Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- Seite 576 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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WS? - 576 Superiorin mit großer Geschicklichkeit in alle ihre Unterhaltungen zu verflechten verstand, konnten sie über die Pläne ihrer Gegner nicht lange im Zweifel lassen. Um aber ihre Machinationen nicht ganz klar zu legen und Juanita einen neuen Beweis ihrer Aufrichtigkeit zu liefern, sprach die Superiorin auch sehr häufig mit dem jungen Mädchen über Fernando, wie sie selbst den harten Schlag, der ihn so Plötzlich treffe, von Herzen bedaure und wie sehr sie sich durch sein doppeltes Unglück gerührt fühle. Sie gefiel sich auch darin, es Juanita öfters in Erinnerung zu bringen, wie traurig und bemitleidenswert 'Fernandos Lage durch Diegos Tod geworden sei; sie zeigte dadurch, wie sie meinte, das Interesse, daß sie für alle diejenigen empfand, die dem jungen Mädchen näher standen; aber in Wirklichkeit wollte sie Juanita entmutigen, indem sie auf das Unglück und die Ohnmacht des einzigen Menschen hinwies, auf den sie hätte rechnen können und der die Absicht gehabt hätte, ihr Beschützer zu werden. ^Fortsetzung folgt.) Lilrrarilchr Mitteilungen. Sprechsaal. Hochverehrter Herr Redakteur! vorige Nummer Ihrer geschätzten Zeitung brachte einen Nachruf des Herrn Oberkantor Kirschner-München aus den seligen Schönberger-Potsdam. Der Verstorbene hat das ihm gespendete Lob voll verdient und richtig ist auch, daß die Hilfskasse und der Kantorenverein durch seinen Hingang einen fast unersetzlichen Verlust erlitten haben — aber der Gründer dieser Hilfskasse umr weder er noch einer der Herren, die heute beide Vereine leiten. ----- Aug. Wünsche: Die Bildersprache des Alten Testaments. Leipzig, Ed. Pfeiffer, 1906. Als Ergänzung zu dem Werk „Die Schönheit der Bibel" (vergl. „Allg. Ztg. d. Judentums" vom 16. Februar 1906), in welchem die ideale Schönheit des alttestamentlichen Schrifttums dargestellt ist, dient die „Bildersprache des Alten Testaments", die besonders auf die Verwendung von Bildern und Vergleichen in der Bibel hinweist. Durch eine fast vollständige Anführung der in Betracht kommenden Bibelstellen wird die formale Schönheit der Heiligen Schrift ins rechte Licht gerückt und die künstlerische Gestaltung deutlich gemacht. Abgesehen von dem ästhetischen Genüsse, den eine derartige Betrachtung des biblischen Schrifttums gewähren muß, kann sie auch für die Kritik von Bedeutung sein, denn man merkt an den Bildern, die ein Dichter gebraucht, in welchem Klima er lebt, ob am Meeresstrande oder im Biunenlande, man fühlt sein Seelenleben, sein Temperament heraus. Der organischen und unorganischen Welt sind die Symbole und Gleichnisbilder, entnommen. Die verschiedensten Tiergattungen sind vertreten, die Flora Palästinas wird zur Verdeutlichung religiössittlicher Ideen herangezogen. Ist ja die Pflanze in ihrem Wachsen, Blühen, Fruchttragen und Vergehen ein Symbol des Menschen in seinen Beziehungen zum Leben. Aus dem Mineralreiche wird nicht nur das Kostbare und Glänzende verwendet, auch das Unbedeutendste, selbst der Staub der Erde dient dazu, einen religiösen Gedanken, wie etwa die Schwäche des Menschen, zu veranschaulichen. Besondere Wirkung üben die kosmischen Bilder, Himmel, Sonne, Mond und Sterne, die Erscheinungen der Morgenröte und des Regenbogens, Winde und Stürme. Zuletzt noch bieten Feuer und Wasser, die beiden zerstörenden und zugleich heilsamen Elemente, treffliche Vergleiche und Bilder. Das in einer edlen Sprache geschriebene Werk Wunsches trägt unstreitig zur ästhetischen Würdigung der Bibel hervorragend bei. Dazu gewährt noch eine Fülle feiner psychologischer Bemerkungen dem denkenden Leser einen erhebenden Genuß. Dresden. Rabbiner Dr. Stein.! Die Hilfskasse und der Kantorenverein wurden am 4. Oktober 1880 in Berlin von folgenden Herren gegründet: 1. der