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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-30 · Heft 48 (30.11.1906) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
Seite 574 (sequence 10)
Language
German
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- 574 - Gefühle, Entschlüsse und dergleichen eignen sich nicht dazu. Je raffinierter der Fromme sich seine Spezialleistungen nach dem Buchstaben des Gesetzes heraussucht, wie etwa Zehnterzahlung selbst von Würze, Dill und Kümmel, um so höher darf er sie taxieren." (Bei Güdemann S. 175.) Ist dem so? War das Judentum jemals so, ist das sogenannte Gesetzesjudentum jemals auf solch niedrige Stufe herabgesunken? Niemals! Nicht einen Schatten des Beweises vermögen sie für ihr Verdammungsurteil vorzubringen, nichts als Hypothesen »6 majorem dei gloriam! Sicherlich gab es und gibt es welche, die den Buchstaben, das Gesetz beobachteten, ohne Frömmigkeit, ohne Religiosität in sich zu haben. Solche geißeln unsere Weisen, solche stellen die Evangelien an den Pranger, solche betrachten wir selbst als Heuchler. Sind die aber nur im Eesetzesjudentum zu finden? Soll ich die Erinnerung wachrufen an jene frommen protestantischen Bankdirektvren, die sehr viel „Gesinnung" zeigten, dabei aber ihre Klientel ums Geld brachten? Weiß niemand zu erzählen von gottesfürchtigen Junkern, die da unten in Afrika gar sonderbar ihre christliche Gesinnung betätigen? Wenn Paulus von den. Juden seiner Zeit, zweifellos von vielen, mit Recht gesagt hat: „M i t dem Gesetze sind sie Sünder geblieben," so wage ich es heute von so manchem Christen zu sagen: „Mit dem Glauben sind sie Sünder geblieben." Werde ich dieswegen das Christentum verurteilen? Muß man nicht nach dem Gesamtbilde die Erfolge einer großen Idee und diese selbst richten? Wäre es nicht am Platze, das Judentum in Geschichte und Gegenwart gut zu kennen, ehe man in so verwegener Weise über dasselbe den Stab bricht? Wir sind ja noch immer da, wir leben, existieren, warum machen es diese große Theologen wie die rüpelhaften Antisemitenjungen, die nur reden, reden, ohne vor sich selbst ihr Gewäsch verantworten zu können? Warum warten sie nicht mit dem Urteile über das Judentum, bis es ihnen wirklich voll erschlossen ist? Warum suchen sie nicht die jüdische Frömmigkeit und ihr wahres Wesen dort kennen zu lernen, wo es sich ihnen gern offenbart, in den treujüdischen, nicht nur orthodoxen, sondern auch gesetzesfreien Familien? Professor Siegfried sagt vom Judentum: „An idealistischen Träumen der Weltbeglücknng hat dasselbe niemals gelitten und ist durch dergleichen in seiner Ruhe nicht gestört worden." Wohin gelangt die objektiv fein wollende Wissenschaft, wenn solche Worte von ernsten Gelehrten fallen? „Idealistische Träume! Die sollten dem Judentum fremd sein? Es scheint, daß dem verstorbenen gelehrten Autor, als er dieses Urteil niederschrieb, ein paar glückliche Spekulanten, die zufällig j Juden waren, in die Augen gestochen haben und daß er unter dem Einfluß dieser Suggestion das Judentum beschrieben hat. Das Judentum ist die Religion des Idealismus par excellence. Oder wäre es das Christentum mit seinen Kreuzzügen, seinen Juden- und Albigenserverfolgungen, seinem dreißigjährigen Kriege, den Grausamkeiten der Konquistadoren und Inquisitoren, den Völkerschlachten, den Sklavenjagden, einer Weltbeglückung, die ganze Stämme ausgerottet hat und deren Hand noch heutzutage schwer auf den Völkern Asiens und Afrikas lastet! Dagegen ist ein Kinderspiel, was die Bibel hinsichtlich der Ausrottung der Ureinwohner Kanaans anbefiehlt, die übrigens