Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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70. Jahrgang. No. 48. Der OemeindeÜote. >■*30- *mmu]r,m Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". korrrlponden?en unÄ Sschrichtru. Deutschland. ^2 Berlin, 23. November. Der Verband der deutschen Juden hat seinen zweiten Rechenschaftsbericht herausgegeben. Aus diesem geht hervor, daß die Arbeit des Verbandes eine stetige und eifrige, meist auch erfolgreiche war. Sein Arbeitsgebiet umfaßte das Schulgesetz, den Toleranzantrag, die Handelsverträge, die Schächtagitation, die Gemeindeorganisation und viele andere Fragen. Ueberall, wo es nötig war, hat der Verband eingegriffen, und die aufmerksame Lektüre dieses interessanten Berichts, auf den wir noch ausführlich zurückkommen, ist ein sicherer Beweis dafür, daß die Begründung des Verbandes im Politischen wie im kulturellen Sinne eine dringende Notwendigkeit für das deutsche Judentum war. 8. Berlin, 25. November. Die heutige Repräsentantenversammlung erledigte in kurzer Sitzung ihre Tagesordnung, welche außer einer Vorlage nur Bewilligungen und Wahlen enthielt. Der Antrag eines Mitgliedes der Versammlung betreffend Revision der Steuerordnung bezüglich der Besteuerung bei Mischehen verfiel zum zweitenmal der Vertagung; der Rechnungsabschluß des Hospitals wurde auf Antrag Weinberg in die geheime Sitzung verlegt. Meist ohne Debatte wurden bewilligt die Ausgaben zur Beschaffung neuer Vorhänge für die Wochentagsshnagoge und den Trausaal der Neuen Synagoge, zur Veränderung der Vorstehertafel im Vorraum der Neuen Synagoge, für die Erneuerung von Kokosbelag im Hause Oranienburgerstraße 30, zur Anschaffung eines Flügels für die Aula der Knabenschule, zur Einrichtung des Dirigentenzimmers in der zweiten .Religionsschule, zur Reparatur des Mosaikpflasters auf dem Bürgersteig des Grundstückes Exerzierstraße 13, zur Anschaffung einer Fahne und Anbringung einer Flaggenstange auf dem Vorderhause des Grundstückes Kaiserstraße 29/30, zur Nachbewilligung für die Renovierung der Direktorwohnung im Reichenheimschen Waisenhause. Bei einer dieser kleineren Vorlagen richtete der Vorsitzende Louis Sachs., dessen 25 jähriges Amtsjubiläum als Vorsitzender des jüdischen Krankenhauses übrigens in dieser Woche von der Krankenhausverwaltung gefeiert wird, die schon mehrfach erhobene und berechtigte Bitte an den Gemeindevorstand, die Tagesordnung des Plenums nicht mit' diesen unerheblichen Vorlagen zu belasten, sondern die erforderlichen Ausgaben nach Möglichkeit aus den bestehenden Fonds zu decken. — In den Vorstand der Alterversorgungsanstalt werden die Herren Salo Cassierer und Hermann Aron, in die gemischte Deputation zur Beratung der Frage der Errichtung einer Synagoge im Nordwesten die Repräsentanten Louis Sachs, Rechtsanwalt Dr. Cohn. Weinberg und Prof. Blaschke abgeordnet. Seitens des Gemeindevorstandes sind in diese Deputation die Herren Netter als Vorsitzender und Oliven delegiert worden. In geheimer Abstimmung wurde alsdann Herr Salomon Seligsohn zum Aeltesten-Stellvertreter gewühlt. Von 17 Stimmen entfielen 15 auf ihn, während die übrigen auf Herrn Salo Cassierer abgegeben wurden. Eine längere Debatte erhebt fick über den Antrag Weinberg betreffend 14 tägige Ansetzung von Predigten oder Schrifterklärungen in allen Synagogen. Der Antragsteller hat statistisch festgestellt, daß in den Orgelsynagogen die doppelte Anzahl von Predigten oder Schristerklärungen stattfinden als in den orgelfreien Synagogen. Er erblickt darin eine Zurücksetzung der letzteren und bittet um die Herstellung eines gleichmäßigen Modus für alle Synagogen. Gemeindesyndikus Justizrat Lilienthal beruft sich für diesen Modus auf einen Gemeindebeschluß aus dem Jahre 1904, nach dem in den Synagogen mit neuem Ritus an jedem Sonnabend Predigt oder Schrifterklärung stattfinden muß. In einer gleichzeitig gefaßten Resolution sei allerdings der Gemeindevorstand ersucht worden, dieselbe Einrichtung auch in den orgelfreien Synagogen durchzuführen. Die Ausführung dieser Resolution sei erst nach der bereits