selige Professor Lewandowski, welcher drei Jahre Vorsitzender war, 2. Prediger Lion Wolff, welcher'sechs Jahre den Verein leitete, 3. der selige Kommerzienrat Julius Jsaac, 4. Oberkantor Joachim-Berlin, 5. Oberkantor Blaustein-Bromberg, 6. Prediger Neubauer-Zittau. Von den heutigen Führern des Kantorenvereins war damals noch keiner im Amte. Die genannten Herren haben mit unsäglicher Mühe und jahrelanger Arbeit den Verein lebenskräftig gemacht und den größten Teil des heute vorhandenen Fonds gesammelt. Es ist eine Undankbarkeit gegen die Lebenden und Toten, daß man systematisch das Verdienst der Genannten verschweigt. Berlin, im November. n. Sehr geehrter Herr Redakteur! 3ch will nicht säumen, Sie auf den Artikel „Von Mendelssohn bis Herzl" in Nr. 45 des „Israelit" (S. 3) aufmerksam zu machen worin unser Gabriel Rießer wiederholt als ein „Verworfener" gekennzeichnet ist. Das muß in Ihrem Blatte niedriger gehängt werden. Drucken Sie. bitte, den ganzen Absatz ab und schreiben Sie einen kräftigen Kommentar dazu. Ergebenst Hamburg, im November. Dr. S. Jacoby. (Niedriger hängen — das soll auf Wunsch des Einsenders geschehen. Aber einen Kommentar dazu liefern — nein, das ist unnötig. Der betreffende Passus und der Schluß des Artikels lautet: „Der Enkel von R. Raphael Kohn verdient diese Lorbeeren nicht. Seine Bedeutung ist auf engeren Raum begrenzt, es war die Freiheit, und nicht Israels Bekenntnis, der seine Liebe galt. Die Thora liebte er nicht. Er verstand sie nicht, hat sie wohl einmal als Hamburger Judenjunge gekannt, aber in den akademischen Sturmjahren vergessen, so daß wohl nur im besten Falle eine holde Erinnerung das Bindeglied zwischen Rießer und dem Lebensinhalt seines Großvaters wurde. Was hat Rießer darum mit dem Judentum zu schaffen, wenn er dem positiven Inhalt dieser Konfession schon früh, noch ehe die Ehrungen öffentlicher Aemter seine Schulter drückten, den Rücken wandte? Hätte Raphael Kohn den Enkel trotz seiner Freiheitsliebe, seines Edelmuts, seiner unvergänglichen Verdienste um die Emanzipation der Juden nicht verworfen, hätte er die Entfremdung von Gott und seinem Gesetze gekannt, in die, dem allgemeinen Zeitendrange folgend, sein Gabriel verfiel? Sollten wir liebevoller gegen Rießer sein als sein Großvater selbst, der sich schmerzlich von ihm abgewendet hatte, und das doch wahrlich nicht, damit wir hinterher dem also Verworfenen die Pforten unseres Pantheons öffneten! Als er für Freiheit stritt, da kämpfte er für eine Theorie, den Niederschlag der öffentlichen Ueberzeugung, kämpfte er für ein europäisches Recht und eine europäische Pflicht, stand aber außerhalb des jüdischen Kreises und seiner Verpflichtungen, und in der Ferne verlor sich immer mehr für ihn das Ideal, für das seine Väter Gut und Blut, Freiheit und Recht freudig dahingegeben, um nicht zu werden wie — Gabriel Rießer." Und dann der Schluß, nach einem Vergleich Mendelssohns mit Rießer: „Doch während Mendelssohn die Unantastbarkeit des jüdischen Religionsgesetzes in seiner schlicht beschaulichen Weise doch deutlich genug betonte, um den Euchels und Friedländern als Exempel zu dienen, fand Rießer wohl manch schönes Wort für Frömmigkeit und Gesetzestreue, was seiner edlen Gesinnung und toleranten Denkart alle Ehre macht, hielt sich aber für berechtigt, seinem Gott den Sinaieid zu brechen und sah nicht, daß Israel, wenn es sich die Freiheit auf 'Rießersche Art hätte erwerben wollen, nicht jahrhundertelang auf Rießer hätte warten müssen. So lebt auch Rießer als schwankende Gestalt in unserm Andenken fort, als der.Repräsentant eines Geschlechts, das verblendet über die kurze Spanne der nächsten Zeit nicht hinauszuschauen wußte und den Verrat, die Charakterverderbnis, die feige Fahnenflucht nicht bedachte, die die traurige Gefolgschaft eines mißverstandenen Emanzipationswerkes bilden mußten.") Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. mm