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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-23 · Heft 47 (23.11.1906) · p. Seite 564

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 47 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
Seite 564 (sequence 12)
Language
German
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564 - In der Tat bediente sich die Inquisition mitunter dieser absonderlichen Mittel, um sich ihrer Opfer zu bemächtigen, die oft aus der Mitte ihrer Familie verschwanden, ohne je wieder etwas von sich hören zu lassen. Die arme Juanita war infolgedessen von einer leicht erklärlichen heftigen Unruhe befallen worden, als sich plötzlich am anderen Tage in Saragossa ein dunkles Gerücht verbreitete, Holzhauer hatten auf dem Wege nach dem Walde in einem Graben, unter Strauchwerk verborgen und in nächster Nähe der Stadt, einen schrecklich entstellten und durchaus unkenntlichen Leichnam entdeckt; nur an den Kleidern hatte man erkennen können, daß der Unglückliche, der den Streichen der Meuchelmörder hatte unterliegen müssen, kein anderer als Diego war. Diebstahl war offenbar der Beweggrund des Verbrechens gewesen, denn man hatte ihm alles, was er bei sich trug, genommen. Der von den Holzhauern entdeckte Leichnam war in der Tat der eines armen Reisenden, den ein Euapo getötet hatte an demselben Tage, an welchem der Capatoz Diego in seinem Hause hatte anfheben lassen; sie hatten die Leiche in einer ihrer Höhlen in der Nähe von Saragossa versteckt. Matev hatte in der Nacht, als er die Diebsgesellen, die Diego bewachten. verließ, die Kleider des letzteren mitgenommen. Er hatte den Leichnam des ermordeten Reisenden hervorgeholt, durch Pistolenschüsse das Gesicht vollständig entstellt und ihm DiegoS Kleidungsstücke angezogen; dann hatte er ihn in einen Grabens geworfen, wo er mit Leichtigkeit entdeckt werden mußte. Der Capatoz hatte selber dieses gefahrvolle Werk vollbracht, welches er nur unter dem Schutze der Nacht auszuführen gewagt hatte; in der Tat hatte er, abgerechnet die Verfolgungen der Justiz, seine Untergebenen zu fürchten; die Guapos hätten ihren eigenen Anführer nicht geschont, wenn sie gewußt hätten, daß er die im Namen der Gesellschaft getroffenen Anordnungen verletzte und sie um den Preis brachte, den sie für eine Verdunkelung, wie sie in ihrer Sprache den Meuchelmord nannten, zu fordern hatten. Indessen war die traurige Nachricht schon in Diegos eigenes Haus gedrungen; einige Worte, die Jago mit Josefa gewechselt. hatte, ' hatten Juanita aufmerksam gemacht. Sie fragte die beiden Dienstboten, die ihr die Wahrheit verhehlen wollten, als sich ein großes Geräusch auf der Straße und namentlich vor der Tür des Hauses hören ließ. Es war das dumpfe Gemurmel einer unübersehbaren Menschenmenge, die sich in dichten Wogen heranwälzte. Juanita ging hinaus und öffnete eiligst die Tür, aber die Unglückliche bebte zurück, als sie das Schauspiel erblickte, das sich ihrem entsetzten Auge darbot. Vier Männer mit einem Leichnam auf den Schultern kamen auf die halbgeöffnete Tür zu; trotz des Blutes und Schlamines, mit dem die Kleider des Ermordeten bedeckt waren, erkannte sie Juanita genau wieder: es waren die Kleider ihres Vaters. Sie wankte und mußte sich an die Wand lehnen, um nicht hinterrücks zu fallen. Einen Augenblick suchte sie den ungeheuren Schmerz, der sie erfaßt hatte, zu überwinden; durch die Größe ihres Unglückes wurde ihr Mut gestählt, und in ihren Augen blitzte eine finstere Entschlossenheit. Aber als sie anstatt der lieben edlen Gestalt des so zärtlich geliebten Vaters, statt des Antlitzes, in dem sich soviel Liebe, Hingebung und Seelengröße vereinigten, die