Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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573 lichen Taufnamen wohl „Fürchtegott", aber nicht „Liebegott", sondern nur „Gottlieb" befindet? Läßt das nicht ebenfalls recht tief blicken in das Gemütsleben des deutschen Volkes, das sich die Ehrfurcht vor Gott von seinen Theologen nicht wegeskamotieren läßt? Wie sagt nur Jesus von dem Balken und dem Splitter?... Der Wahrheit eine Gasse!! „Es ist die unmittelbarste und innigste Gemeinschaft des Vaters mit dem Kinde, als welche die jüdische Religion das Verhältnis zwischen Gott und Mensch auffaßt." (Güdemann S. 111.) Geradezu Orgien feiern jedoch die christlichen Theologen, wo sie über das Judentum als Gesetzesreligion herfallen können. Man muß diese Tiraden einmal gelesen haben, um ermessen zu können, was Vorurteil sich leisten kann. Der Apostel Paulus hat dies Gesetzesunheil angestistet, aber, fügen wir hinzu, ganz unbeabsichtigt. Die Apostelgeschichte und die Briefe des Paulus zeugen dafür, daß dieser unter Gesetz eigentlich nur die Befchneidung und die Speisegesetze verstanden hat, von denen Griechen und Römer seit allem Anfänge nichts wissen wollten. Erst die späteren Zeiten haben in völliger Unkenntnis der Sachlage das ganze Judentum als eine Gesetzesreligion hingestellt. Paulus setzte aber dem Gesetz als Werk das Gesetz des Glaubens entgegen, nicht den Glauben im Sinne von Inbrunst, Innigkeit und Gemüt, sondern den buchstäblichen Glauben, daß Jesus der Messias sei; also an die Stelle des Gesetzes der frommen Handlungen läßt er das Gesetz des Glaubens treten. Welches ist besser? Kant, der große Kant, sagt: „Die unbedingte Nötigung, etwas zu glauben, was nicht für jedermann überzeugend sein kann, ist ein für gewissenhafte Menschen weit schwereres Joch, als der ganze Kram frommer auferlegter Observanzen nur immer sein kann" (bei Güdemann S. 185). Aber das tut nichts, den Balken sieht man wieder nicht, und das Gesetz wird verbrannt. Es ist nicht hier der Ort, das „Gesetz" des Judentums eingehend zu erörtern. Daß es das Judentum bis auf unsere Tage erhalten hat, daß es ferner in der Entstehungszeit des Christentums für die Existenz des Judentums eine unbedingte Notwendigkeit war, daß es schließlich einen der gewaltigsten Gedanken vertritt, den Menschen jemals durchzuführen bestrebt waren: das ganze irdische Leben durch und durch von der Religion durchtränken zu lassen, ist jedem gewiß, der auch nur ein klein wenig Objektivität dem Judentum! gegenüber sich bewahrt hat. Nur die Theologen der einzig universalistischen Gottesauffassung kennen eine solche nicht. Ja, sie versteigen sich zu der ungeheuerlichen Behauptung, das Gesetz eine Last zu nennen, welche die Juden niedergedrückt hat und auch heute noch zu Boden wirst. Wenn jemand in unseren Tagen über die alten Araber genaue Studien machen will, wird er sicherlich eine Reise zu den heutigen Arabern unternehmen. Ist auch so manches anders geworden, vieles alte wird sich doch erhalten haben. Ich will zugeben, daß das Judentum des 19. und 20. Jahrhunderts in vielem ein anderes geworden ist. Wenn man aber genau wissen will, ob das Gesetz wirklich eine so entsetzliche Last sei, warum hält inan nicht Umschau bei den Tausenden altfrommer Judenfamilien, die noch überall anzutreffen sind? Warum begnügt man sich mit beim Schreibtisch ersonnenen und erdichteten Theorien, warunl sucht man das jüdische Leben nicht aus? „Wären die christlichen Theologen nicht so überaus „gründlich" und nur auf das geschriebene Wort, den überlieferten Buchstaben erpicht, so würden sie sich entschließen, einmal einen Blick in die überall zugängliche Sabbatstube eines armen, frommen Juden zu werfen, und sie würden sehen, wie das vom Alltagsdruck beklommene Herz