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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-30 · Heft 48 (30.11.1906) · p. Seite 569

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
Seite 569 (sequence 5)
Language
German
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Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß die Regierung des Herrn Stolypin den russischen Juden nichts, aber auch rein nichts gewähren will. Darauf deutet ihr ganzes Verhalten hin. Daraufhin wurde auch die nachstehende Depesche in alle Weltteile verschickt: Petersburg, 22. November. (Telegr.) Der Arbeit des Verbandes russischer Männer gegen die Erweiterung der Rechte der Juden schließt sich nun auch, wie heute aus Kiew gedrahtet wird, der Verband der Rechtsordnung an. Sowohl dem Kaiser wie auch Stolypin gehen zahlreiche Telegramme von Mitgliedern des Verbandes russischer Männer zu, die nahelegen, die Rechte der Juden nicht zu erweitern. An Stolypin wurde gedrahtet, daß eine Erweiterung der Rechte der Juden die Mitglieder des Verbandes zu Verbrechen treiben würde. Das alles ist bestellte Arbeit. Aber wie albern sind doch diese Tschinowniks, die glauben, die ganze Welt täuschen zu können und schließlich selber die Betrogenen sein werden! Das offiziöse Organ des Herrn Stolypin, die Zeitung „Rossija", weist dagegen in einem „Auf Wegen zur Lösung der Judenfrage" überschriebenen Artikel darauf hin, „daß die gewaltsame Konzentrierung der fünf Millionen Juden in Westrußland aus diesem Gebiet eine Art revolutionären Akkumulators gemacht habe, in dem sich die revolutionäre Energie der jüdischen Armut entwickle; wo der Hunger anfange, höre die Gesetzmäßigkeit auf. Wenn von der Schädlichkeit der Juden in Rußland die Rede sei, müsie zuerst sestgestellt werden, wer gefährlicher sei: die fünf Millionen Juden im westlichen Rußland oder die 207 000 im Innern Rußlands. Augenblicklich könne von einer vollen Gleichberechtigung der Juden nicht die Rede sein, doch müffe noch vor Zusammentritt der Reichsduma das für die Juden bestehende Verbot, in der Ansässigkeitszone außerhalb der Städte und Flecken zu leben, aufgehoben werden. Und ebenso sei das Aufenthaltsrecht der Juden im inneren Rußland den bestehenden Gesetzen entsprechend zu regulieren. Die Lage der Juden in Westrußland verlange, daß die erforderlichen Maßnahmen ohne Aufschub getroffen werden." Das wäre ja eine völlig veränderte Stellungnahme der Regierung — wenn es ihre wirkliche Absicht wäre! Während Stolypin wiederholentlich ausgesprochen hatte, daß die Lösung der Judenfrage von der nächsten Duma ausgehen solle und dementsprechend die Duma beschäftigen müsse, erklärt das offiziöse Organ nunmehr, die Judenemanzipation sei unmöglich, solange nicht eine ganze Anzahl wichtiger Fragen gelöst worden sei. Insbesondere könne nicht die Agrarfrage erledigt werden, da sonst die Juden Bauernland an sich reißen würden. Aul Schluß des Artikels werden die Schwarzen Hundert getröstet, und es wird ausgeführt, daß die bevorstehenden Erleichterungen in der Judenfrage sehr weit vor: einer Emanzipation entfernt seien. Wie aus der obigen Depesche hervorgeht, scheint diesen aber die offiziöse Versicherung durchaus nicht zu genügen. * Die Anerkennung des Sabbats als gesetzlichen Ruhetag beztveckt eine von Mr. Goddark Clarke und Genossen im englischen Unterhause eingebrachte Bill „zur Gewährleistung eines wöchentlichen Ruhetags". Der Gesetzentwurf strebt an, jedem im fremden Lohn arbeitenden Menschen einmal in der Woche eine Ruhepause von 24 Stunden zu garantieren. Der Ruhetag soll, wo es nur angeht, aus den Sonntag fallen. Sollte die Sonntagsarbeit in einem Betriebe nicht zu entbehren sein, so soll alle 14 Tage ein 24stündiger und