unförmliche Masse blutiger Fleischreste erblickte, schwanden dem armen Mädchen die eben noch so starken Sinne; sie stieß einen durchdringenden Schrei ans nnd sank ohnmächtig neben der Leiche nieder. Während man sich in Saragossa nur mit dem tragischen Ende des unglücklichen Diego beschäftigte, verfolgte der/Gras voir Rainira lebhaft die Ausführung seines Planes, an dessen vollständigem Gelingen er nun nicht mehr zweifelte. In der Tat stand Juanita jetzt allein da; ihr Vater war tot, wie man allgemein überzeugt war; Fernando saß im Gefängnis; man konnte das junge Mädchen nicht sich selbst überlassen, und das Gericht mußte für sie notwendigeriveise einen Vormund wählen, der den Auftrag hatte, über sie zu wachen und ihre Güter zu verwalten. Aber Ramira hatte in Saragossa viele mächtige Freunde. Als glühender Verteidiger der „Fuervs" und Privilegien der aragonischen Gerichtshöfe wußte er, daß er bei gewissen Gelegenheiten auf die Gefälligkeit der Richter rechnen konnte, und so gelang es ihm, ohne Schwierigkeit durchzusetzen, daß einer seiner intimsten Freurlde, Tueno, ein Abgeordneter Aragoniens, zun» Vormund Juanitas ernannt wurde, ohne daß er sich offell in die Sache zu mischen brauchte. Als Feind der Inquisition und als erbitterter Gegner der Absichten des Königs und des heiligen Offiziums, war Tueno dem Grafen durchaus ergebeil und handelte nur nach desseiil Willen. Die erste Sorge des neuernannten Vormundes war es also, das junge Mädchen im Ursulinerkloster nnterzubringen, dessen Superiorin, wie bereits erwähnt, die Schwester des Grafen war. In den ersten Tagen ihres Schmerzes war die arme Juanita unempfindlich gegen alles, tief erschüttert von so harten Schicksalsschlägen, und hatte daher alles mit sich machen lassen, ohne ihren Willen zu äußern. In ihrer stummen Niedergeschlagenheit fühlte sie sich durch die liebevolle Sorgfalt, die die Superiorin des Ursulinerinnenklosters für sie an den Tag legte, wunderbar erleichtert und getröstet. Aber als der Schmerz nach und nach milder wurde, als ihre Trauer allinählich einer ruhigen Ueberlegung wich, fing sie an über die Lage nachzudenken, in welche sie durch diese trüben Ereignisse versetzt war. In ihrer Einsamkeit und uriter allen den schmerzlichen Eindrücken, die auf sie einstürmteil, war ihr kein einziger Freund zur Seite gewesen. Einen Augenblick hatte sie die kalte und teilnahmslose Gestalt des Mönches Enriquez wohl bemerkt; der Dominikaner hatte ihr ein fast unmerkliches Zeichen gegeben; er hatte verstohlen einen Finger auf den Mund gelegt, dann war er verschwunden. Aber wodurch vermochte er ihr in der Lage, in der sie sich befand, zll helfen? Er hatte keine Ahnung davon, was sie zu erwarten hatte, welche Gefahren sie bedrohten nnd was aus ihr werden mußte. Uebrigens hatte sie mit der Inquisition nichts zu schaffen, und nur in diesem Falle hätte sie auf eine Hilfe seinerseits rechnen können. (Fortsetzung folgt.) Sprechlaat. Hochverehrter Herr Redakteur! ie nachfolgende Bestimmung wird sicher von allgemeinem Interesse sein; sie befindet sich in der Elsaß-Lothringischen Ver* waltungs-Zwangsvollstreckungsordnung vom 26. Mai 1905 und lautet 8 18, Absatz 1: „Zur Nachtzeit, sowie an Sonntagen und allgemeinen Feiertagen, dürfen Pfändungen und Versteigerungen nicht vorgenommen werden; ebensowenig gegen Israeliten am Sabbat und an israelitischen Festtagen" labgedruckt im Zentral- und Bezirksamtsblatt für Elsaß-Lothringen, Jahrgang 1905, Nr. 25, S. 216). Hochachtungsvollst Metz, 10. November 1906. Dr. H. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich sürdie Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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