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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-30 · Heft 48 (30.11.1906) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
Seite 575 (sequence 11)
Language
German
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575 solche Stellung ein, daß er das genau wissen mußte. Sie mußte demnach einen guten Grund haben, weshalb sie in dieser Angelegenheit eine solche neutrale Stellung einnahm, und der klare Verstand des Mönches kam bald auf die richtige Spur. Wenn man Juanitas Vermögen haben wollte, mußte man sie vernichten, der Ketzerei anklagen und verurteilen lassen, und wenn die Inquisition diese Güter, das Ziel der eigenen langjährigen Wünsche, ungestört in den Händen des Grafen von Ramira ließ, so war der Grund nur der, daß sie ihn selber mit in den Abgrund stürzen wollte, den er unter den Füßen des unglücklichen Mädchens eröffnete. Das war für Enriquez die einzige befriedigende Erklärung über das absonderliche Gebühren der Inquisition; je mehr er darüber nachdachte, desto mehr erschien sie ihm gerechtfertigt, und in der Ueberzeugung, daß Juanita sicherlich seiner Hilfe bedürfen werde, arbeitete er fleißiger an den Vorbereitungen zu seiner eigenen Flucht, an die er, wie ivir wissen, schon lange dachte und bei der er zugleich seine Schutzbefohlene retten wollte. Enriquez hatte bisher immer seine Zuneigung für Diego und die Seinigen sorgfältig geheim gehalten; er hatte sogar eine gewisse Gereiztheit ihnen gegenüber an den Tag gelegt und schützte dabei einen alten vererbten Familienhaß vor, dessen Ursache in einer von ihm selbst erfundenen Geschichte lag. Er hatte bei der Ermordung Diegos nicht versäumt, von neuem seiner Abneigung gegen den Verblichenen Ausdruck zu geben, und als in der Aljaferia in Gegenwart der Inquisitoren alle Anwesenden das tragische Geschick des Ermordeten bedauerten, hatte er nur diese Worte des Mitleids für ihn gefunden: „Welches Unglück, ohne Trost durch die heiligen Sakramente gestorben zu sein!" Indessen befand sich Juanita fortwährend imUrsulinerinnenkloster, und nichts schien ihre große Unruhe und die Befürchtungen, deren sie sich nicht erwehren konnte, zu rechtfertigen. Die Superiorin zeigte sich für sie voller Wohlwollen und wahrhaft mütterlicher Liebe; aber Juanita hatte es gelernt, dem äußeren Schein zu mißtrauen, und die Ereignisse sollten nur zu sehr ihre Vermutungen bestätigen. Ungefähr vierzehn Tage nach ihrem Eintritt bei den Ursulinerinnen hörte Juanita, daß Fernando endlich vor seine Richter gefordert worden sei und daß der Gerichtshof ihn von der Anklage des Mordes, die gegen ihn erhoben war, freigesprochen habe. Diese Nachricht, welche die Superiorin selbst Juanita mitteilte, warf zuerst wieder einen schwachen Hoffnungsschimmer in die von tiefem Schmerz umdüsterte Seele des jungen- Mädchens. Fernando war frei und sie durfte ihn vielleicht bald Wiedersehen; wenn sie auch vorläufig noch nicht an dieses Glück denken konnte, so gewährte es ihr wenigstens einen großen Trost in ihrer jetzigen Lage; sie hatte nun wieder einen wahren Beschützer, einen aufrichtig und treu ergebenen Freund. Aber die Tage vergingen und Fernando kam nicht. Juanita konnte sich dieses Zaudern nicht erklären, und doch konnte sie Fernando nicht die Schuld daran zuschreiben, denn sie kannte zu genau die Gefühle, die er für sie im Herzen trug. Das junge Mädchen wandte sich deshalb an die Superiorin und bat sie, ihr eine Unterredung mit Fernando im Sprechzimmer des Klosters zu gestatten. Bei dieser Bitte nahm die Superiorin eine sehr ernste Miene an, und in noch ernsterem Tone