außerdem ein Tag vor oder nach dem darauffolgenden Sonntag sreigegeben werden. Paragraph 4 der Bill bezieht sich auf die Juden und hat folgenden Wortlaut: Das Gesetz findet keine Anwendung au! Personen, die regelmäßig und gewissenhaft den stebenten Tag der Woche als einen Sabbat feiern und an demselben keinerlei Arbeit verrichten. Solche Personen dürfen wegen Sonntagsarbeit vor dem Richter nicht zur Verantwortung gezogen werden, vorausgesetzt, daß sie dadurch kein Aergernis erregen. Letztere Bestimmung wird bei der Beratung der Bill noch amendiert oder doch genauer bestimmt werden müssen, falls das Gesetz dem Gewissen der den Sabbat heilighaltenden englischen Juden gerecht werden will. Bei der in England herrschenden Prüderie werden sich schon überall Leute finden, die sich über jede von einem Juden am Sonntag verrichtete Arbeit „ärgern" und den „Sonntagsschänder" beim Richter denunzieren werden. Unter den Abgeordneten, welche den Antrag Clarke mitunterzeichnet haben, befindet sich auch Sir J Alfred Thomas, der Leader der Welshpartei und der Sekretär des Trade Union Gongress, Mr. Steadmann. Letzteres beweist, daß die englische Arbeiterschaft, die doch an der Sonntagsruhe in erster Reihe interessiert ist, gegen die Heilighaltung des Sabbats nichts einzuwenden hat. Die Frage. der Kolonisation Palästinas beschäftigt in der Zeit, wo Rußland und Rumänien ihre Juden förmlich aus dem Lande jagen, alle, die sich ernst mit der Zukunft beschäftigen, sehr angelegentlich. Wir geben daher gern dem nachfolgenden Schreiben des vorbereitenden Komitees des Palästina-Jndustrie-Syndikats, G. m. b. H., Raum, indem wir nur noch erwähnen, daß dieses Komitee bei Gründung des in Rede stehenden Syndikats hauptsächlich von dem Gedankerr ausgeht, durch Einführung rein geschäftlicher Unternehmungen im' Orient den fast überall boykottierten jüdischen Arbeiter - Massen lohnende Arbeitsgelegenheit zu verschaffen. Es dürfte wohl nur wenigen Lesern bekannt sein, daß, trotzdem der nahe Orient von seinem tausendjährigen Schlaf erst jetzt wieder zu erwachen beginnt, sich schon heute daselbst für kapitalkräftige, unternehmungslustige Kaufleute zahlreiche Gelegenheiten zur gewinnbringenden Anlegung ihres Kapitals durch Beteiligung an industriellen und landwirtschaftlichen Unternehmungen darbieten. Eine gute Illustration des wirtschaftlichen Voranschreitens des vorderen Orients bietet z. B. die Palästina benachbarte Hafenstadt Beirut, deren Bevölkerung im Jahre 1885 100 000 Seelen zählte und im Jahre 1896 schon .... 140000 Seelen betrug, deren Export sich im Jahre 1901 auf 540 915 £ belief und im Jahre 1905 die Höhe von . 924 600 £ erreichte. Dies ist im wesentlichen eine Folge der Verbesserung der Verkehrsmittel durch den Bau von Eisenbahnen und Fahrstraßen, welche Entwicklung im Libanongebiet schon vor 20 Jahren begann und die jetzt auch in Palästina fleißig fortzuschreiten anfängt. Auch muß man gerechterweise hervorheben, daß, während die gewerbetreibenden Juden in den großen Ghetto-Ländern, wie Rußland (selbst im Ansiedlungsrayon) und Rumänien, noch immer mit verschiedenen hemmenden gesetzlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, in dem sonst noch mancher Reform bedürftigen Orient die jüdischen Kaufleute, Fabrikanten, Handwerker, Arbeiter usw., selbst wenn sie keine türkischen Untertanen sind, ihrem Berufe ruhig nachgehen können, ohne irgendwelchen gesetzlichen Verfolgungen oder Ausnahmegesetzen ausgesetzt zu sein. Wir glauben daher mit Recht behaupten zu dürfen, daß unter den gegebenen Umständen die kapitalkräftigen Juden aller Länder sich am Palästina-Jndustrie-Shndikat sowie seinen Gründungen beteiligen sollten.

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