nie ausgeführt wurde. Idealistische Träume! Wer denn hat ihnen nachgehangen, wenn nicht die Makkabäer, die jüdischen Streiter gegen Rom, die jüdischen Gemeinden zur Zeit der Kreuzzüge, deren Blut den Rhein rot färbte, die deutschen Juden zur Zeit des schwarzen Todes, die spanischen und sizilischen zur Zeit Ferdinands des Katholischen, die Haus und Hof und Leben für ihre Träume opferten, und denen sich die russischen und rumänischen Juden von heute anschließen. Das erste der fünf Bücher Moses ist ein Traum- und Träümerbuch. Das Judentum hat sich darin selbst dargestellt. Nur in einem Volk von Träumern konnte der Prophetismus, konnte die Messiasidee entstehen" (Güdemann, S. 208). So ist das gerade Gegenteil von all dem, was die meisten christlichen Theologen über das Judentum sagen, reine, volle Wahrheit. Seine Gottesidce ist ebenso universalistisch wie die des Christentums, fein Mott allerdings ein Gott der Gerechtigkeit, aber zugleich der Liebe und Gnade. In keiner Religion ist das KindsverhältniS zwischen Gott und Mensch so ausgeprägt, wie im Judentum. Das Gesetz hat das Judentum erhalten, ohne ihm im geringsten die Gesinnung, die Treue, das Verlangen nach sittlicher Betätigung geraubt zu haben. Man kann seine Notwendigkeit für unsere Tage leugnen, kann es als überholt betrachten; daß es Großes geleistet und Großes gewollt hat, kann nicht bestritten werden. Werden die christlichen Theologen für diese Wahrheiten sich zugänglich zeigen? Sehr glaube ich nicht daran. Das soll uns aber nicht hindern, für die Ehre unseres Judentums auch in der Wissenschaft einzutreten. Den Weg dazu miteröffnet und gebahnt zu haben, ist das große Verdienst Güdemanns. pus trüber Leit. Eine historische Erzählung. XIV. JJPiraqueä war der Entwicklung dieses trüben und blutigen Dramas, das mit dem Duell zwischen Alonzo und Fernando seinen Anfang genommen und vorläufig in der Ermordung Diegos fein Ende gefunden hatte, mit wachsender Aufmerksamkeit gefolgt. Er suchte dieses Chaos, an dem sich sein Scharfsinn oft vergeblich abmühte, mit aller Macht zu durchschauen; aber trotz einiger dunkel gebliebenen Punkte ahnte der Mönch nichts von der großen und sogar doppelten Gefahr, die über dem Haupte der Tochter seines unglücklichen Freundes schwebte. Ein Umstand hatte ihn namentlich sehr überrascht. Für ihn waren die Absichten des Grafen von Ramira schon lange kein Geheimnis mehr. In den geheimen Unterredungen mit Diego hatte er von dem Heiratsanerbieten des Grafen und von dem abschlägigen Bescheide, der ihm zuteil geworden war, Kenntnis erhalten. Der Graf hatte die Meuchelmörder des armen Freundes gemietet, daran zweifelte Enriquez nicht; die Ernennung Tuenos, dessen Beziehungen zu Ramira er genau kannte, zum Vormund Juanitas und der Eintritt der letzteren in das Ursulinerkloster befestigten ihn in seiner Ansicht. Nichts war klarer als das. Der beinahe völlig ruinierte Graf trachtete nach Juanitas Vermögen und suchte sich desselben zu bemächtigen. Aber die Inquisition gelüstete ebenfalls nach denselben Gütern. Warum hatte also das heilige Offizium, dessen Macht ungeheuer groß und dessen Hand überall im Spiele war, sich nicht in die Angelegenheit gemischt? Warum hatte es ruhig geschehen lassen, daß der Freund des Grafen von Ramira Herr über das Vermögen und die Zukunft Juanitas wurde, obgleich diese beiden Männer seine erbittertsten Feinde waren und obgleich das heilige Offizium selber diese einträglichen Besitzungen verlangte? Die Inquisition handelte aber niemals ohne feste Beweggründe; der Mönch nahm eine

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