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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-30 · Heft 48 (30.11.1906) · p. Seite 567

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
Seite 567 (sequence 3)
Language
German
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WMWMWWWMIMMWWWWMI^MNWWMW - 567 - sind, dürfen sie dorthin nicht mehr zurück und bleiben in Deutschland, wo die revolutionären Juden sich jetzt massenhaft ansiedeln. Auch die deutschen Juden seien von diesem Zuwachs nicht erfreut." Ein Regierungsvertreter lehnte eine Stellungnahme ab und verwies aus die Erklärung des Grafen Posadowskh vom 3. Mai 1906, in der der Standpunkt der Regierung gekennzeichnet sei. Abgeordneter v. Gerlach nahm sich der russischen Juden an und sprach gegen die Petition. Der Antrag des Referenten, die Petition zur Berücksichtigung zu überweisen, wurde gegen die Stimmen der Konservativen und der Reichspartei abgelehnt; man ging über die Petition zur Tagesordnung über. Zu den Aeußerungen des christlich-sozialen Abgeordneten etwas hinzuzufügen, hieße ihnen eine Bedeutung verleihen, die sie nicht haben. Jeder mit den Verhältnissen Eingeweihte weiß, daß russische Revolutionäre sich in Deutschland nicht an- 1 siedeln, daß sie Amerika und England nicht zurückschicken, daß ' sie nicht hier aus Reichskosten verpflegt werden und daß; schließlich die deutschen Juden Herrn Burckhardt nicht zum L' Mandatar ihrer Ansichten gemacht haben. * e s Seit einigen Monaten beschäftigt sich die „Kölnische x Z eitun g" auffallend viel mit der Alliance Israelite Universelle. t Den näheren Anlaß dazu geben die unglücklichen Juden in x Marokko. Man streitet sich darüber, ob sie französisch oder deutsch ihre Kinder erziehen sollen. Inzwischen aber werden s sie ohne jede Intervention der Mächte einfach totgeschlagen. x Ein Korrespondent der „Kölnischen Zeitung" hatte schon vor t längerer Zeit einen Vorstoß gegen die Alliance gemacht. Derx selbe wurde alsbald zurückgeschlagen. Jetzt kommt derselbe c Mann noch einmal und wiederholt ohne weiteres auf t. 1 Grund eines französischen Reiseberichts seine Vorwürfe, k Geheimrat Goldberger hat nun als Vorsitzender der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance in demselben Blatte in der j Nummer vom 20. d. M. alle diese Vorwürfe in sehr zutreffender Weise widerlegt. Es erscheint uns notwendig, diese Antwort auch in unseren Kreisen zu verbreiten; wir sind in der Lage, x sie im vollen Wortlaut zu veröffentlichen. In dem Abdruck , der „Köln. Zeitung" sind nämlich wesentliche Punkte wegt geblieben. . „Das von der Alliance Israelite Universelle angesammelte und für Kulturzwecke verwendete Geld stammt in der Hauptsache von französischen Juden. Das muß um so deutlicher betont werden, als sich die Mitgliedschaft der Alliance Israelite Universelle und die Zu- 1 gehörigkeit zu ihr seih der Begründung auf die Israeliten aller Nationalitäten erstreckt hat. Demgemäß konnte anderseits in der Zentralleitung der Alliance Israelite Universelle niemals die Absicht prädominieren, die für die Wohlfahrts- und Wohltätigkeitszwecke von Zugehörigen aller Nationen beigesteuerten Mittel im Dienst irgendeiner anderen Politik zu verwenden, als jener Menschlichkeitspolitik, deren vornehmste. Aufgabe es alle Zeit war, die intellektuelle moralische und wirtschaftliche Hebung unserer bedrängten, künstlich i zurückgehaltenen, aus sich heraus nicht zurückgebliebenen Glaubens- , genossen, namentlich in den osteuropäischen, in den asiatischen und; afrikanischen Ländern, zu fördern. Selbstverständlich aber — weil [ unvermeidlich — ist, daß das großzügig angelegte und großherzig > durchgeführte Werk der Alliance den Stempel seines Ursprungs und I seiner Ursprungszeit trug. Sollten im übrigen die Allianceschulen im Orient den Zöglingen gleichsam ein Fenster nach der Kulturwelt Europas öffnen — das.mußten sie wollen — so war der Unterricht 1 in einer europäischen Sprache unabweisbar. Es entsprach der 1 Genesis, es entsprach den Verhältnissen, daß damals die französische Sprache hierbei nur in Betracht kommen konnte. Aber auch sonst 1 wäre die Aufnahme der deutschen Sprache in den Lehrplan der Allianceschulen niemandem in den Sinn gekommen. Dgs wäre in den 60 er Jahren ein wahrer Anachronismus