unter der „Last" der Sabbatvorschriften aufjauchzt und frischen Mut zu neuer Arbeit faßt." (Güdemann S. 162 f.) Direkt gehässig ist aber die Insinuation, daß das Gesetz die Gesinnung, die wahre Religiosität, ertötet hätte oder sie zum mindesten nicht recht habe aufkommen lassen. Kuenen, der immer sichtlich bemüht ist, der Wahrheit die Ehre zu geben, anerkennt bereits willig, daß „unter den Schriftgelehrten nicht nur Männer von sittlichem Ernst und Gewissen, sondern auch von Herzenssrömmigkeit und warmem Gefühl. Männer auch von Phantasie und Talent, mit einem Worte: Nachkommen der Propheten waren". „Aber," sagt er, „so oft sie die Gesinnung als das höchste oder selbst als das allein Nötige angreifen, oder den Dienst um Lohn bekämpfen, oder sich in dem Gemüte ihrer Zuhörer einen Bundesgenossen zu sichern trachten, machen sie auf uns denselben Eindruck wie der gefangene Vogel, der an das Gitter seines Käfigs pickt. . . . Die Begeisterung, der Geist der Hingabe, die Initiative, die sie auf diese Weise offenbaren, wollen nicht stimmen zu den ängstlichen Sorgen uin die Befolgung der 613 Gebote" (Güdemann S. 160). Und Wel l- .hausen, der Führer der modernen christlichen Theologie, behauptet gar: „Das Gesetz verdarb nicht bloß die Moral, indem der Dienst des Nächsten hinter den Uebungen der Gottseligkeit zurücktreten mußte, es entseelte auch, soviel an ihm lag, die Religion" (Das. S. 165). Soviel Worte, soviel Jrrtümer! Man muß sich nur vergegenwärtigen all das, was im Talmud über die „Xavcmo" (die Gesinnung) oder zusammenhängend über „ll'auro-umirwautb-umaaAm tauwim" (Lehre, Gebote und gute Werke) oder über Zedoko und Zaddili (über Frömmigkeit und den Frommen) gesagt wird, uin zu erfassen die Unwahrheit dieser feindseligen Redensarten, die, ohne geringste Kenntnis der Quellen, von vorgefaßten Meinungen ausgehend, den mütterlichen Boden deS Christentums verdammen, nur weil eS so in die Konstruktion hineinpaßt, die man sich vom neutestamentlichen Judentum ganz willkürlich zusammengestellt hat. Jehuda-ha-Levi sagt in seinem religionsphilosophischen Werke „Kusari": „Ueberhaupt ist unser Gesetz geteilt zwischen Ehrfurcht, Liebe und Freude'; durch jede von diesen kannst du dich Gott nähern. Deine Zerknirschung an Fasttagen ist nicht gottgefälliger als deine Freude an Sabbaten und Festen, wenn diese Freude aus andächtigem, vollem Herzen kommt. Sowie ein Gebet Gedanken und Andacht er- | fordert, so auch die Freude an seinen Geboten und seiner Lehre; du mußt dich des Gebotes selbst aus Liebe zu dem Gebietenden freuen, indem du erkennst, was er dir dadurch Gutes erwiesen." „Es ist so, als wärest du sein Gast, an seinen Tisch geladen und du danktest ihm für seine Güte innerlich und äußerlich. Und wenn deine Freude sich bis zum Singen und Tanzen steigert, so ist dies Gottesdienst und Festhalten am göttlichen Geist" (bei Güdemann S. 187). So schreibt ein Mann, der wie kein zweiter in die Tiefen des Judentums eingedrungen ist, der aber auch sein Buch nicht für Außenstehende, nicht für Christen und Araber, sondern nur für seine Juden geschrieben hat, daher das vollste Anrecht auf Glaubwürdigkeit besitzt. Und dann kommt so ein scharfsinniger Theologe, pickt einige da und dort - aus dem Zusammenhang herausgefallene Brocken talmudischer Sätze auf, haucht seinenOdem diesen armen, von ihm mißverstandenen und gepeinigten Worten ein und ruft dann aus: Ecce Judaei, in deren Umgebung ein göttlich Wunder aufgeblüht! — Man greift sich an den Kopf und glaubt förmlich zu träumen, wenn man bei Jülicher liest: „Bei ihnen ist Religion ein Geschäft, das der Mensch mit Gott abschließt; genau wird jeder Posten in Debet und Kredit verrechnet; was ja zur Voraussetzung hat, daß kompakte Größen, opera operata, diese Posten bilden.