Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- Seite 563 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 563 -— Judentum national oder universalistisch sei; das vierte Kapitel erörtert das Verhältnis zwischen Gott und Mensch im Judentums, das fünfte und sechste Gesetz und Gesinnung. Ich möchte gern das Urteil eines halbwegs unbefangenen christlichen Theologen über das vortreffliche Werk Güdemanns hören. Es ist ja möglich, daß er an der Schärfe mancher Sätze etwas auszusetzen, auch an dem einen oder anderen Argumente Nicht das zu finden hätte, was ihn überzeugen könnte, obwohl diese belanglosen Mängel lange nicht heranreichen an die Bissigkeit und Tendenzsucht eines Wellhausen, Jülicher und anderer Herren. Ich wenigstens kann es gar nicht fassen, wie man sich den geistvollen, dabei die strenge Wissenschaftlichkeit nur selten hintansetzenden Ausführungen Güdemanns mit gutem Gewissen verschließen vermag. Sind denn seine Beweise für die universalistische Gottesauffassnng des nachprophetischen Judentums nicht stichhaltig? In dieser Frage wird von christlicher Seite überhaupt viel gesündigt und mit leeren Phrasen operiert, wie ja im allgenreinen das Wort Wredes zu vollem Rechte besteht, es gebe Forscher, „die bei jeder evangelischen Geschichte eine so genaue Kenntnis der geschichtlichen Umstände, namentlich eine solche Intimität mit dem Seelenleben Jesu verraten, daß man zweifeln möchte, ob man einen Vertranten Jesu reden hört oder aber einen Roman liest. Die Wissenschaft vom Leben Jesu krankt an der psychologischen Vermutung, und diese ist eine Art des historischen Ratens." (Das Messiasgeheimnis in den Evangelien S. 3.) Ich verweise den Leser auf meine demnächst erscheinende Schrift: „Der Kampf zwischen Judentum und Christentum in den ersten drei christlichen Jahrhunderten," wo ich über die universalistische Gottesauffassung und über das „Gesetz" ausführlich spreche. Was ist denn der Kern in dem Streite, ob universalistisch oder national? Daß das Judentum sowohl in vorals auch in nachprophetischer Zeit den einzigen Gott als den Schöpfer und Eigner der Welt verehrte, wird doch niemand in Abrede stellen wollen. Nur behauptet die , christliche Theologie, die Schriftgelehrten hätten diese Gottesauffaffung verengert, ins Kleinliche, Nationale zurückgeschraubt, indem sie Gott nur zum Wohle Israels herrschen laffen, als ob für ihn nur ein Volk da wäre: Israel. Vorerst zugegeben, dem wäre so. War diese Anschauung so ungerechtfertigt in jenen Zeiten, inmitten von Völkern, die wie reißende Wölfe in Gottes fronune Herde eindrangen? Wie stellt sich denn die heutige Christenheit zum Heidentume? Sie berühmt sich der universalistischen Gottesauffassung, aber »nr für die Christenheit; die Heiden sind, wenn sie nicht hören wollen, von der göttlichen Gnade ausgeschlossen, selbst die Juden sind es, die zwar denselben Gott, aber nicht Jesum haben. Ist daS etwa universalistisch, wenn das athanasianische Symbolum sagt: „Wer das Heilerlangen will, muß vor allem an dem katholischen Glauben festhalten?" Oder ist der folgende Satz eines modernen christlichen Apologeten so sehr universalistisch: „Hieraus folgt die Ungereimtheit und schwere. Sündhaftigkeit der religiösen Toleranz, als ob alle oder mehrere Konfessionen vor Gott und zur Erlangung des Heiles gleichen Wert und folglich gleiches Recht hätten"!? (Bei Güdemann, S. 65.) Was soll man dazu sagen. . . wenn ein christlicher Philosoph