lösen gesucht vermittels der Erzeugnisse des deutschen Geistes und vermittels der aus dem reinen Urquell, dem hebräischen Urtext der Bibel, zu schöpfenden Lehren des Judentums. Der Redner schloß mit dem Wunsche, daß an den Anstalten das Wort eines Rabbi aus dem dritten Jahrhundert Geltung haben möge: „Die Welt besteht nur durch den Hauch des Mundes der Kinder des Lehrhauses." Die vom Schulchor gesungene Hymne von Beethoven: „Die Himmel rühmen" beendete die erhebende Feier. Unter sachgemäßer Leitung wurden alsdann die Gäste durch die Räume beider Anstalten geführt. Der Neubau der Knabenschule der jüdischen Gemeinde, Große Hamburgerstraße 27, wurde in der verhältnismäßig kurzen Zeit von l1/4 Jahren mit einem Kostenaufwande von 400 000 Mark von dem Gemeindearchitekten Herrn Baumeister Joh. Hoeniger erbaut. Die Schule beherbergt außer der achtstufigen Knabenschule in den Erdgeschoßräumen die Lehrerbildungsanstalt. Durch ein großes Vestibül gelangt man vermittels einer Freitreppe in das hohe Erdgeschoß, in dem außer der bereits erwähnten Lehrerbildungsanstalt im Vorderhause das Amts- und Konferenzzimmer und im Quergebäude ein zur Lehrerbildungsanstalt gehöriges Musikzimmer und ein Bibliothekszimmer liegen. Zwei bequeme Treppen vermitteln den Verkehr mit den oberen Stockwerken, in denen die Schule untergebracht ist. Außerdem befindet sich im ersten Stockwerk die geräumige Direktorwohnung, bestehend aus sechs Zimmern und reichlichem Nebeugelaß, sowie die Bibliothek der Schule. Im zweiten Stockwerk liegt die durch zwei Geschosse reichende Aula von zirka 200 qm Grundfläche. Das dritte Stockwerk enthält den Oberlicht-Zeichensaal sowie die mit den modernsten Einrichtungen versehenen Physik- und Apparatenzimmer. Auf dem Dache des Vorderhauses ist eine leicht erreichbare Plattform hergestellt, die dem Unterricht in der Heimats- und Sternkunde dienen soll. Im Untergeschoß liegt die Wohnung des Schuldieners, der ein Frühstücksraum für die Schulkinder angegliedert ist, ferner der Kesselraum und ein Kohlenkeller, die Luftmischkammer und vor allen Dingeil ein geräumiges Brausebad mit acht Zellen, sowie die notwendigen, mit den modernsten hygienischen Einrichtungen versehenen Nebenräume. Während sämtliche Klassen nach dem alten Friedhof orientiert sind, liegen nach dem Jnnenhofe zu die breiten, direkt beleuchteten Korridore, auf denen in großer Zahl Waschgelegenheiten untergebracht sind. Die Beheizung erfolgt nach den neuesten Erfahrungen der modernen Schulhygiene mittels einer kombinierten Warmwasser- und Niederdruckdampf-Heizungsanlage. Ein elektrisch betriebener Ventilator versorgt sämtliche Räume des Hauses fortwährend mit frischer, vorgewärmter Luft, während die verbrauchte Luft durch besondere Abluftkanäle direkt ins Freie getrieben wird. Für die Subsellien wurden zwei bewährte Systeme gewählt und zwar sind die unteren Klassen mit zweisitzigen Zahn'schen Mittelholmbänken, die oberen Klassen mit ebensolchen Rettig'schen Schulbänken ausgestattet. Beide Systeme gestatten eine leichte und bequeme Reinigung des Fußbodens, der in sämtlichen Unterrichtsräumen mit Linoleum belegt ist. Wie in der Mädchenschule, ist auch hier die zweckmäßige Einrichtung getroffen, daß von den Korridoren aus die Temperatur der Klassenzimmer abgelesen und somit jederzeit reguliert werden kann. Die Beleuchtung geschieht durch indirektes Licht, ö. h. die Lichtstrahlen werden erst auf einen an der Lampe befindlichen Schirm geworfen und von dort verteilt, so daß beim Schreiben kein Schatten entstehen kann. Die innere Ausstattung des Hauses erforderte einen Aufwand von 46000 Mark. — Der Neubau stellt sich als eine glückliche Verschmelzung äußerer Schönheit und zweckmäßiger innerer Einrichtung dar und reiht sich würdig den in den letzten Jahren geschaffenen Prachtbauten der Gemeinde an. Alle Räume sind von Lust durchtränkt, von Licht durchflutet; in gleicher Weise ist allen Wünschen der Pädagogen Rechnung getragen worden, wie die Forderungen des Hygienikers volle Befriedigung gefunden haben. -A« Berlin, 26. November. Inder Nacht zum 25. d. M. ist hier der allgemein bekannte und geschätzte Leiter der Massageanstalt der Königlichen Universität, Professor Dr. Isidor Zabludowski, im Alter von 56 Jahren am Herzschlag gestorben. Dieser Verlust ist für die Wissenschaft ein unersetzlicher. Zabludowski war 1850 in Bialystock geboren, trat nach beendeten Studien in den Sanitätsdienst der russischen Armee ein und nahm 1877/78 an dem Feldzuge gegen die Türkei teil, nach dessen Beendigung er nach Petersburg zurückkehrte. Dort tat er zunächst in dem Lazarett des Preobraschenskischen Leibgarderegiments Dienst und wurde 1879/81 zur Fortbildung in das Ausland abkommandiert. Im Jahre 1882 schied er aus dem aktiven russischen Militärdienst als Stabsarzt aus und siedelte nach Berlin über, 1885 machte er das deutsche Staatsexamen nach, nachdem er schon 1882 die Leitung der Massageabteilung an der v. Bergmannschen chirurgischen Universitätsklinik übernommen

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