gewesen! — Was hätten die Schüler mit der deutschen Sprache anfangen sollen? Niemand hätte ernsthaft meinen können, daß damit den Schülern etwas Nützliches erwiesen würde. Freilich haben sich seitdem die Dinge geändert. Der nach dem deutsch-französischen Krieg einsetzenden allmählichen glücklichen Wandlung in der Bedeutung und in dem Ansehen des Deutschtums in der Welt, dem friedlichen Siegeszug des deutschen Handels und dtzr deutschen Industrie, hat sich auch die Alliance Israelite Universelle nicht entziehen können. Den Anforderungen einer neuen Zeit mußte man gerecht werden. Deutscher Sprachunterricht hatte, da er für die Schüler notwendig wurde, nach und nach zur Einführung zu gelangen. Wo das bisher noch nicht geschehen ist, wird es in Angriff genommen werden müssen. . Wir in Deutschland durften nicht verkennen, daß unsere französischen Glaubensgenossen mit gemischten und zumeist peinlichen Empfindungen auf die Notwendigkeiten der neuen Zeit blicken mochten, wenn sie sich ihnen auch nicht widersetzten. Wir gewannen anfangs dieses Jahres in Paris die Zustimmung zu einer Neuordnung für Deutschland, die den deutschen Mitgliedern des Zentralkomitees entsprechenden Einfluß auf die gesamte Gestion und in mancher Beziehung volle Selbständigkeit sichert. Wir in Deutschland werden nichts tun, was deutschem Patriotismus entgegen ist, und wir werden uns in den Werken der Alliance nur von den Interessen derer leiten lassen, denen das Werk.der Alliance Israelite Universelle gewidmet ist. Daß zwischen heute und morgen nicht umgestoßen oder umgemodelt werden kann, was während eines halben Jahrhunderts unter Mühen und Sorgen geschaffen worden, ist selbstverständlich. Ein Schulplan ist leicht geändert, aber die Ausführung erfordert Zeit; es handelt sich doch um Anstalten, für die die Lehrer erst erzogen werden müssen. Das Zentralkomitee in Paris hat nun aus unsere Anregung neuerdings beschlossen, daß ein Teil der in der Ecole Normale in Auteuil zu Lehrern ausgebildeten Zöglinge vor der Rückkehr nach dem Orient und vor Beginn ihrer Lehrtätigkeit an den Allianceschulen nach Deutschland geschickt werden soll, um hier an geeigneten Lehrstätten sich in der Kenntnis und Wissenschaft der deutschen Sprache zu vervollkommnen. Wenn aber der Eindruck hervorgerufen sein will, daß die Alliance Israelite Universelle ganz und gar ein Organ französischer Propaganda geworden sei, so dürfte dieser Eindruck zu einem Teil unbegründet, zu dem Teil aber, zu dem er zutrifft, nicht durch die Alliance, sondern durch ein ganz anderes Moment verschuldet sein. Ich berufe mich dabei aus die jedermann zugänglichen, in zehntausenden Exemplaren verbreiteten Jahresberichte der Alliance Israelite Universelle, aus denen zu ersehen ist, daß die Allianceschulen, man darf sagen, überall, wo sie bestehen, durch gedeihliches und vorbildliches Wirken Würdigung finden, und daß ihre Leiter als Vertreter für die Interessen der jüdischen Bevölkerung anerkannt werden und in hohem Ansehen stehen. Diese Anerkennung verdanken sie dem nie versagenden Entgegenkommen, der steten Hilfsbereitschaft der diplomatischen oder konsularischen Repräsentation Englands und namentlich Frankreichs. Daß von deutscher Seite je nur ein ähnlicher humanitärer Dienst geleistet worden wäre, davon hat in mehr denn 40 Jahren nichts verlautet! Wir würden uns unserer Glaubensgenossen, wo immer sie weilen, schämen, wenn sie Gutes nicht in aufrichtiger Dankbarkeit vergolten hätten oder vergelten würden. Von deutscher Seite ist bisher, um ein solches Erkenntnisgefühl durch Anteil an Taten der Menschlichkeit zu wecken, nichts geschehen. Es ist nur die natürliche Folge des verständnisvollen Verhaltens, der nie ermüdenden und „ immer offensichtlichen Schutzbereitschaft, besonders von seiten der Vertreter Frankreichs, die das Herz der Juden in den Ländern des Orients mit Dankbarkeit und Liebe für Frankreich erfüllt haben. Wir können nur wünschen, daß Deutschlands Vertreter durch gleiche Aussaat die gleiche Ernte gewinnen. Die Alliance Israelite Universelle selbst kann daran nichts mehren noch mindern. Meine Freunde und ich sind der Meinung, die wir nicht aus theoretischen Erwägungen geschöpft haben, daß es ein großer Fehler

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