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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-30 · Heft 48 (30.11.1906) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
Seite 568 (sequence 4)
Language
German
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568 wäre, an dem Namen der Alliance Israelite Universelle zu rütteln. Man sollte vielmehr immer und immer den universellen Charakter betonen, statt der Alliance den Rus einer französischen Organisation zu machen. Jede jüdische Organisation, die eine nationale Bezeichnung trügt, muß den Verdacht erwecken und erweckt ihn, als ob sie hinter dem jüdischen Vorhang chauvinistische nationale Bestrebungen'versteckte. Einzig die Alliance Israelite Universelle ist solchem Verdacht entrückt. Sie allein darf als die Grundlage einer Gesamtvertretnng der Judenheit aller -Nationen angesprocheu werden. Je bestimmter dies überall geschieht, desto kräftiger wird das Gewicht der deutschen Konferenzgemeinschaft in die Erscheinung treten können. Diese allgemeinen Darlegungen sind erforderlich, um ohne jede Beschönigung die Entwicklung klarzustellen, die die Alliance Israelite Universelle genommen Hai. Zu den Einzelheiten gestatten Sie mir, folgendes zu bemerken: I. Ihr Herr Korrespondent hegt die Besorgnis, es möchte der spanische Handel durch die Allianceschulen in Marokko Schaden erleiden. Ich kann mitteilen, daß im Norden und Nordosten von Marokko, nämlich in Tanger, Tetuan, Casablanca und Laroche, in allen Klassen aller Allianceschülen spanischer Sprachunterricht erteilt wird, durchschnittlich in jeder Klasse wöchentlich vier Stunden. II. Unzutreffend ist, was über die Anglo-Jewish Association und die Ursachen ihrer Gründung gesagt ist. Der offizielle Name der Gesellschaft ist: „Anglo-Jewish Association in connexion with the Alliance Israelite Universelle.“ Ihre Entstehung fällt in das Jahr 1871 und ist lediglich der Besorgnis zuzuschreiben, es möchte infolge des damals eben beendeten Krieges das Werk der Alliance Israelite Universelle dauernde Störung erfahren. Die Anglo-Jewish Association widmet den größten Teil ihres Erziehungsbudgets den Allianceschulen und unterhält für eigene Rechnung nur zwei Schulen, die Evelina von Rothschild-Schule in Jerusalem und eine Schule in Bombay. III. Da Ihr Herr Korrespondent mit erneutem Nachdruck von den deutschen Jahresbeiträgen spricht, die 20 Prozent ausmachen sollen, tatsächlich aber ungefähr 40 Prozent betragen, so muß ich doch erwähnen, daß die laufenden Beiträge zur Alliance Israelite Universelle nur den geringsten Teil der Aufwendungen der Alliance Israelite Universelle bilden. Ungefähr 90 Prozent der Auf-' Wendungen werden aus den Zinsen des der Alliance Israelite Universelle gehörigen Kapitals bestritten, und dieses Kapital ist wiederum zu mehr als 90 Prozent von französischen Juden hergegeben worden. Wenn meine deutschen Glaubensgenossen 40 Prozent zu den Jahresbeiträgen der Alliance Israelite Universelle liefern, so liefern sie noch keine Vier Prozent zu dem Jahreseinkommen der Alliance Israelite Universelle, d. i., da die Alliance Israelite Universelle von ihren Zinserträgen und den Beiträgen nichts thesauriert, noch nicht vier Prozent zu den regelmäßigen Jahresaufwendungen der Alliance Israelite Universelle, die sich auf nahezu anderthalb Millionen Franken belaufen. Der Beitrag der deutschen Juden zur Alliance Israelite Universelle wird im übrigen Von den Stimmen, die die Alliance für Wohltätigkeitszwecke in Deutschland alljährlich aufwendet, erheblich überstiegen. IV. Gegenüber der Behauptung, daß die deutsche Sprache nur an vier Allianceschulen als Lehrgegenstand eingeführt sei, benenne ich nachstehend die Allianceschulen, an denen deutscher Unterricht ausgiebig erteilt wird: Die; Knabenschule in Adrianopel . mit 900 Zöglingen. „ Mädchenschule „ „ 535 „ „ Knabenschule „ Konstantinopel-Balüta . . „ 232 „ „ „ „ -Kuskundschuk „ 200 „ „ Mädchenschule „ „ „ „ 258 „ „ Knabenschule „ „ -Galata . . „ 200 „ „ Mädchenschule „ „ „ - . „ 566 „ „ Knabenschule „ „ -Haskö 1 . . „ 367 „ Mädchenschule „ „ -Ortakö 1 . „ 278 „ Knabenschule „ Jerusalem „ 430 „ „ „ Saloniki . „ 500 „ „ Mädchenschule „ „ „ 430 „ Das sind zwölf Schulen mit 4896 Zöglingen. Dazu kommt noch die Goldschmidtschule in Konstantinopel, in der Deutsch die Unterrichtsprache ist, mit 266 Zöglingen. Nach einem jüngsten Beschluß des Zentral-Komitees in Paris wird der deutsche Unterricht an den Ällianeeschulen, dem vorhandenen Bedürfnis folgend, stetig erweitert werden. V. Gegenüber der von Ihrem Tangerer Korrespondenten wiedergegebenen Behauptung des Herrn Camille Fidel, er habe bei dem Zentralkomitee der Alliance Israelite Universelle in Paris erfahren, das Werk der Alliance sei „französisch der Sprache, den Lehrern und vor allem dem Geiste nach", bin ich seitens des Zentralkomitees in Paris zu der Erklärung ermächtigt, daß Herr Camille Fidel kein Mitglied des Zentralkomitees gesehen hat, auch nicht den Sekretär der Alliance, daß er nur einen Bureaubeamten gesprochen hat, der sich auf die tatsächliche Mitteilung beschränkte, der Unterricht in den Allianceschulen in Marokko werde in französischer Sprache von Lehrern erteilt, die in der Ecole Normale vorgebildet seien. Ich schließe mit den Worten, die ich mit dem Präsidium der Deutschen Konferenzgemeinschaft in diesen Tagen erst an meine deutschen Glaubensgenossen gerichtet habe: Die Deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle will die Vorurteile beseitigen, die die Alliance als eine mehr oder weniger nur französischen Interessen dienende Institution kennzeichnen. Sie will in Deutschland das Verständnis für die kulturellen Aufgaben der Alliance Israelite Universelle zu neuem Leben wecken, eine Brücke schlagen zu den breiten Schichten der Glaubensgemeinschaft, und die Herzen, die fern geblieben sind, durch Belehrung und Werke der Nächstenliebe erobern. Diese vornehme und streng sachliche Erklärung des Vorsitzenden der deutschen Konferenzgemeinschaft wird sicher allgemeines Einverständnis, hoffentlich aber auch werktätige Teilnahme bei allen deutschen Juden finden. Das französische Judentum hat die ihm durch das Trennungsgesetz von Staat und Kirche auferlegte Aufgabe glänzend gelöst. In allen jüdischen Gemeinden Frankreichs haben sich Religionsvereine gebildet, welche alle bis dahin von den vom Staate subventionierten und mit öffentlich-rechtlicher Autorität versehenen Gemeinden ausgeübten Funktionen freiwillig weiterführen werden. Um aber dem Ganzen mehr Einheit und größere Kraft zu verleihen, sollten alle Vereine zu einem Zentralverband zusammentreten, dessen Aufgabe es sein soll, innerhalb der Religionsvereine ausbrechende Streitigkeiten zu schlichten und kleinere Gemeinden, die aus eigenen Mitteln ihre religiösen Bedürfnisse nicht zu befriedigen vermögen, aus gemeinsamen Fonds zu unterstützen. Am 11. d. M. fand nun auf Einladung des Pariser Zentralkonststoriums unter dem Vorsitze des Barons Eduard Rothschild zu Paris eine Generalversammlung der neubegründeten Religionsgesellschaften statt, welche von zahlreichen Delegierten aus allen Gemeinden Frankreichs besucht wurde. Nach kurzer Debatte wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, eine Zentral-Union der Juden Frankreichs zu bilden, der zweifellos bald sämtliche Religionsvereine beitreten werden. Dieselbe wird aus Delegierten bestehen und ist jede Vereinigung berechtigt, für je 200 Mitglieder in die Zentral-Union einen Delegierten zu entsenden. Die Wahl derselben wird erst erfolgen, sobald die einzelnen Vereine sich konsolidiert und einige Monate lang funktioniert haben werden. Als äußersten Termin für den Zusammentritt der Delegiertenversammlung wurde der 12. Dezember 1907, der Tag, an dem das Trennungsgesetz endgültig in Kraft zu treten hat, bestimmt. Bis dahin wird noch das alte Consistoire Central in Funktion bleiben. Leider ist bei der Krönung des großen Werkes ein Fehler gemacht worden, der in der Folge sich noch bitter rächen dürste. Es wurde nämlich in die Statuten der Zentral-Union eine Bestimmung ausgenommen, wonach Delegierte der Union nur Franzosen sein dürfen.

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