antwortete sie Juanita, daß es nicht ohne weiteres von ihr allein abhinge, die Einwilligung zur Unterredung zu geben. „Wenn Du den jungen Mann durchaus sprechen willst," setzte sie hinzu, „so bedarf es dazu der Zustimmung des Vormundes, den Dir das Gericht in Deinem eigenen Interesse gegeben hat." Diese Antwort war gerade nicht dazu geeignet, das junge Mädchen zu beruhigen; aber sie suchte daS unsägliche Gefühl des Schreckens, das sich ihrer bei den Worten der Superiorin bemächtigt hatte, in der Tiefe ihres Herzens zu verberge»: und verlangte ihre»» Vormund zu sprechen. Herr von Tueno kam also ins Kloster. Er rvar ein dürrer, trockener und durchtriebener Mensch, dem die Pfiffigkeit auf dern Gesicht lag. Er behandelte das junge Mädchen mit einer gewissen Herablassrmg, die sie erstarren machte; trotzdem setzte sie ihm ihre Wünsche mit möglichster Ruhe auseinander. „Ich »nöchte Fernando sprechen," sagte sie. „Welche»» Fernando?" antwortete Herr von Tueno, als ob er noch nie etwas von einem Menschen dieses Namens gehört hätte. „Fernando, meinen Bräutigam," entgegnete Juanita, „denselben, für den mich inen» seliger Vater schon in »neiner Jugend bestimmt hat." „Ach so!" erwiderte der Vormund. „Es ist wohl möglich, daß Euer Vater durch irgeudein Vorurteil, welches durch nichts gerechtfertigt wird, daran gedacht hat. Euch mit einem Manne ohne Geburt und ohne Vermögen zu verbinden; er »var Euer Vater und hatte das Recht, über Eure Hand nach seinem Gutdünken zu verfügen, obgleich er meiner Ansicht nach in diesein Falle Unrecht hatte; ich aber habe als Vormund die Pflicht, über Eure Interessen und Eure Zukunft zu wachen, und ich werde mich bemühen, für Euch einen Gatten zu finden, der Eures Namens und Standes würdiger ist, als dieser obskure Mensch." Diese in einern trockenen, befehlenden Tone gesprochenen Worte trafen das ar»ne Mädchen wie ein Blitz aus heiteren» Himmel; ihr war alles .auf eü»»nal klar. Unwillen, Furcht und Zorn erfüllten abwechselnd ihre Seele; indessen hatte die mutige und edle Jungfrau eine»» zu starken Charakter, nn» ihren heftigen Einpfindungen durch leere Worte Luft zu machen. Sie gab deshalb Herrn von Tueno gar keine Antwort, aber in ihrem Innern hatte sie den Kampf, den man ihr in so roher Weife anbot, bereits ausgenommen und sie leistete sich selbst den feierlichen Eid, niemals und unter keiner Bedingung z»»rückz»lweichen. Aber das unglückliche Mädchen hatte zahlreichen, mit großer Kunst ins Werk gesetzten Kämpfen zu begegnen. Während ihr ihr Vormund anzeigte, daß an ihre Verbi»»du»»g mit Fernando nicht mehr zu denken sei, hatte die Superiorin des Klosters im Aufträge ihres Bruders, des Grafen vor» Ranrira, die Aufgabe überno»»»men, sie nach »»nd nach an die Idee der Ehe mit Alonzo zu gewöhnen. Ohne das Betragen des Herrn von Tueno iM Geringsten zu verurteilen, fand die Superiorin, wie sie sagte, darin eine unverzeihliche Stre»»ge, daß der Vormunb ihr jede Zusammenkunft mit Fernando verbieten wollte. Sie erzählte Juanita zu gleicher Zeit von dem allgemeinen Mitleid, deren Gegenstand sie in ihrem Unglück sei, und vergaß nicht, bei jeder Gelegenheit hinzuzufügen, daß sich unter den Personen, die sich mit der größter» Wärme für sie interessierten, namentlich auch ihr Neffe Alonzo befände. Wenn Juanita nicht schon hinlänglich alle die elende«» Jntriguen, deren Opfer sie «var, durchschaut hätte, so hätten diese Worte, die absichtlich so oft «viederholt wurden, genügt, sie über die Ursache des ganzen Unglücks aufzuklären. Die fortwährenden Lobreden auf Alonzo, dessen Namen die

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