beschlossenen Anstellung noch zweier Rabbiner möglich. Die Debatte schließt mit der fast einstimmigen Annahme des Antrages Blaschke: in Erwägung, daß ein weitergehender Beschluß als der Weinbergsche Antrag bereits im Jahre 1904 gefaßt ist und in Erwartung, daß dieser Beschluß in vollem Umfang zur Ausführung kommen wird, über den heutigen Antrag zur Tagesordnung überzugehen. Der im Laufe der Diskussion von Herrn Weinberg geänderte Antrag, dafür zu sorgen, daß in jeder Synagoge gleichmäßig an jedem Sonnabend oder Feiertag Predigt oder Schrifterklärung stattfindet, wurde auch von Rechtsanwalt Dr. Cohn be» fürwortet. Zum Schlüsse der öffentlichen Sitzung wurden nach kurzer Debatte 3000 Mark als Beihilfe zu den Kosten der am 2. und 3. Januar 1907 stattfindenden Generalversammlung des Rabbinerverbandes in Deutschland bewilligt. 8. Berlin, 26. November. In würdigem und eindrucksvollen: Festakt wurde heute mittag die Einweihung der neuerbauten jüdischen Gemeindeknabenschule und der Lehrerbildungsanstalt vollzogen. Zu dieser Feier hatten die staatlichen Behörden den stellvertretenden Vorsitzenden des Provinzial-Schulkollegiums Geheimrat Dr. Mayer und Provinzialschulrat Dr. Hermann, die Stadt Berlin Schulrat Dr. Fischer, Schulrat Dr. Michaelis, Stadtrat Kalisch und Sanitätsrat Dr. Werner entsandt. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde wie die Repräsentanz war zahlreich vertreten. Mitglieder der verschiedenen Verwaltungskommissionen, so besonders des Schul- und Talmud-Torah-Vorstandes, ‘ waren in großer Anzahl erschienen, das Rabbinat hat sich in corpore eingefunden, das Lehrerkollegium, mit ihrem Direktor Dr. Holzmann an der Spitze, sowie die Zöglinge der Lehrerbildungsanstalt waren vollzählig zur Stelle. Nachdem ein zusammengestellter Chor der Zöglinge der Schule unter Leitung des Kapellmeisters Kellermann das vom Dirigenten vierstimmig gesetzte Terzett von Mendelssohn„Hebe deine Augen auf" mit rühmenswerter Akkuratesse gesungen hatte, gab zunächst Rabbiner Prof. Dr. Maybaum dem Hause die religiöse Weihe. In seiner eindrucksvollen Rede wies er darauf hin, daß die wichtigste Urkunde der jüdischen Religion die Thora sei. Wie der Unterricht höher stehe als selbst das Gebet, so stehe ihr auch die Heiligkeit der Schule höher als selbst das Gotteshaus. Höher könne Lehre und Lernen nicht bewertet werden. Es sei die höchste religiöse Pflicht, von deren Erfüllung der Bestand und die Sendung des Judentums abhänge. Gelingen könne das große und heilige Werk der Menschenbildung aber nur dann, wenn die Schule neben dem Unterricht auch die Erziehung im Auge behalte. Denn das Wissen befreie uns zwar, aber es beglücke uns nicht. Es zeige uns wohl das Ziel, aber es gewähre uns nicht die Kraft, es zu erstreben. In unserer Zeit, wo die Kämpfe des Erwerbslebens sich weit schwieriger denn je zuvor gestaltet hätten, sei es recht geboten, daß, wenn unsere Kinder das Elternhaus verlassen, sie mit Gottesfurcht und Genügsamkeit ausgerüstet seien. Denn die Gottesfurcht gewähre ihnen auch den festen, sittlichen Halt im Leben, und die Genügsamkeit lenke auf ein erreichbares Ziel das Streben, und beide vereint nähren das Heimatsgefühl. Mit dem herzlichen Wunsche, daß der ewige Gott mit dem Leiter und den Lehrern sei, wie er bisher mit ihnen gewesen, daß er sie mit Kraft und Freudigkeit ausrüsten möge, ihres heiligen Amtes wie bisher zu walten, und mit dem über die Erschienenen erteilten Segensspruch schloß der Redner. Namens des Gemeindevorstandes und des Schul- und Talmud-Thora-Vorstandes bewillkommnete alsdann Sanitätsrat Dr. Stern die Gäste. Aus befreitem und bewegten Herzen äußerte er seine große Freude über die Fertigstellung des Baus, der seit vielen Jahren als dringendes Bedürfnis anerkannt sei, dankte den Vorgesetzten Behörden für die Nachsicht, die sie gegen die Mängel des alten Gebäudes an den Tag gelegt, den Gemeindebehörden und dein Schul- und Talmud-Thora-Vorstand für den Eifer und die Opferwilligkeit, mit denen sie den Neubau gefördert haben. Er bat die staatlichen und städtischen Aufsichtsbehörden, den beiden