unserer Tage wie Wundt in einem und demselben Atem, mit dein er die Menschenliebe als Prärogativ des Christentums preist, mit Verleugnung derselben den Satz niederschreibt: „Der verschwindenden Minderzahl der Dissidenten und Juden, die, wenn sie sich auch dem Einflüsse des Christentums auf unsere sittlich-religiöse Weltanschauungen uicht entziehen... kann kein für die Erziehung der Gesamtheit der Staatsangehörigen entscheidender Einfluß zukommen." (Das. S. 86.) Also mit der universalistischen Gottesidee des Christentums ist es selbst heute noch nicht allzuweit her. Wer wollte dann staunen über die Juden, daß sie vor 2000 Jahren, in jenen gewaltigen Kampfzeiten, den Allvater den Heiden absprachen, die von ihm nichts wissen wollten? Und dennoch, trotz der Ungunst der Zeiten, trotz des störrischen Heidentums, welche Fülle von Sentenzen und Ideen gerade bei jenen so verlästerten Schriftgelehrten, die im Menschen nur den Menschen, das Gotteskind sehen, in Gott den Vater aller Menschen! (Bei Güdemann S. 67 ff.) Ob noch ein zweites Religionsbekenntnis so human für den Fremden sorgt, ihn Bruder nennt, ihn dem Israeliten, dem Beisaß gleichstellt, wie die Heilige Schrift an ungezählten Stellen es tut!? (Daselbst S. 55 ff.) Die Wahrheit ist sonach, daß die jüdische Religion niemals das nationale Bewußtsein auf Kosten des Menschheitsbewußtseins ausgebildet hat. (Das. S. 5t.) Gewiß, wir können auch bei Christeil ebensohäufig von wahrem Universalismus erfüllte Gedanken und Lehren lind Taten finden; nicht nur bei Laien und Freimaurern, sondern auch bei Priestern und Theologen. Das spricht nur dafür, daß Judentum und Christentum in ihren Grundzügen universalistisch sind, daß es aber Menschen und Zeiten gibt, die da wie dort das Allgemeinmenschliche zu verschütten drohen, daß daher jede Religion in ihrem Kreise das Erhabene lehre und künde, und die protestantischen Theologen nicht gut daran tun, hämisch und unchristlich das Judentuin herunterzureißen, um auf unsere Kvsteil ihr Christentum in den Himmel zu heben. Bon ihnen sagt Jesus: „Was sichst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken aber in deinem Auge bemerkst du nicht? . . . Heuchler, ninun zuerst den Balken aus deinem Auge, uild alsdann magst du sehen, den Splitter ans deines Bruders Auge zu nehmen." (Btt. 7, 8 ff.) Wie wahr sind doch die Worte Güdemanns: „Was ist das übrigens für eine religiöse Gesinnung, die sich vergnügt die Hände reibt, Männer wie Hillel lind Akiba zu erniedrigen, uni die eigenen Größen, deren historische Umrisse doch nur sehr unbestimmt sind, dadurch zu erhöhen?" (S. 175.) Aus trüber Leit. Eine historische Erzählung. XIII. ^uanita, die schon an Klugheit und Unlsicht gewöhnt war. hatte nicht gewagt, direkt in der „Manifestacion" Nachfragen zu lassen, ob der Alcalde in der vergangenen Nacht wirklich ihren Vater hatte rufen lassen. Sie hatte sich damit begnügt, ihren Bedienten Jago dorthin zu schicken, um Nachrichten von Fernando zu erhalten. Dieser hatte antworten lassen, daß er sich wohl befinde, er bat zugleich sie und Diego, seinetwegen unbesorgt zu sein; er hätte einen seiner Richter gesehen, und der Prozeß werde bald zu seinen Gunsten endigen. Diego war also nicht im Gefängnis gewesen; der Alcalde hatte ihn nicht dorthin rufen lassen; vor den Augen des armen Mädchens erhob sich die unversöhnliche Inquisition, die ihre blutige Hand ans sie und die Ihrigen schwer nieder- I fallen ließ!